Was sich in welcher Alzheimer-Forschung tut

Mehr als 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz, die meisten von ihnen an Alzheimer. Nun ist erstmals in Europa ein Medikament erhältlich, das die Nervenerkrankung im Frühstadium zu bremsen verspricht.
Für den Neurologen Thorsten Bartsch ist das neue Medikament Lecanemab nichts weniger als ein „Meilenstein“. Erstmals, sagt der Leiter der Gedächtnisambulanz am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, könne bei Alzheimer direkt in den Krankheitsprozess eingegriffen werden. „Wir haben die Möglichkeit, direkt die Vorgänge, die zu dieser Ablagerung von fehlgefalteten Eiweißen führen, zu beeinflussen“, erklärt Bartsch im NDR-Gesundheitsmagazin „Visite“.
Am Anfang einer Alzheimer-Erkrankung beobachten Forschende unter anderem eine falsche Zerlegung bestimmter Proteine. Im Gehirn entstehen instabile Eiweißstücke, Beta-Amyloid. Auch bei Gesunden passiert das – der Körper kann die Eiweißbruchstücke allerdings noch abbauen. Bei Alzheimer aber entsteht zu viel Beta-Amyloid, das sich zu sogenannten Protofibrillen zusammenlagert. Sie gelten als besonders schädlich für die Nervenzellen. Schließlich bilden sich größere, unlösliche Plaques – ein typisches Merkmal der Krankheit.
Von der Symptomlinderung zur Therapie
Bislang konnten Neurologen wie Thorsten Bartsch nichts gegen den geistigen Verfall ihrer Patientinnen und Patienten tun, nur versuchen, die Symptome zu lindern. 2023 wurde dann in den USA der neue Wirkstoff Lecanemab zugelassen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) gab aber erst im April dieses Jahres grünes Licht.
Seit Anfang September ist das Medikament in Deutschland verfügbar. Dabei handelt es sich um einen Antikörper, der an die entscheidenden Formen von Beta-Amyloid bindet. Die dadurch entstehenden Komplexe können von den Immunzellen aufgenommen und abgebaut werden. In der Folge können die für die Nervenzellen giftigen Eiweißstoffe keinen Schaden mehr anrichten.
Moderate Effekte
Tatsächlich kommt das neue Medikament aber wohl nur für rund zehn Prozent der von Alzheimer Betroffenen infrage – in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung. Denn Lecanemab kann den Krankheitsprozess nicht stoppen, sondern nur bremsen. Studiendaten, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden, ergaben eine Verlangsamung um knapp 30 Prozent in 18 Monaten.
„Je früher die Therapie anfängt, desto besser ist der Erfolg“, sagt der Göttinger Neurowissenschaftler André Fischer vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen. Bereits eingetretene Schäden können nicht rückgängig gemacht werden.
Aufwändige Behandlung
Die europäische Zulassungsbehörde war zunächst auch deshalb zögerlich, weil die Therapie Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen und Mikroblutungen haben kann. Menschen, die den neuen Antikörper-Wirkstoff bekommen, brauchen deshalb zur Kontrolle regelmäßig ein MRT ihres Gehirns.
Alzheimer-Patienten mit einer bestimmten genetischen Anlage – zwei Kopien des sogenannten ApoE4-Gens – sind wegen ihres erhöhten Risikos für diese Komplikationen grundsätzlich von einer Behandlung ausgeschlossen. Insgesamt ist die Therapie mit Lecanemab aufwändig, denn sie erfordert alle zwei Wochen eine Infusion. In Kürze wird die Zulassung eines zweiten Antikörpers erwartet: Donanemab soll stärker wirken und wird alle vier Wochen gegeben.
Bluttests zur Früherkennung
Weil die Früherkennung so entscheidend ist, um den Untergang von Nervenzellen zu bremsen, suchen Forschende weltweit nach aussagekräftigen Biomarkern im Blut, die schnell und einfach Hinweise auf eine sich entwickelnde Alzheimer-Erkrankung geben können. Auch am DZNE in Göttingen wird daran geforscht. Neurowissenschaftler André Fischer hofft, dass man solche Tests künftig zum Screening einsetzen kann, für alle ab 60, alle zwei Jahre. Wessen Test auffällig sei, den könne man dann in die Gedächtnisambulanzen schicken, so Fischer.
Zwei Bluttests auf fehlerhafte Eiweiße werden in Europa bereits im Rahmen klinischer Studien eingesetzt. Der Kieler Neurologe Thorsten Bartsch hofft, dass sie schon bald die Routinediagnostik der Alzheimer-Erkrankung unterstützen können. Das Ziel: Mit der Analyse kleiner Mengen Blut in Zukunft die aufwändige und belastende Nervenwasserpunktion zu ersetzen, die es zurzeit noch zwingend für die Diagnose Alzheimer braucht.
Prävention wichtig
Unabhängig von neuen Antikörper-Medikamenten setzt Thorsten Bartsch auf Prävention durch eine Veränderung des Lebensstils. Der Kieler Neurologe empfiehlt viel Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und den Verzicht aufs Rauchen.
Auch andere Risikofaktoren für eine Demenz sind beeinflussbar: Diabetes und Übergewicht lassen sich ebenso behandeln wie Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel. Hörgeräte sorgen für soziale Teilhabe – auch das ein wichtiger Faktor, um die grauen Zellen fit zu halten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt ein aktives, gesundes und geselliges Leben zur Demenzprävention.
Risikominderung durch Gürtelrose-Impfung
Darüber hinaus gibt es eine weitere Möglichkeit, das Risiko für eine Demenz zu reduzieren: Die Impfung gegen Gürtelrose-Viren. Das belegt eine jüngst im Fachmagazin Nature publizierte Studie aus Wales. Dort bekamen Seniorinnen und Senioren, die am Stichtag jünger als 80 Jahre alt waren, eine kostenlose Gürtelrose-Impfung. Sie erkrankten in den folgenden sieben Jahren seltener an Gürtelrose als die nur wenige Tage älteren, nicht Geimpften. Als Nebeneffekt zeigte sich, dass die Impfung das Risiko einer Demenzerkrankung um 20 Prozent senkte.
Ähnliche Effekte sind auch bei anderen Viren denkbar, sagt Konstantin Sparrer vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Ulm. Unklar ist aber noch, wie genau Virusinfektionen Demenzerkrankungen befördern. Entweder die Viren dringen direkt ins Gehirn ein und schädigen dort die Nervenzellen. Oder das Immunsystem wird durch die Infektion so stark stimuliert, dass es überreagiert. In der Forschung zeichne sich ab, so Konstantin Sparrer, „dass jegliche Virusinfektion nicht gut ist für eine Demenz“. Seine Schlussfolgerung: Eine Impfung, die vor einer Infektion schütze, könne auch vor Demenz schützen.
Source: tagesschau.de