Deutscher Atomausstieg: »In einigen Nachbarstaaten gibt es eine gewisse Verwunderung«

Es ist das Ende einer Ära:
Samstag, der 15.April 2023: Für Deutschland ein historischer Tag. Dann werden die letzten drei noch laufenden Atomkraftwerke, Isar 2 in Bayern, Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg sowie das Kraftwerk Emsland in Niedersachsen endgültig abgeschaltet.
Das Datum markiert den Abschluss des Atomausstieges, den der Bundestag unter Bundeskanzlerin Merkel 2011 final beschlossen hatte:
Berlin, 30.05.2011
Angela Merkel, Bundeskanzlerin:
»Wir werden schrittweise bis Ende 2022 vollständig auf die Kernenergie verzichten.«
Einige feiern den Schritt als krönenden Abschluss eines jahrzehntelangen Kampfes – andere befürchten Energieengpässe.
Claus Hecking, DER SPIEGEL:
»In einigen Nachbarstaaten gibt es eine gewisse Verwunderung: Die Menschen und vielleicht auch Politiker fragen sich, warum Deutschland ausgerechnet jetzt, in der Energiekrise, wo wir noch im vergangenen Winter Angst haben mussten, dass wir vielleicht nicht genug Strom in Europa haben, warum Deutschland ausgerechnet jetzt abschaltet?«
Wer auf Europa schaut, sieht: Deutschland wagt mit dem Ausstieg zum jetzigen Zeitpunkt einen Sonderweg. 13 der 27 EU-Staaten betreiben weiterhin Atomkraftwerke. Während Deutschland seine Atomkraftwerke abschaltet, planen oder bauen andere Länder wie Frankreich, Finnland oder Ungarn sogar neue. Rund um Deutschland herum setzen viele Länder weiterhin auf Kernenergie.
Claus Hecking, DER SPIEGEL:
»Ob diese Staaten dann wirklich alle am Ende auch noch Meiler bauen, ist noch mal eine ganz andere Frage. Weil das ist nicht so ganz einfach. Es gibt eine Reihe von Atomkraftprojekten, beispielsweise in Finnland, deren Bau hat sich viel länger hingezogen und der ist viel, viel teurer geworden, als man sich das ursprünglich gedacht hat. «
Fest steht: Der Bedarf an Strom wird weltweit steigen, doch Grüne Technologien liefern derzeit noch nicht ausreichend verlässliche und speicherbare Mengen – um zum Beispiel das fehlende russische Gas zu kompensieren. Alte Braunkohlekraftwerke weiterlaufen zu lassen, ist aber auch keine umweltfreundliche Lösung.
Claus Hecking, DER SPIEGEL:
»Was wir jetzt definitiv machen müssen, ist wirklich die erneuerbaren Energien noch mal ganz, ganz konsequent ausbauen und auch beispielsweise Netze ausbauen und auch versuchen, so viel Speicher wie möglich zu schaffen. Weil es ist ja nicht nur so, dass wir aus der Atomkraft aussteigen, sondern wir wollen in den nächsten Jahren auch aus der Kohleverstromung aussteigen. Und das war und ist eine enorm wichtige Quelle noch für unsere Stromerzeugung – und war es auch gerade im letzten Jahr noch mal, als wenig Wind geweht hat und sehr wenig Sonne schien – da wurde noch immer sehr, sehr viel Kohle verstromt. Und wenn wir das alles ersetzen wollen, brauchen wir eine ganze, ganze Menge erneuerbare Energien. Und noch mal eine schlechte Nachricht: Wir werden auch wahrscheinlich noch mehr Gaskraftwerke bauen müssen.«
Die EU-Länder sind sich zwar über das Ziel der Reduzierung von CO2-Emissionen einig, doch uneinig sind sie darüber, mit welchen Mitteln dies geschehen soll. Die Fronten sind verhärtet:
Ebba Busch, Energie- und Wirtschaftsministerin Schweden
»Die Europäische Union steht wirklich an einem Scheideweg. Wenn wir nicht anerkennen, dass die Mitgliedstaaten unterschiedliche Energiequellen wählen, werden wir höchstwahrscheinlich unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verlängern – und wir werden auch unsere Abhängigkeit von Russland verlängern.«
Ob Kernenergie durch sogenannte »hochmoderne Nuklearprojekte«, wie zum Beispiel den sogenannten SMR-Minireaktoren, ein Teil eines zukünftigen grünen Energiemixes sein könnte – auch darüber gibt es Streit.
Claus Hecking, DER SPIEGEL:
»Diese neuen Kernkraftwerke, diese modularen Reaktoren werden im Moment ziemlich gehypt, dass wir ziemlich viel drüber gesprochen. Und Politiker verkaufen sie auch gerne als die perfekte Lösung aller Probleme. Der Beweis steht da eindeutig noch aus.«
Was allerdings klar ist: Das Thema Atomenergie wird Deutschland auch nach dem Atomausstieg noch für eine lange Zeit beschäftigten. Mit solchen auf Hochglanz getrimmten Videoproduktionen wirbt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung für seine Arbeit.
Denn was bleibt, ist die ungeklärte Frage der Endlagerung. Mehr als zehntausend Tonnen hochradioaktiver Müll müssen irgendwo in Deutschland tief unter der Erde deponiert werden. Per Gesetz ist verankert, dass der Müll in Deutschland unterirdisch für mindestens eine Million Jahre sicher gelagert werden muss.
Und angesichts des recht alten AKW-Parks in Europa, bleibt für Atomkraftgegner die Grundbefürchtung ohnehin noch bestehen:
Claus Hecking, DER SPIEGEL:
»Und da ist natürlich noch die zweite Kehrseite der Medaille: Nur weil wir jetzt unsere Atomkraftwerke abschalten, heißt das noch lange nicht, dass wir deswegen sicher wären vor Atomunfällen. Weil wenn es in unseren Nachbarstaaten dann mal einen GAU gibt, was es hoffentlich niemals eintreten möge. Aber wenn es dann doch passiert und wenn der Wind schlecht steht, dann kann das natürlich sein, dass eine radioaktive Wolke zu uns rüberzieht und dann auch Deutschland mit verseucht wird. Das heißt, es gibt da keine Garantie.«