200 Jahre nachdem seinem Tod: Warum man heute noch Jean Paul Vorlesung halten sollte

Unter den Autoren der „Kunstperiode“, wie die Schaffenszeit Goethes genannt wurde, sticht der 1763 geborene Johann Paul Friedrich Richter heraus. In einem protestantischen Pfarrhaus im Fichtelgebirge aufwachsend, exzerpiert schon der Schüler aus allem, was er liest, und er liest alles. Hefte werden gefüllt mit Tausenden von Einzelheiten literarischer, naturkundlicher, historischer und philosophischer Erkenntnis, denen er später das Material seiner Romane entnimmt. Der bettelarme Student der Theologie publiziert unter Pseudonym erfolglos fade Satiren und schlägt sich recht und schlecht als Hauslehrer durch.
Mit Dreißig aber wird er zum Star. Vor allem „Hesperus oder 45 Hundposttage“, eine Intrigengeschichte aus dem erfundenen Kleinstaat Flachsenfingen, geschrieben von einer ostindischen Insel aus, machen ihn 1795 berühmt. Er publiziert sie unter dem Namen Jean Paul, als Hommage an Jean Jacques Rousseau. Herder wiederum hatte in „Johannes“ und „Richter“ die Anzeichen eines apokalyptischen Talents wahrgenommen.
Tatsächlich dreht sich bei Jean Paul alles um das weltverlorene Individuum und das Bewusstsein der irdischen Endlichkeit. Seine schauerromantische „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ von 1796 wird von Germaine de Staël etwas später europaweit bekannt gemacht und wirkt in den aufkommenden literarischen Atheismus hinein.
Dein Geistesgrößen seiner Zeit war er suspekt
Jean Pauls Erzählweise ist bizarr und empfindsam, bilderreich und komisch zugleich. Seine Protagonisten sind Käuze, die nicht auf der welthistorischen Bühne stehen, sondern in der deutschen Provinz Liebeskomplikationen und höfisches Politikwirrwarr durchleben. Sie sind keine Griechen, Freiheitskämpfer aus dem Hochadel oder Feldherren, sondern Schullehrer, Armenanwälte, Förster, Badeärzte. Das Individuum, sagt Jean Paul, ist die größte Minderheit von allen. „Sein ganzes Wissen um den Menschen“, heißt es in Max Kommerells funkelnder Monographie über ihn, „stammt vom Ich, nicht vom Du.“ Tatsächlich hat er mehr in sich hineingeschaut als alle seine Zeitgenossen. Vor allem der weiblichen Leserschaft gefiel seine Mischung aus stimmungsreicher Naturpoesie, Erkundungen des Seelenlebens und der Darstellung abseitiger Existenzen.
Die humorlosen Weimarer Geistesherren hingegen waren nicht amüsiert. Mit „Titan“ (1803) legte Jean Paul einen Bildungsroman vor, der die Kosten des Strebens nach einem ästhetisch perfektionierten Leben bezifferte. Umgeben von Landschaftsarchitekten, Bibliothekaren und Schauspielern, wird der schöne, wehmütige und leicht zu entflammende Held in die Liebe und den Hof eingeführt. Gespaltene Psychen, Wahnsinn und Selbsttötung begleiten ihn. Einer seiner Freunde wird durch Fichtes Philosophie verrückt, ein anderer entpuppt sich als Teufel. Wie mit seinem zweiten Meisterwerk jener Zeit, „Flegeljahre“ von 1804/5, in denen auf kaum übersichtliche Weise die seltsame Bildungsgeschichte von Zwillingen erzählt wird, fand Jean Paul aber nicht mehr den Weg zum großen Publikum.
Daran änderten auch seine wunderbare Erziehungslehre „Levana“ (1807) und die „Vorschule der Ästhetik“ nichts, die eine der wenigen ausgeführten Theorien des Humors enthält. „Der Witz“, heißt es darin, „hat doch den Wert eines Funken, wenn auch keines Lichts; er verschönert doch eine Minute, wenn er auch kein Leben erleuchtet oder erwärmt (. . .). Oder sollen keine Feuerwerke, nur Werkfeuer zu haben sein? Ja, sagt der Deutsche; denn an den Feuerwerken des Witzes kann ich nichts schmieden, nichts braten, nichts härten, noch schmelzen.“
Der Gegensatz von Kopf- und Seelenkunde
Heute stehe viele Leser ratlos vor den voltenreichen, mit der Position des Autors spielenden, um Erzählstränge unbekümmerten und ständig auf alles Mögliche anspielenden sowie alles mit allem vergleichenden Romankunst dieses Dichters. Wer in sie hineinfinden möchte, dem sei „Dr. Katzenbergers Badereise“ empfohlen, ein kleiner Roman von 1808, der den Ausflug eines Anatomieprofessors schildert, der auf tierische Missbildungen spezialisiert ist und im Kurort einen Rezensenten verprügeln möchte, während ein Bühnendichter im selben Bad um seine Tochter wirbt. Auch dies eine Variation auf den Gegensatz von Körper- und Seelenkunde.
In Bamberg und Coburg sind jetzt in zwei Kabinettausstellungen Dokumente jener Zeit zu besichtigen, die Jean Paul von 1804 an dort, in Meinungen und bis zu seinem Tod am 14. November 1825 in Bayreuth verbrachte. Die Landschaft und das gute Bier hatten ihn, müde Berlins, wo er zuvor lebte, angezogen. Im Zentrum steht die in vielen Briefen dokumentierte Freundschaft mit dem jüdischen Immobilienhändler und Bankier Emanuel Osmund. Der versorgt den Schriftsteller regelmäßig mit Schreibfedern und Bier. Das führt zu Billetten wie der Beschwerde über eine Strafe, die Jean Paul auferlegt worden war, weil er sich nächtens am Straßenrand erleichtert hatte: So müsse er sich jetzt, klagt er, nach einem „urinösen Process“ an der Schuldenlast des Landesfürsten gleich doppelt beteiligen, durch die Getränkesteuer und die „Piss-Steuer“ in Höhe von zehn Gulden. Andere Briefe künden vom regelmäßigen, ganz dem Schreiben dienlichen Tagesablauf im Hause Richter oder auch außerhalb, in der Rollwenzelei, einem Gasthaus außerhalb von Bayreuth, das der Schriftsteller frequentierte.
Nehmen Sie sich eine Dreiviertelstunde für Jean Paul!
Die Ausstellung zeigt neben Originalausgaben und Briefen die damals berühmte Bienrodische Fibel, ein ganz wenige Seiten umfassendes, auflagestarkes ABC-Buch für Grundschüler – „Das Fleisch der Gänse schmecket wohl, / Die Gabel es vorlegen soll“ –, das den Schriftsteller auf den Gedanken brachte, sich einen Autor namens Fibel auszudenken, der es verfasst habe, und dessen fiktive Biographie zu schreiben.
Wer also in Coburg oder Bamberg noch etwas anderes zu tun hat, sollte sich die Dreiviertelstunde gönnen, die es braucht, um die wenigen Ausstellungssäle zu besichtigen.
Meine Feder soll ein Flügel sein – Jean Paul und seine literarischen Netzwerke. In der Staatsbibliothek Bamberg und der Landesbibliothek Coburg; bis zum 13. Dezember. Der informative Katalog kostet 30 Euro.
Source: faz.net