Indonesien | Giftschlamm tötet Arbeiter: Wie deutsche Elektroautos in Indonesien Menschenleben kosten
Vor ihrem Haus donnern Tag und Nacht schwer beladene Lastwagen vorbei. Sie bringen das Erz aus der größten Nickelmine der Welt in den Industriepark. Seit Weda Bay Nickel (WBN) 2019 mit dem Abbau begonnen hat, ist das Brunnenwasser in Helene Mustakulings Garten salzig geworden.
Mustakuling lebt in einer kleinen Holzhütte mit ihrem Enkelkind in Lelilef, einem kleinen Küstenort auf der indonesischen Insel Halmahera. Die Luft ist sehr dunstig. Immer wieder übertönt das metallische Kreischen von Maschinen die Worte von Mustakuling. „Das Land kann nicht mehr für Landwirtschaft genutzt werden“, klagt sie über ihren Garten.
Denn während der Boden oft austrocknet, kommt es jetzt, bei Regen, zu heftigen Überschwemmungen. Der typische Anbau von Nelken und Muskatnüssen, eine wichtige Einnahmequelle auf Halmahera, ist nicht mehr möglich. Die hochwertigen Nickelvorkommen in Indonesien haben eine dunkle Kehrseite. Und sie belasten längst nicht nur die Natur.
Forscher sprechen von einem „Ökozid“
Die Konzession, auf der auch der Industriepark IWIP steht, umfasst 45.000 Hektar. Beim Nickelabbau werden Schwermetalle freigesetzt, darunter sechswertiges Chrom, das hoch krebserregend ist. Eine Studie, von WBN in Auftrag gegeben, ergab im vergangenen September, dass bereits 15 Flüsse in und um das Abbaugebiet mit Schwermetallen belastet sind. Einer davon ist der Sagea-Fluss, der in Lelilef ins Meer mündet.
„Hier überlebt kein Fisch“, sagt der Biologe Aris Muhammad von der Universität Khairun. Die Studienautoren empfahlen, dass WBN neue „Sedimentbecken“ errichten und seine als gefährlich und giftig eingestuften Abfalldeponien isolieren müsse. Vor wenigen Jahren war Sagea voller Leben. Die Bewohner tranken aus dem Fluss, nutzten das Wasser zum Kochen und gossen ihre Gärten damit. Nun trinkt niemand mehr daraus. Mustakuling muss Trinkwasser in Plastikflaschen kaufen. „Allein dafür gebe ich monatlich 600.000 Rupien aus.“ Das sind circa 30 Euro. Viel Geld auf der Insel Halmahera, wo Subsistenzwirtschaft eine große Rolle spielt. Da der Anbau zur Selbstversorgung zurückgegangen ist, sind auch Lebensmittel teurer geworden.
Nickel ist ein weiß-silbrig glänzendes Element, das Stahl beigefügt wird, um ihn vor Korrosion zu schützen. Zwei Drittel der Weltproduktion gehen in die Stahlindustrie. Das Metall ist aber auch eine wichtige Zutat in Elektroautobatterien, was die Nachfrage in die Höhe treibt. Während ein Verbrenner für Edelstahlteile ein bis zwei Kilo Nickel verbraucht, sind es bei einem E-Auto 40 bis 60 Kilo für die Batterie. Es sorgt für höhere Reichweiten. Deswegen setzen deutsche Autobauer auf Nickel-Mangan-Kobalt-Batterien.
In China dominieren hingegen Lithium-Eisenphosphat-Akkus (LFP), die ohne Nickel und Kobalt auskommen. „Nicht nur die Umwelt profitiert vom Wechsel auf Elektromobilität“, wirbt Volkswagen für seine vollelektrischen Modelle. Das Umweltbundesamt bestätigt: Rein elektrische Pkw schneiden beim CO₂-Ausstoß definitiv besser ab als Verbrenner. Das Amt räumt ein, dass es „bei einigen Umweltwirkungen noch Nachteile“ gibt und „Fahrzeuge mit alternativen Antrieben kurzfristig höhere Umweltlasten mit sich bringen können“ als Verbrenner.
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Während es in der Umweltbundesamt-Studie undramatisch formuliert ist, sprechen Wissenschaftler in Indonesien wie Mario Yosryandi Sara in Bezug auf die Nickelindustrie von „Ökozid“.
Doch in welchen deutschen Autos steckt überhaupt Nickel aus Indonesien? BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen verweisen in ihren Antworten auf ihre Batteriezellenzulieferer, da sie Nickel für Batterien nicht selbst beschaffen. Die Namen seiner Zulieferer verrät aber nur BMW: Samsung SDI, CATL und EVE. Den drei Konzernen sind Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung durch den Nickelabbau in Indonesien bekannt.
