100 Jahre Lufthansa: Schwieriger Umgang mit eigener Geschichte
Vor 100 Jahren wurde die Lufthansa gegründet. Der Konzern präsentiert sich heute selbstbewusst und erfolgreich. Doch der Umgang mit der eigenen Geschichte fällt nicht immer leicht.
Die Lufthansa ist heute ein glänzendes Unternehmen, das erfolgreich gegen die weltweite Konkurrenz anfliegt. Der Blick auf ihr 100. Unternehmensjubiläum offenbart aber innere Zerrissenheit. Die Wurzeln des Unternehmens waren zunächst militaristisch. In der Nazi-Zeit wurde Lufthansa zu einem strikt nationalsozialistischen Unternehmen.
Erst 1953 wurde die heutige Deutsche Lufthansa AG neu gegründet, weshalb das Management lange Zeit so tat, als habe man mit der Ursprungs-Lufthansa nichts zu tun.
Schwieriges Bekenntnis zur Geschichte
Beginnend mit der Volkswagen AG lassen Großunternehmen seit fast vier Jahrzehnten ihre Geschichte fachkundig erforschen. Umfangreiche Studien zu Industrieunternehmen, Banken und Unternehmerfamilien füllen mittlerweile Schrankwände. Die Deutsche Lufthansa hat bisher keine tiefschürfende Studie zur Unternehmensgeschichte ermöglicht. Wirtschaftspresse und Fachleute, darunter der Historiker Lutz Budraß, berichten dagegen seit Jahren über das „einzigartig schwierige Verhältnis zur eigenen Geschichte“.
Bei der Vorstellung des reich bebilderten Buchs „Die ersten 100 Jahre“ sagte die Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte, Andrea Schneider-Braunberger: „Lufthansa ist eines der ersten Unternehmen, das sich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt hat“.
„Dieses Buch würdigt die hundertjährige Geschichte der Lufthansa,“ schreibt Vorstandsvorsitzender Carsten Spohr, „ein Jahrhundert voller Innovationen, Pioniergeist und unzähliger Geschichten, die Menschen weltweit miteinander verbindet“.
„Nicht so schrecklich viel neu“
Auf der Homepage des Konzerns findet sich eine Darstellung, die auch an Verbrechen in der Nazi-Zeit erinnert und zu einer längeren Sonderseite führt. Auf der populären Buchungsseite wird zum Jubiläum dagegen nur Reklame geboten. Wo es kritisch wird, klafft in der Darstellung ein Loch zwischen 1930 und 1950. An einer Stelle heißt es, die Lufthansa sei „vom NS-Regime instrumentalisiert“ worden.
Getarnte Aufrüstung
Entstanden war Lufthansa 1926 als Gründung von Flugzeugherstellern, anderen Unternehmen und dem Staat. Mit oft versteckten Subventionen wurde die nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland verbotene Luftwaffe heimlich aufgebaut. Das Unternehmen wandte sich früh der Nazipartei zu und finanzierte schon in den 1920er-Jahren Hermann Göring. Der Nazi war später unter anderem Chef der Luftwaffe.
Der Putsch des Faschisten Franco in Spanien wurde erst durch Lufthansa-Transporte logistisch möglich. Im Nazi-Staat übten Militärs bei scheinbar zivilen Frachtflügen Nacht- und Blindflugtechnik. Im Zweiten Weltkrieg verlegte sich Lufthansa auf Reparatur und Wartung für die Luftwaffe. Teilweise bestand die Hälfte der Belegschaft aus Zwangsarbeitern, darunter auch zwölfjährige Kinder.
Dies legte Historiker Budraß bereits vor zehn Jahren dar. Budraß hatte zunächst im Auftrag der Lufthansa deren Zwangsarbeitergeschäfte untersucht. Seine Studie wurde erst nicht und 15 Jahre später versteckt veröffentlicht. Sein Standardwerk „Adler und Kranich“ erarbeitete er daraufhin ohne Zugang zum Unternehmensarchiv und ohne Unterstützung der Lufthansa.
Umgang mit Tradition
Wenn es zur erst nationalistischen, dann nationalsozialistischen Geschichte der Lufthansa kommt, spricht das Unternehmen gern distanziert über „die erste Lufthansa“. Bei Modeschauen von Uniformen für Flugbegleiterinnen greifen die Lufthansa-Marketing-Manager dagegen gern auf die hundertjährige Tradition zurück.
Das legendäre Flugzeug Ju-52 wird in einer neuen Ausstellung im Unternehmensmuseum präsentiert. Lufthansa-Chef Spohr sagt, die Ju-52 habe schon immer „zur Heritage“, also zum Erbe der Lufthansa gehört. In den 1930er-Jahren war die Ju-52 Kern des getarnten Aufbaus der Luftwaffe der Nazis. „Die Ju-52 trugen zwar den Kranich am Bug und wurden in den Anlagen der Lufthansa abgestellt“, schreibt Historiker Budraß, „doch die Lufthansa duldete es, dass die Ju-52 der getarnten Luftwaffe als ihre ausgewiesen wurden.“
Die Nachkriegs-Lufthansa stellte sich schon mit demselben Gründungstag in die Tradition der ersten Lufthansa. Alte Nazis aus dem früheren Management wurden in die neue Lufthansa übernommen. Einer parallelen Neugründung in der DDR wurden die Namensrechte streitig gemacht; diese Fluggesellschaft machte als Interflug weiter.
Source: tagesschau.de
