Porträt | Kanzler, Kommunisten, Katholiken: Paul Lendvai schonte niemanden – und wurde sagenhaft
„Und dann links abbiegen“, sagt Paul Lendvai am Telefon, „auch wenn das Navi viellejcht ejnen anderen Weg zejgt!“ Im Inhalt wie im Ton gleich unverkennbar: Auch 68 Jahre nachdem er sich einen Opel Olympia gekauft hat, ist der Cabriofahrer in Sachen Verkehrstechnik up to date – und immer noch skeptisch. Und natürlich der Sound, die gemeißelten Sätze, die volltönenden Vokale. So oft hört man ihn im Fernsehen jetzt nicht mehr. Aber man liest ihn: Jedes Jahr kommt ein Buch, dazu eine wöchentliche Kolumne im Standard, der liberalen Wiener Tageszeitung. Sie bringt dem Blatt Woche für Woche ein paar hundert Postings und viele Clicks.
Mit 96 mag es keine Kunst sein, als „Legende“ durchzugehen. Aber Paul Lendvai war in Österreich schon vor 30 Jahren eine nationale Autorität. Den Sommer verbringt er, geistig und körperlich mobil wie damals, neuerdings in einem kleinen, schlichten Häuschen in einem unscheinbaren Dorf nahe der österreichisch-ungarischen Grenze. Hier tippt er, während Ehefrau Zsóka Kaffee kocht, unermüdlich in den Laptop.
Meistens geht es in der Kolumne um die große Welt. Ab und zu aber stößt der Autor aus der Höhe des Weltgeschehens hinab ins Getümmel der Wiener Politik wie der Habicht in den Hühnerhof. Als Politiker muss man da gut zuhören. Paul Lendvai kann scharf werden. Wenn der alte Herr den Kurzzeitbundeskanzler Christian Kern (2016/17) „eine katastrophale Fehlbesetzung“ nennt, räsoniert das Verdikt noch jahrelang in der Presse. Kerns rechten Nachfolger Sebastian Kurz (2017 – 2021) hat Lendvai als „Blender“ und sich selbst berauschenden „Politschauspieler“ dauerhaft gerichtet. Obwohl er so kräftig austeilt, ist er in Österreich bei Rechts und Links ganz unumstritten.
Internierung, Berufsverbot
Wie schafft man so was? „Ich habe großes Glück gehabt“, sagt Lendvai. Seine Biografie hat er so oft erzählt, dass sie in Österreich fast jeder kennt – und jeder ahnt, dass Glück nicht die ganze Erklärung sein kann. Geboren anno 1929 in Budapest, einziger Sohn einer bescheiden lebenden Anwaltsfamilie. Mit 15, als die Wehrmacht nach Ungarn kam, knapp dem Todesmarsch der Budapester Juden entkommen. „Menschen wurden vor meinen Augen erschossen“, sagt er und lässt seine Erschütterung auch 80 Jahre später noch spüren. Nach dem Krieg, in der kurzen Phase des Pluralismus, bei den Jungsozialisten, gleich nach dem Abitur erste Gehversuche als Parteijournalist.
Dann, nach der Zwangsvereinigung mit der KP, bei der herrschenden „Partei der Werktätigen“. Damals ein blutjunger Mann, der, um gedruckt zu werden, gern auch schrieb, was von ihm erwartet wurde. Lange ging es nicht gut: Internierung schon mit 23, danach Berufsverbot. Nach dem Aufstand 1956 zunächst rehabilitiert, setzte Lendvai sich im Jahr darauf über Warschau und Prag nach Wien ab, „mit einem geliehenen Koffer“, und wurde dort, mit Glück und weil des Englischen mächtig, Österreich-Korrespondent der Financial Times.
Gut, aber wie wird man mit so einem Werdegang in seinem Gastland eine Autorität? „Netzwerke sind wichtig, klar“, sagt Lendvai. Wesentlich mit schuld sind aber wohl die Eigenheiten des Gastlands. Es gibt und gab hier keinen Grass, Böll oder Walser; Schriftsteller werden in Österreich als Provokateure gebraucht, nicht als moralische Instanz. Besser taugen Journalisten für die Rolle. In einer Nation, die sich mit Vorliebe im Urteil der anderen spiegelt, ist es zudem von Vorteil, wenn die Autorität aus dem Ausland kommt.
Zum anderen aber ist Paul Lendvai tatsächlich ein brillanter Journalist. Stolz ist er vor allem auf seine Analysen. „1957 habe ich in den Problems of Communism über den weltweit ersten Wiederaufbau des Sozialismus geschrieben, nach dem Ungarn-Aufstand.“ Im Kalten Krieg macht er sich als Osteuropa-Kenner einen Namen. Anders als die meisten Kreml-Astrologen der Zeit predigt er nicht, sondern recherchiert. Klein an Gestalt, im Auftreten bescheiden, aber nicht schüchtern, gewann er wie kaum einer seiner Kollegen das Vertrauen von Informanten bis in höchste Parteikreise – die dann natürlich sauer waren, weil es meistens stimmte, was Lendvai erfahren hatte.