Das deutsche Lieferkettengesetz, das Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wieder abschaffen will, verpflichtet sie, Transparenz in ihre Lieferketten zu bringen. Dennoch verzichten sie nicht auf schmutziges Nickel aus Indonesien. Nickel für E-Akkus muss hochrein sein und ist entsprechend teuer. Volkswagen-Vorstand Thomas Schmall fordert daher günstige Rohstoffe: „Der Weg zum bezahlbaren E-Auto für alle führt nicht zuletzt über wettbewerbsfähige Kosten für Batterierohstoffe wie Lithium oder Nickel.“
Hier kommt Indonesien auf den Plan. Innerhalb kürzester Zeit ist das Land zum weltgrößten Nickelproduzenten aufgestiegen. Um dem berüchtigten Rohstofffluch zu entkommen und mehr Kapital aus seinen Bodenschätzen zu schlagen, verhängte das Land 2020 ein Exportverbot auf Nickelerze. Die EU reagierte darauf übrigens mit einer Klage bei der Welthandelsorganisation. Doch Indonesiens Präsident Joko Widodo (2014 – 2024) verfolgte seinen Kurs unbeirrt weiter – mit dem Ziel, eine heimische Wertschöpfungskette aufzubauen. In vier Jahren verdreifachte das Land den Wert der exportierten Nickelprodukte auf 35 Milliarden Euro. Letzten Sommer ging die erste Gigafabrik in Betrieb. Auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte.
Ex-Mitarbeiter: „Das ist der schlimmste Bergbaubetrieb, den ich je gesehen habe“
WBN gehört zu 38,7 Prozent dem französischen Bergbauunternehmen Eramet. In Paris und Brüssel pflegt Eramet das Bild eines verantwortungsbewussten Unternehmens. Diesem Bild wird die Weda Bay Mine nicht gerecht. „Das ist der schlimmste Bergbaubetrieb, den ich in meiner Karriere je gesehen habe“, vertraut Henrick*, ein Ex-Mitarbeiter, dem Freitag an. „Messdaten zur Wasserqualität werden gefälscht, Verbesserungen abgelehnt.“ Grobe Mängel beim Arbeitsschutz und Unfälle gehörten zur Tagesordnung. „Manche chinesische Beschäftigte arbeiten 24 Wochen durch“, berichtet Maï*, die über ein Subunternehmen für die Mine tätig war. Sechs Hinweise gingen in der Zentrale von Eramet ein.
Die Whistleblower sind sich einig, dass die Schuld an den miserablen Zuständen die Leitung des Minenbetriebs trage. Als Anfang des Jahres eine Person von einem Lastwagen tödlich erfasst wurde, hätten zwei Manager den Vorfall verheimlicht, statt Sicherheitsmaßnahmen zu treffen, so Maï. „Das Einzige, was für sie zählt, ist die Produktion“, sagt auch Henrick. Eigenen Angaben zufolge habe Eramet die beiden Manager mittlerweile gefeuert.
Das mangelhafte Management der Mine hat verheerende Folgen für Menschen und Natur. Laut Henrick habe WBN nicht genug Sedimentbecken errichtet. Diese Anlagen sorgen dafür, dass Schwermetalle nicht in die Flüsse gelangen. „Und die bestehenden Becken funktionieren nur mangelhaft.“ Sedimente gelangen auch ins Meer, das entlang der Küste braun und verschmutzt ist. Meerestiere wandern ab, Korallen sterben. Fischer müssen für ihren Fang weiter aufs Meer hinausfahren; viele können sich aber den Treibstoff nicht leisten. Durch die massive Abholzung an den zahlreichen im Regenwald verstreuten Abbaustellen kann der Boden die Regenwassermengen nicht mehr gut aufnehmen. Die Folge: häufigere und stärkere Überschwemmungen, von denen auch Helene Mustakuling betroffen ist.
Auch Indigene sind vom Nickelfieber bedroht
Vergangenes Jahr gab es einen besonders schlimmen Erdrutsch. Dörfer standen bis zu zwei Meter unter Wasser. Eramet betont auf Nachfrage des Freitag, dass auf der Konzession keine geschützten Primärwälder seien und seit 2019 nur auf 2.700 Hektar Nickel abgebaut wurde. WBN habe außerdem „zur Wiederaufforstung von 2.900 Hektar an beschädigten Wassereinzugsgebieten beigetragen“. Laut Henrick rodet WBN aber auch außerhalb seiner legal zugeteilten Konzession. Der Nickelabbau konzentriert sich in einer Schlüsselregion für Biodiversität. Das Gebiet umfasst die Inseln Halmahera und Sulawesi. Eine Vielzahl an Tier- und Pflanzenarten lebt hier, beispielsweise der Bänderparadiesvogel.
