Die Verkunstung eines deutschen Fanals

Die Oper „Echo 72 – Israel in München“ versucht sich in Hannover an einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte: der Geiselnahme israelischer Sportler durch palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen 1972.
Neun Dokumentationen gibt es bereits, Literatur meterweise. Gerade ist der vierte Spielfilm „September 5 – The Day Terror Went Live“ in den deutschen Kinos angelaufen und bereits im Oscar-Rennen. Nun gibt es auch die erste Oper über das fatale Münchner Olympia-Attentat, bei dem elf israelische Sportler, ein deutscher Polizist und fünf palästinensische Terroristen ums Leben kamen und der Terror erstmals medienwirksam vor die TV-Kameras fand. 53 Jahre danach gibt es nun die erste Oper darüber.
Die Uraufführung von „Echo 72 – Israel in München“ von Michael Wertmüller und Roland Schimmelpfennig fand an der Niedersächsischen Staatsoper in Hannover statt. Und anders als 2006, als man in Berlin glaubte, eine Wiederaufnahme von Mozarts „Idomeneo“, in der am Ende den Propheten, auch Mohamed, die Köpfe abgeschnitten wurden, könne wegen islamistischen Anschlagsverdachts nur unter schwersten Polizeischutz stattfinden, stehen vor dem Laves-Bau gerade mal zwei Sicherheitskräfte.
Wie aber erzählt man das selbst mit den stilisierenden, transzendierenden Mitteln der Musik Unerzählbare? In Hannover abstrahiert man es. Was in diesem 100-Minüter bis zur Kaum-mehr-Erkennbarkeit passiert. Die Musik beginnt ganz zart: ein Perkussionsschlag, dem ein immerwährender, leiser, sich schließlich brutal laut steigernder Ostinato-Puls folgt, mit Herzrhythmusstörungen, umspielt von lichten Streichern.
Und auch textlich sind wir im „Himmel“, die Utopie einer im Sport vereinten Menschheit wird chorisch beschworen. Aber dann schon erzählt eine Sprechstimme, „die Klage“, nüchtern die tödlichen Tatsachen dieses schwarzen 5. Septembers. Und die erste Abhandlung über „Theorie und Praxis“ einer der Sportarten, die die elf toten Israelis als Athleten, Trainer oder Kampfrichter betrieben: Ringen, Gewichtheben, Sportschießen, Leichtathletik, Fechten – Disziplinen, die den Kampf, mindestens aber die Verteidigung oder Flucht einschließen. Was niemandem nützte.
Schimmelpfennig lässt die diversen Kombattanten ihr Tun, ja ihre Ethik nüchtern aufdröseln, wenn es um die Entfernung zwischen den Hürden, das darüber Hinwegfliegen, das Straucheln geht; und es bekommt natürlich einen doppelten poetischen, auch zynischen Sinn. Wir erleben, wie sich ein Teilnehmer vor dem Abflug nach München von seiner schwangeren Frau verabschiedet, einen sich für den Dienst anziehenden Polizisten (bis hin zum Falsett: Ziad Nehme). Alltag, der zur schrecklichen Erinnerung gerinnen wird. Denn immer wieder fährt „die Klage“ mit ihren Tatsachen dazwischen. Die Musik spitzt sich zu, wird langsam schneller, lauter, intensiver, komplexer, erzählt von der fröhlichen Eröffnungsfeier, den „heiteren Spielen“ und von immer neuen Sportarten.
Keinerlei Empathie stellt sich ein
Regisseurin Lydia Steier musealisiert das inszenatorisch in einem angedeuteten Nachbau des Münchner Hauses der Kunst (Bühne: Flurin Borg Madsen), wo offenbar eine Olympia-Erinnerungsausstellung gezeigt wird. Zwischen der Bronzestatue eines nackten Sportlers und Fotos der Opfer wuselt eine klischiert von Andy Besuch kostümierte Touristenherde, die gleich („der Himmel blau und weiß“) mit Bayernwimpel ausgestattet wird. Gierig stürzt sich der famose Chor mit Selfiesticks auf herein fahrende Vitrinen, in denen vermummte Statisten als Ringer, Fechter oder Gewichtheber agieren. Davor produzieren sich die acht Solisten in Trainingsanzügen, die „Klage“ (Idunnu Münch) ist erst Museumswärterin, dann schwarze Siegesgöttin Nike.
Dann freilich ist aber schon das Chaos ausgebrochen, die Schlinge der sich verdichtenden Klänge hat sich zugezogen. Denn die lauthals Fahrt aufnehmende Tonspur, wo das präzise agierende Staatsorchester unter dem souveränen Titus Engel zudem von dem Freejazz Trio Steamboat Swizzerland verstärkt wird, splittert sich plötzlich in schrillschartiges Lärmdurcheinander auf, als die Klage und eine „Tagesschau“-Sprecherin (als Videoikone: Corinna Harfouch) gleichzeitig die Chronologie des Attentats ausbreiten. Dazu spritzt Blut in die Vitrinen, die Sportler winden sich im Todeskampf, während die Cheerleader anfeuern.
Im Libretto werden immerhin die Biografien der Opfer deutlich, einige von ihnen hatten den Holocaust überlebt, auf der Bühne aber verschwimmt alles im Lärm; Empathie stellt sich nicht ein, man wird krampfhaft auf Distanz gehalten. So fällt der zweite Teil – jetzt kommen noch fesche, Sekt nippende Ehrengäste und fette Seventies-Zeitgenossen – leider konfus in sich zusammen. Schimmelpfennig und Wertmüller wiederholen und variieren sich, alles wird immer bruchstückhafter und abstrakter, die Bühne kreiselt ohne Unterlass.
Bis es dann ziemlich abrupt in einem letzten, über den nun schwarzen Himmel sinnierenden Chor endet. In C-Dur. Denn in München hieß es: Die Spiele müssen weitergehen. Ein Hoffnungsschimmer ist das in dieser wackeren, aber letztlich zu zahm-überkandidelten Verkunstung eines deutschen Fanals eher nicht.
Source: welt.de