Russland verschifft offenbar Rohöl an G7-Staaten – trotz angekündigter Blockade
Russischer Rohöltanker: Archivfoto des Tankers »Vladimir Monomakh« von 2020
Foto: Press Office of the Zvezda Shipy / ITAR-TASS / IMAGO
Eigentlich hatte der russische Präsident eine harte Reaktion geplant: Nachdem die G7-Staaten, die EU und Australien eine Preisobergrenze von 60 Dollar pro Barrell russischen Öls vereinbart hatten, kündigte er an, solche Verkäufe zu blockieren. Doch laut einer Recherche der »Financial Times« (»FT«) ist davon bislang nichts zu sehen.
Die Preisobergrenze ist seit dem 5. Dezember in Kraft. Wie die Zeitung berichtet, hat sie anhand von Frachtdaten sieben Tanker identifiziert, die seither russisches Rohöl in baltischen Häfen geladen haben. Als Zielorte sind Raffinerien in Indien angegeben. Insgesamt sollen die Tanker rund fünf Millionen Barrell Öl an Bord haben.
Grundlage für solche Transporte ist ein gültiger Versicherungsschutz. Laut »FT« sind die Schiffe bei westlichen Gesellschaften versichert. Westliche Versicherungs- und Maklerdienste dürfen seit dem Inkrafttreten der Vereinbarung aber nur in Anspruch genommen werden, wenn die Reedereien den Nachweis erbringen, dass sie weniger als 60 Dollar pro Barrell bezahlen.
Die Zeitung hat nach eigenen Angaben den Versicherungsschutz überprüft, für zwei Schiffe sei er erst in der Vorwoche den aktuellen Bedingungen angepasst worden. Der singapurische Betreiber des Tankers »Ruby Phoenix« wird zitiert: »Wir haben von unseren Vertragspartnern die erforderliche Bescheinigung erhalten, dass die betreffende Ladung den Preisobergrenzen entspricht.« Die anderen Eigner reagierten nicht auf Anfragen. Die Zeitung schreibt, dass die Zahl der betreffenden Schiffe noch höher liegen könnte, allerdings sei in den anderen Fällen nicht zweifelsfrei klar, ob es sich bei der Ladung wirklich um russisches Rohöl handele.
Hoffnung, dass die Obergrenze funktioniert
Der Kreml hat am Donnerstag mitgeteilt, dass in den kommenden Tagen ein Dekret von Präsident Putin zu dem Thema zu erwarten sei. Damit solle die Reaktion auf die Preisobergrenze festgelegt werden. Kurz nach dem Beschluss hatte Kremlsprecher Dmitri Peskow bereits gesagt, man habe sich auf den Schritt vorbereitet: »Wir werden diese Obergrenze nicht akzeptieren.«
Derzeit wird ein großer Teil russischen Öls zu Preisen verkauft, die sich unter der Obergrenze bewegen. Kurz vor deren Einsetzen lag der Marktpreis der Sorte Ural bei rund 65 Dollar. Marktbeobachter hegen daher die Hoffnung, dass die Preisobergrenze tatsächlich funktionieren könnte. Neben einem politischen Lieferstopp durch Russland wurden auch diverse Marktverwerfungen befürchtet.
Mit der Preisobergrenze wollen die Unterzeichnerstaaten Moskau die Finanzierung seines Angriffskriegs gegen die Ukraine erschweren. Die Vereinbarung sieht vor, dass beispielsweise China und Indien weiterhin russisches Öl importieren können, aber nur zu dem nun beschlossenen Maximalpreis. Die Grenze soll auch dann greifen, wenn die Länder den Verkauf nur für Dritte abwickeln oder begleiten.