Karrieren unter Putin: Erst an die Front, dann in die Politik

Russlands Zukunft soll den Kriegern gehören, das macht Wladimir Putin immer wieder klar. Jüngst am Donnerstag, als Russlands Präsident die Spitzen der Fraktionen in der Duma, dem Unterhaus, an einem dunklen Ovaltisch in seiner Residenz westlich von Moskau versammelte.
Anlass waren Scheinwahlen für Gouverneure, Regionalparlamente und Stadträte in 80 Landesteilen sowie in Sewastopol auf der Krim (die beiden ukrainischen Landesteile wurden 2014 einzeln annektiert) von Freitag bis Sonntag voriger Woche. In der Folge erhalten mindestens 957 weitere Russen, die in der Ukraine gekämpft haben, Mandate, mehr als dreimal so viele wie schon bei Scheinwahlen vor einem Jahr.
Die Ablösung – aber natürlich nicht für Putin selbst
„Ich weiß, dass sich gerade Teilnehmer der Kampfhandlungen Ihren Reihen anschließen“, sagte Putin den Fraktionschefs, obwohl nur acht vakant gewordene Duma-Mandate vergeben wurden. „Ich bin sicher, dass sie einen positiven Beitrag zur Arbeit der politischen Parteien leisten werden, sowohl vor Ort als auch in der Zentrale“, fuhr Putin fort. „Wir müssen Menschen suchen, finden und fördern, die im Dienst für die Heimat nichts fürchten und bereit sind, ihre Gesundheit und ihr Leben zu riskieren. Und solche Menschen müssen in Führungspositionen gebracht werden. Das wird unsere Ablösung sein.“
Zwar schicken sich weder Putin noch die Fraktionschefs an, sich „ablösen“ zu lassen, trotz ihres teils vorgerückten Alters: Sergej Mironow von Gerechtes Russland ist wie der Präsident 72, Wladimir Wassiljew von Einiges Russland 76, Gennadij Sjuganow von den Kommunisten 81 Jahre alt. Aber das Bild vom Krieg als Sprungbrett für eine Karriere im Staatsdienst ist ein Motivationselement wie der hohe Sold. Es soll Russen ermutigen, sich der Armee zu verpflichten.
„Helden“ sollen sich „politisch realisieren“
Eine der wichtigsten Aufgaben von Einiges Russland sei es, zu ermöglichen, dass sich „unsere Helden“ nach der Rückkehr von der Front „politisch realisieren“ könnten, sagte Boris Gryslow, der 74 Jahre alte Vorsitzende des Obersten Rats der Machtpartei, am Donnerstag. Er stellte unter Applaus im Saal sieben Veteranen vor, die jetzt Mandate in verschiedenen Regional- und Stadtparlamenten bekommen. Die Männer saßen in Uniformen mit Orden daneben und erhoben sich kurz, wenn sie an die Reihe kamen; einer, der im Rollstuhl saß, stützte sich auf dessen Lehnen auf.
Gryslow sagte, mehr als 45.000 Mandate seien gerade vergeben worden. Demnach erhalten Kriegsteilnehmer gut zwei Prozent davon. Dmitrij Medwedjew, der Vorsitzende von Einiges Russland und Putins Stellvertreter im Vorsitz des Nationalen Sicherheitsrats, äußerte, 2026 würden noch mehr Veteranen aufgestellt. Dann stehen auch neue Scheinwahlen zur Duma an.
Funktionäre dürfen ihren Status durch einen Einsatz retten
Umgekehrt versuchen Funktionäre, durch eine Kriegsteilnahme ihren Stand im Machtsystem zu verbessern, zumal wenn sie Ziel von Ermittlungen geworden sind. Auch in Russland begangene, schwere Verbrechen bis hin zum Mord sind kein Problem mehr. Wenn man sich dem Militär verpflichtet, lockt die Aussicht, Freiheit und Status zurückzuerlangen – sofern man den Einsatz überlebt.
Veteranen sollen schon Kinder begeistern, werden in Schulen eingeladen. Putin selbst sprach erstmals Ende Februar 2024 davon, dass Kriegsteilnehmer Russlands „echte Elite“ seien, und stellte das Förderprogramm „Zeit der Helden“ vor, aus dem nun auch einige Absolventen Mandate bekommen haben sollen. Der Präsident selbst wird eigentlich penibel abgeschirmt, inszeniert sich aber als fronterfahrener Feldherr. Mittlerweile nimmt Putin Manöverübungen in Tarnfleckuniform ab, jüngst am Dienstag zum Ende von Sapad-2025.
Wie passt die Ablösung Kosaks ins Bild?
Ins Bild passt, dass mit Dmitrij Kosak nun ein langjähriger Weggefährte Putins Dienste verlassen hat, der den Krieg angeblich ablehnt. Der 66 Jahre alte Jurist war seit den Neunzigerjahren in der Stadtverwaltung von Sankt Petersburg an Putins Seite, bekleidete später hohe Positionen in Regierung und Präsidialverwaltung, zuletzt als einer von deren stellvertretenden Leitern.
Schon seit Langem war klar, dass Putin nicht mehr gut auf Kosak zu sprechen war. Denn am 21. Februar 2022, drei Tage vor dem Überfall auf die Ukraine, hatte Putin sein Führungspersonal getestet und zugleich in Mithaftung genommen, als er eine Sicherheitsratssitzung zur Anerkennung der „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk als „Staaten“ abhalten und großenteils veröffentlichen ließ.
Kosak war damals Putins Mann für den Minsker Prozess. Klar wurde, dass er diesen fortführen wollte, Putin dagegen nicht. Er schickte Kosak auf seinen Platz zurück, Kosak sagte zuletzt, er denke, noch mit Putin gesondert zu sprechen. Bald darauf berichteten unabhängige Medien, Kosak sei bei Putin „in Ungnade gefallen“, ihm sei die Zuständigkeit für die „Volksrepubliken“ entzogen und Sergej Kirijenko übertragen worden, Putins Mann für die Innenpolitik.
Im vergangenen August berichtete die „New York Times“ unter Berufung auf anonyme russische und westliche Quellen, dass 2022 Kosak „im Privaten“ gesagt habe, er habe Putin geraten, nicht in die Ukraine einzumarschieren. Im laufenden Jahr habe Kosak dem Präsidenten geraten, mit dem Kämpfen aufzuhören und Friedensverhandlungen zu beginnen. Zudem habe Kosak Putin Reformen empfohlen, die Sicherheitskräfte der Regierung zu unterstellen und eine unabhängige Justiz aufzubauen.
Kosak sei der einzige ranghohe Beamte, der Putin offen sage, dass er mit dem Krieg nicht einverstanden sei, wiewohl er die Kritik nicht öffentlich mache, zitierte die Zeitung „Leute, die dem Kreml nahestehen“. Nun berichtete das Portal RBK, Kosak prüfe „Vorschläge“, in die Wirtschaft zu gehen, ehe Putins Sprecher bestätigte, Kosak gehe „auf eigenen Wunsch“.
Source: faz.net