Sechs Jahre Einreiseverbot, Lendvai schrieb trotzdem weiter, interviewte nun eben Diplomaten, stöberte in Archiven, studierte hektografierte Flugblätter, damals noch ganz ohne Google Translate. Während seine westlichen, vor allem die deutschen Fachkollegen in den 1970er Jahren gegen die aufziehende Entspannungspolitik wetterten, Carl Gustaf Ströhm etwa, Botho Kirsch oder Johann Georg Reißmüller, blieb der ungarische Österreicher dem umgeleiteten Mainstream treu.
Journalist ist Lendvai geblieben. Schreibt er über Viktor Orbán, den „Weltmeister des Zynismus“, guckt er sich auch mit 90 noch dessen Zimmer im Studentenheim an. Der Horizont ist weit, aber der Fokus liegt immer auf dem Konkreten, meistens auf dem Tagesgeschehen. Im Zweifel lieber treffsicher als originell, immer bedacht, dem Zeitgeist nicht zu weit davonzugaloppieren. Nie gibt er den verhinderten Dichter, Philosophen oder Wissenschaftler.
Brillieren kann Lendvai auch als Tänzer auf dem rutschigen Wiener Parkett. Obwohl sozialdemokratisch grundiert, baute er glänzende Kontakte auch ins katholisch-konservative Lager auf. In der Hochzeit der Entspannungspolitik gründete Lendvai –wiederum mit Protektion eines politischen Freundes, diesmal von der „rechten Reichshälfte“, wie man hier sagt – die Europäische Rundschau, eine Vierteljahresschrift mit Blick gen Osten. Distanz zwischen Politik und Publizistik ist Wien weitgehend fremd.
Als Chef der Osteuropa-Redaktion des ORF vergab Lendvai seine Gunst streng nach den Regeln des „do ut des“, des Gebens und Nehmens, brachte aber das seltene Kunststück fertig, niemandes Vasall zu werden. Früh gewann er das Vertrauen von Bruno Kreisky, dem legendären sozialdemokratischen Bundeskanzler (1970 – 1983). Im Windschatten seines neuen Mentors durchbrach der Korrespondent die Informationssperren, die Osteuropas KP-Regime gegen ihn gezogen hatte. Kreisky, sagt Lendvai heute mit einem wie immer passenden Bild, „war mein Flugzeugträger“.
Wer sich lange und ausführlich mit ihm unterhält – wie es einst Kreisky tat, Ungarns Parteichef János Kádár, aber auch der erzkonservative Thronprätendent Otto von Habsburg und zuletzt der krawallige Rechte Herbert Kickl –, darf deshalb noch lange nicht erwarten, in Lendvais Analyse geschont zu werden. Dass die Kritisierten dennoch den Kontakt nicht abbrachen, ist für Wiener Verhältnisse ein kleines Wunder – oder wenigstens Lendvais Geheimnis.
Wenn es darauf ankommt, scheut der „österreichische Patriot“ sich nicht, die empfindliche österreichische Seele ausgiebig zu streicheln. „Dankbar“ sei er gewesen für die „Aufnahme“ 1957. Das hinderte ihn aber nicht daran, die verbreitete Fremdenfeindlichkeit im Land zu geißeln und immer wieder alte Nazis, ihre Verschweiger und Beschöniger aufzuspießen. Anders als Kreisky, der als Politiker den Nachteil seiner jüdischen Herkunft mit harter Israel-Kritik und Milde gegen „Ewiggestrige“ kompensierte, tat Lendvai sich nie einen Zwang an.
Verdienstkreuze, Preise
„Macht“, sagt er heute im Blick auf sein langes, erfolgreiches Leben, „hatte ich natürlich keine, so ein Blödsinn.“ Über die Bedeutung, die der kleine Lendvai Pál aus Budapest für sein Gastland bekommen hat, kann er heute noch ehrlich staunen. „Herr Professor“ wird er gern angeredet, mit einem Titel, den ihm, der nur mit 18 mal zwei, drei Semester Jura studiert hatte, eine Ministerin verliehen hat. Die Zahl seiner Preise, Verdienstkreuze, Ehrenzeichen übersteigt das Dutzend. Alert erhebt sich der alte Herr und führt den Gast zu einem Regal.
Wie Pokale aufgereiht stehen da seine 21 veröffentlichten Bücher, alle gescheit, gut lesbar, viele ins Englische, Französische, selbst ins Japanische übersetzt, ins Ungarische sowieso. Sein historisches Standardwerk über „die Ungarn“ ist darunter, 35 Jahre alt und noch immer aktuell. Der 570-Seiten-Wälzer ist ganz so, wie dicke Bücher sein müssen, wenn sie gelesen werden wollen: Fakten- und geistreich, persönlich, zoomt auf viele Anekdoten und dreht dann wieder auf Weitwinkel.
Wer bin ich? heißt Lendvais jüngstes, schmales Buch (128 S., 24 €), das kürzlich bei Zsolnay erscheinen ist. Ungar, Österreicher, Jude? Konservativ, links? Für einen Autor, der zeitlebens ohne Nummernschild und ohne politische Landkarte durch die Weltgeschichte gereist ist, nur mit einem Kompass, ist das im Zeitalter der Identitätspolitik ein schöner Titel. Die Antwort ist: ein Journalist. Das müsste eigentlich genügen.