Offensive in Gaza-Stadt: Israels Armee geht mit „eiserner Faust“ gegen Hamas vor

In palästinensischen Berichten ist von den heftigsten Bombardierungen im Gazastreifen seit Wochen die Rede. Am Montagabend begann die israelische Armee, Gaza-Stadt mit Kampfflugzeugen, Drohnen und Artillerie anzugreifen. Die Attacken hielten die Nacht über an, sie konzentrierten sich Medienberichten zufolge auf den Norden und den Westen der größten Stadt des Küstenstreifens. Am Dienstagmorgen war in lokalen Berichten auch von Panzern die Rede, die auf den Straßen zu sehen seien. Mehr als 40 Menschen seien seit Mitternacht im Gazastreifen getötet worden, hieß es unter Berufung auf Angaben von Krankenhäusern, Hilfsorganisationen und Behörden.

Eine Woche nach der Aufforderung an alle Bewohner, Gaza-Stadt zu verlassen, hat die israelische Armee damit offenbar ihre Bodenoffensive eingeleitet. Israels Verteidigungsminister Israel Katz pries die Angriffe. „Gaza brennt“, schrieb er am Dienstagmorgen auf der Plattform X. Die Armee gehe „mit eiserner Faust“ gegen „die terroristische Infrastruktur“ vor, um die Voraussetzungen für die Freilassung der Geiseln und die Niederlage der Hamas zu schaffen, erläuterte Katz. Bis diese Mission erfüllt sei, „werden wir nicht nachgeben oder umkehren“.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte örtlichen Medienberichten zufolge bei einem Prozess in Tel Aviv, Israel habe „eine intensive Operation in der Stadt Gaza begonnen“.

Israel zielte zunächst auf Hochhäuser

Anfang August hatte das Sicherheitskabinett der israelischen Regierung die Einnahme von Gaza-Stadt beschlossen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnete das als notwendig, um Israels Kriegsziele zu erreichen. Seither gab es Luftangriffe, deren Schwerpunkt zunächst im Osten der Stadt lag. Anfang September begann die Armee, nicht zuletzt auch Hochhäuser zu bombardieren. Diese dienten zahlreichen Menschen als Zufluchtsort. Laut Angaben Katz‘ sollen diese Angriffe Beobachtungsposten der Hamas zerstören und auf diese Weise einen Häuserkampf vorbereiten. Belege für Hamas-Einrichtungen in den zerstörten Hochhäusern hat die Armee nicht präsentiert.

Auch am Montag wurde ein Hochhaus in Gaza-Stadt dem Erdboden gleichgemacht, das 20 Stockwerke hohe Al-Afri-Haus. Zahlreiche weitere Gebäude wurden bombardiert. Zudem setzte die Armee mit Bomben präparierte Fahrzeuge ein, die sie in Wohngebieten detonieren ließ. Das Gesundheitsministerium in Gaza, teils der Hamas unterstellt, meldete am Montagabend 62 Tote.

Seit Mitte August sind laut Schätzungen der Armee etwa 320.000 Bewohner aus der Stadt geflohen. In der Nacht zum Dienstag dürften noch einmal Tausende weitere dazugekommen sein. Auf Videos, die im Internet verbreitet wurden, waren auch Menschen zu sehen, die auf der Straße übernachteten – mutmaßlich neue Flüchtlinge innerhalb von Gaza-Stadt. Ungeachtet der Aufforderung zur Zwangsevakuierung vor einer Woche harren Hunderttausende Menschen weiter in der Stadt aus. Vor dem Beginn der Angriffe hielten sich Schätzungen zufolge etwa eine Million Menschen in Gaza-Stadt auf.

Hamas nutzt die noch lebenden Geiseln als Schutzschilde

Aus der Armee heißt es, man erwarte, dass der Großteil der Bewohner der Evakuierungsaufforderung nachkommen werde, sobald die Angriffe sich intensivieren. Gesagt ist das aber nicht, denn sowohl die Sicherheitslage als auch die humanitären Bedingungen in den Gebieten, in welche die Menschen fliehen sollen, sind alles andere als gut. Viele Bewohner wollen nicht fliehen, und viele weitere sind laut Angaben von Hilfsorganisationen zu schwach, um den beschwerlichen Weg nach Süden auf sich zu nehmen.

Die Präsenz zahlreicher Zivilisten würde einen Bodeneinsatz der Armee in Gaza-Stadt kompliziert machen. Hinzu kommen die Geiseln, welche die Hamas seit dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 festhält – etwa 20 lebende und die Leichen von weiteren etwa 28 Personen. Die Hamas hat klargemacht, dass sie bereit ist, diese Verschleppten als menschliche Schutzschilde einzusetzen. Berichten zufolge soll sie Geiseln aus dem Untergrund geholt und strategisch in bestimmte Gebiete von Gaza-Stadt gebracht haben – in der Erwartung, dass israelische Soldaten sich den Verstecken nicht nähern werden. Andernfalls würden die Geiseln getötet, hat die Hamas gedroht.

Diese Angst treibt in Israel vor allem auch Angehörige und Freunde der Geiseln um. Als sich am Montagabend die ersten Berichte über die verstärkten Angriffe in Gaza-Stadt verbreiteten, verkündete eine Gruppe von Geiselangehörigen, sie werde ein Protestcamp vor der Residenz Netanjahus in Jerusalem aufschlagen. „Wir hören die Bombenangriffe auf unsere Kinder und können nicht einfach zu Hause sitzen bleiben“, sagte Einav Zangauker, deren Sohn Matan zu den Geiseln gehört. Die Polizei ließ den Protest zu. Sie sperrte die Straße jedoch ab, so dass keine weiteren Demonstranten zu der kleinen Gruppe hinzustoßen konnten, die mit Schlafsäcken und Zelten auf der Straße übernachtete. Die Angehörigen riefen Netanjahu dazu auf, ein Abkommen mit der Hamas einzugehen und die Geiseln auf diesem Weg zurückzubringen.

Bericht: Streit zwischen Netanjahu und Armeechef

Auch die Armeeführung ist Medienberichten zufolge verärgert darüber, dass die Regierung einseitig auf militärischen Druck setzt. Der Sender Kan berichtete am Montagabend, es sei zu einer teils lautstarken Auseinandersetzung zwischen Netanjahu und Armeechef Eyal Zamir gekommen. Dieser habe dabei von dem Ministerpräsidenten gefordert, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um eine Verhandlungslösung zu erreichen. Zamir warnte, offenbar zum wiederholten Mal, dass eine Bodenoffensive das Leben der Geiseln gefährden würde. Netanjahu erwiderte dem Bericht zufolge, die herrschende Einschätzung sei, dass verstärkter militärischer Druck die Hamas zum Einlenken bewegen werde.

Die Hamas zeigte sich vorerst unbeugsam. In einer Mitteilung am frühen Dienstagmorgen warf sie Netanjahu vor, er trage „die volle Verantwortung“ für das Leben der Geiseln im Gazastreifen. Weiter hieß es, die systematische Zerstörung und Vernichtung, denen Gaza ausgesetzt sei, bedrohe auch das Leben der dort festgehaltenen Israelis.

Die Hamas reagierte mit ihrer Erklärung auch auf neue Äußerungen von Donald Trump. Der amerikanische Präsident hatte der islamistischen Organisation am Montagabend einmal mehr gedroht. Auf seiner Plattform Truth Social schrieb er, sollte die Berichte stimmen, wonach die Hamas Geiseln in Gaza-Stadt als menschliche Schutzschilde einsetze, dann „sind alle bisherigen Wetten ungültig“.

Source: faz.net