Memes | Attentat aufwärts Charlie Kirk: Aus den menschenverachtenden Untiefen dieser Meme-Kultur
Charlie Kirk war ein Meister der Polarisierung. Erst durch die Reaktionen auf seine rechtsextremen Äußerungen wurde er überhaupt zu Charlie Kirk. Die algorithmische Struktur der sozialen Medien favorisiert Material, das auf viel Interaktion stößt. Jede entrüstete oder entsetzte Reaktion auf Kirk sorgte deswegen nur für noch mehr Verbreitung.
Kirk war Teil einer extremen Rechten, die ihren Einfluss, ihre Bilder und ihre Codes im Wesentlichen dem Internet verdankt. Sie ist alles andere als homogen, immer wieder gibt es Konflikte, zerbrechen Allianzen, und es entstehen tiefe Feindschaften. Eine davon ist die seit mehreren Jahren andauernde Fehde zwischen dem rechtsradikalen Antisemiten Nick Fuentes und Charlie Kirk.
Fuentes vereint hinter sich eine mit Internethumor, Memes und obskuren Referenzen hantierende Online-Gemeinschaft, die seit ungefähr 2019 als „Groyper“ bekannt ist. Im selben Jahr brach zwischen Fuentes, seiner Gefolgschaft und Kirk und seinen Anhängern der sogenannte „Groyper War“ aus.
So erklärt sich die Vermutung, dass der Mordanschlag Teil eines neuen „Groyper War“ sein könnte. Als der Tatverdächtige, der 22-jährige Tyler R., festgenommen wurde und die Polizei Angaben über eingravierte Inschriften auf Patronen machte, sahen einige Beobachter dies als Beleg. Dabei zeigen die Inschriften vor allem eines sehr deutlich: Der Täter ist fest in der Internetkultur verwurzelt, er spielt mit Memes und Phrasen, die im Internet schon lange populär sind.
Homophobe Trollkultur
Die Aussage „If you read this you are gay lmao“ (Wer das liest, ist schwul) zum Beispiel bezieht sich auf eine enthemmt homophobe Trollkultur, in der „schwul“ ein völlig akzeptiertes Schimpfwort ist und gleichzeitig das spöttische Lachen über die beim Posten verursachten negativen Emotionen dazugehört. Trolle versuchen mit ihrem Internetverhalten in ihrem Gegenüber starke Affekte, am besten negativer Art, zu produzieren. Gewonnen hat man, wenn man das Gegenüber zu Wut oder Tränen provoziert hat und dann auslachen kann.
Klaus Theweleit hat 2015 in seinem Buch Das Lachen der Täter über faschistische Gewalttäter wie den norwegischen Massenmörder Anders Breivik geschrieben. Während Breivik noch ein absurd langes, verworrenes Manifest zu seiner Tat schrieb, reicht Tyler R. ein „lmao“ („laughing my ass off“) auf der Patrone.
Die reale Gewalt wird so ironisiert, mit Internethumor verknüpft, was den menschenverachtenden Aspekt der Tat jedoch nicht verharmlost, sondern im Gegensatz sogar noch verschärft. Das Opfer wird verlacht, die endlose mediale Reproduktion der „lmao“-Aufschrift wird Teil der Gewalttat. Gewalt wird zum Meme, das endlos reproduziert und in immer neue Kontexte gestellt wird.
Nun zeichnen sich Internetmemes durch ihre Mehrdeutigkeit aus. Wenn sie besonders erfolgreich sind, liegt es daran, dass sie in unterschiedlichen Gemeinschaften mit teilweise völlig entgegengesetzter Bedeutung verwendet werden können. Dass wir über die Bedeutung von Memes diskutieren, teilweise zu völlig unterschiedlichen Deutungen kommen, ist für Memes konstituierend.
Schon 2022 schrieben Joan Donovan, Emily Dreyfuss und Brian Friedberg in ihrem Buch Meme Wars: „Diese Memes machten deutlich, zu welcher Gruppe die Person gehörte, die sie teilte, ein Schlüsselaspekt von Memes. Memes signalisieren die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Gruppe. Manchmal sind sie so sehr ein Insiderwitz, dass sie für Outsider unverständlich bleiben.“
Gezielte Uneindeutigkeit und Verwirrung
Zur toxischen Melange der Memekulturverweise bei einer Gewalttat gehört deswegen auch, dass die anhaltende Lust an Deutung und Interpretation dem Lachen des Täters eine viel größere mediale Relevanz gibt, als es sonst der Fall wäre. Und die Mehrdeutigkeit sorgt auch dafür, dass politische Strömungen die Tat relativ reibungsfrei für ihre Zwecke umdeuten können.
Das wurde sichtbar, als die Patronenaufschrift „Oh bella ciao, bella ciao, ciao, ciao“ aus Unkenntnis als eindeutiger Beleg für ein antifaschistisches Motiv gelesen wurde. Das ursprünglich antifaschistische Lied aus Italien hat seit einigen Jahren durch den Einsatz in Computerspielen und Fernsehserien in der Internetkultur auch eine völlig andere Konnotation. Uneindeutigkeit und Verwirrung waren offensichtlich das Ziel des trollenden Täters, der so die mediale Sichtbarkeit seiner Tat noch verstärkte.
Wie lässt sich mit dieser neuen Qualität von Gewalt umgehen, die eng mit der Internetkultur verwoben ist? Mittlerweile geht diese über viele Jahre auf Hasswellen und Trollaktionen im Internet beschränkte Gewalt regelmäßig in die Offline-Welt über. Sie trifft auf eine Gesellschaft und traditionelle Medien, die ihr hilflos und verständnislos gegenüberstehen. Und die auch jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten sollten:
Denn im Netz gibt es auch immer noch eine spielerische Memekultur, in der permanentes Remixen und Rekontextualisieren humorvoll und kreativ eingesetzt werden. Diese Kultur gilt es vor ihrer menschenfeindlichen Pervertierung zu bewahren.