Auch Indigene sind vom Nickelfieber bedroht. 2023 tauchen im Internet Videos von Mitgliedern eines Stammes auf, die Waldarbeiter mit Pfeilen bedrohen. Es handelt sich um die O’Hongana Manyawa. Survival International schätzt die Gruppe auf 300 bis 500 Individuen, die den Kontakt zur Außenwelt ablehnen. Die NGO fordert den Stopp des Nickelabbaus auf dem Territorium der unkontaktierten O’Hongana Manyawa. Eramet hingegen leugnet, dass es sich um unkontaktierte Stämme handle, obwohl ihre eigenen Studien dies nahelegen.
Wie viele andere Bewohner rund um die Nickelmine besaß auch Helene Mustakuling mehrere Äcker, mit denen sie ihren Lebensunterhalt bestritt. Gegen ihren Willen hat sie diese schon 2009 an WBN abtreten müssen. Die Polizei verhaftete sie mehrmals, weil sie an Protesten teilnahm. „Wir wussten nicht, welche Auswirkungen dies in Zukunft auf uns haben würde. Deswegen war ich dagegen.“ Für die verlorenen Äcker habe sie bis heute keine adäquate Entschädigung erhalten.
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Mustakuling stapft durch ihren Garten. Im Hintergrund erheben sich schlanke Schlote der Kohlekraftwerke, die die Nickelschmelzöfen am Laufen halten. Aus ihnen drücken sich gelb-weiße Schwaden in den sonst heiteren Himmel. Sie enthalten giftige Gase wie Stickstoff- und Schwefeldioxid, die sauren Regen verursachen. Denjenigen, die ihre Felder behalten konnten, verätzt nun der saure Regen die Ernten. Gleichzeitig ist auch die Zahl an Atemwegserkrankungen laut örtlichen Gesundheitszentren explodiert, denn Stickstoffdioxid ist ein Reizgas, das die Lungen angreift.
Hinter dem Industriepark IWIP auf Halmahera steht das chinesische Unternehmen Tsingshan. Es ist der zweite Nickel-Industriepark in Indonesien. In dem anderen kam es im März zu einem Dammbruch. Giftschlamm ergoss sich in einen Fluss und kostete drei Arbeitern das Leben.
Biologe Laode Aslan: „Der Staat ignoriert die Umweltschäden“
Bislang hat die indonesische Regierung es nicht geschafft, die Umweltprobleme der Nickelindustrie in den Griff zu bekommen. „Trotz bestehender Gesetze ignoriert der Staat die von Minen verursachten Umweltschäden. Es gibt keine Strafverfolgung“, sagt Laode Aslan, Biologe und Professor an der Halu-Oleo-Universität. Dies könnte auch an möglichen Interessenkonflikten indonesischer Politiker liegen. Recherchen des indonesischen Mediums Narasi ergaben Hinweise darauf, dass sich die Tochter des Ex-Präsidenten Joko Widodo und deren Ehemann hinter einem Firmennetzwerk als Miteigentümer am Nickelunternehmen PT Smart Marsindo verbergen.
Die Frage, ob es Alternativen zu indonesischem Nickel gäbe, ließen BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen gegenüber dem Freitag offen. Inoffiziell heißt es aus informierten Kreisen, dass derzeit kein Batteriezellhersteller bekannt ist, der Nickel außerhalb Indonesiens bezieht.
Umweltschützer fordern schon seit Langem eine Mobilitätswende, also den Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln etwa, statt massiv auf das private Elektroauto zu setzen. Doch wie lange das noch dauert, steht in den Sternen. Solange dürfte weiter Nickel in Indonesien abgebaut werden. Mit den bekannten Folgen.
* Namen geändert
Aqwam Fiazmi Hanifan ist Investigativjournalist in Südostasien mit Schwerpunkten auf Umweltverbrechen und Menschenrechten
Alexandre Brutelle ist Investigativjournalist und Mitbegründer des „Environmental Investigative Forum“
Linda Osusky ist freie Investigativjournalistin und Dokumentarfilmemacherin
Die Recherche wurde durch den Journalismfund Europe ermöglicht
* Namen geändert