10 Jahre Bataclan-Anschlag: Als wäre eine Falltür aufgegangen

Ein milder Novembertag in Paris. Emmanuel Carrère wartet schon in seinem Stammcafé im zweiten Arrondissement, vor ihm eine halb leere Espressotasse. Eigentlich, sagt der Schriftsteller, hätte er sich in der Brasserie Les Deux Palais am alten Justizpalast verabreden wollen, die in seinem Buch über die Pariser Terroranschläge vorkommt. Aber dann sei ihm eingefallen, dass es dort zu laut sei. Deshalb sitzen wir jetzt in einem ziemlich leeren Café mit Zinktresen, schmalen Holztischen und einer Kaffeemaschine, die nur leise zischt.

Zu Fuß sind es vielleicht 20 Minuten von hier bis zu den Caféterrassen und dem Konzertsaal Bataclan am Boulevard Voltaire, wo vor zehn Jahren Islamisten Angst und Terror verbreiteten. Am Freitag, dem 13. November 2015, ermordeten sie 130 Menschen kaltblütig, bevor sie ihre Sprengstoffgürtel zündeten. Am Stade de France, in dem die deutsche Nationalelf gegen die französische spielte, kamen sie zum Glück zu spät an. Nur einer aus den Terrorkommandos, Salah Abdeslam, sprengte sich nicht wie geplant in die Luft, warum, das bleibt sein Geheimnis.

Neun lange Monate ist der Schriftsteller Carrère abgetaucht in die Welt der Überlebenden und der Angehörigen der Opfer der Attentate, hat ihre Aussagen im Strafprozess notiert und ist, wenn der Tag zu hart und die Schilderungen zu erschütternd waren, in die Brasserie Les Deux Palais geflüchtet, den Treffpunkt der Gerichtsreporter, Anwälte und Nebenkläger.

„Eine Gerichtsreportage“ hat Carrère sein Buch im Untertitel genannt, was stimmt, aber doch zu kurz greift. Denn er nimmt seine Leser mit auf eine kathartische Reise, an deren Ende die Hoffnung aufschimmert, dass die Justiz über Vergeltungsgelüste und die Zivilisation über die Barbarei siegt. Wie blickt er heute darauf, zehn Jahre nach den Attentaten und gut drei Jahre nach der Urteilsverkündung?

Der Schriftsteller spricht über seine anfängliche Skepsis, als er von allen Seiten den Spruch „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ hörte. „Das ist ein schöner Slogan, aber mein Eindruck ist, dass ein bisschen zu sehr betont wurde, welch bewundernswerte Menschen wir sind, die wir Hass nicht mit Hass beantworten“, sagt er. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich so edle Gefühle gehabt hätte, wenn meine Tochter im Bataclan getötet worden wäre“, meint Carrère. Deshalb sei es wichtig gewesen, dass es auch einen Nebenkläger wie Patrick Jardin gab, der auf ungefilterte, geradezu archaische Weise seinen Hass zum Ausdruck brachte.

„Macht das meine Tochter weniger tot?

Jardins 31 Jahre alte Tochter Nathalie war Beleuchterin im Bataclan gewesen und von den Terroristen ermordet worden. „Der Typ war wirklich nicht sympathisch. Aber es war wichtig, ihn zu hören“, sagt Carrère. Jardin fand es sehr schade, dass die Todesstrafe in Frankreich abgeschafft wurde, Typen wie der Terrorist Salah Abdeslam gehörten erschossen, die Täter sollten für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren. „Was mich am meisten anwidert, sind Eltern von Opfern, die diesen Hass nicht empfinden“, zitiert Carrère den Nebenkläger Jardin. „Die Leute sagen, ich sei rechtsextrem, und vielleicht stimmt das, keine Ahnung, aber selbst, wenn ich es wäre, macht das meine Tochter weniger tot?“

In der politischen Debatte, beobachtet Carrère, werden Stimmen wie die von Jardin immer lauter. „Ich denke, es gab eine Art Katharsis für die meisten betroffenen Terroropfer. Der Prozess hat bei ihnen Trauer und Ohnmachtsgefühle in etwas Edleres, in Gerechtigkeit, verwandelt“, sagt er, „aber das hat keinen erlösenden Wert für die gesamte Gesellschaft.“ Die Frage, wie der islamistische Terrorismus die französische Gesellschaft verändere, könne nicht abschließend beantwortet werden. Der politische Diskurs habe sich in den vergangenen zehn Jahren gewiss „entzivilisiert“. Carrère nennt keine konkreten Beispiele, aber macht klar, dass er die von den Rechtspopulisten um Marine Le Pen erhobene Forderung meint, wonach islamistischer Terrorismus nicht mit den Mitteln des Rechtsstaates zu schlagen sei.

Begeisterte Rezension von Houellebecqs „Unterwerfung“

Für den Prozess war im alten Justizpalast ganz in der Nähe der Kathedrale Notre-Dame eigens ein holzvertäfelter Saal mit hellen Möbeln errichtet worden. Er ist längst wieder abgebaut, aber was bleibt, ist die Hoffnung, dass Frankreich den Großangriff der Islamisten im Gerichtssaal unter Kontrolle bekommen hat. Die Bedrohung hat sich verändert, organisierte Terrorkommandos wie die Männer vom 13. November 2015 sind unberechenbaren Einzeltätern mit oftmals primitiven Waffen – einem Küchenmesser oder einem Kleinwagen – gewichen, gegen die man sich eigentlich nicht schützen könne, sagt der Schriftsteller. Er meint, der Strafprozess habe die November-Anschläge in die richtige Per­spektive gerückt – als bestandene Bewährungsprobe für eine wehrhafte Demokratie.

Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère
Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère©Vincent Muller/opale photo/laif

Carrères Einschätzung fällt nicht düster aus, wie ihm überhaupt der Zynismus seines ein Jahr älteren Altersgenossen Michel Houellebecq abzugehen scheint. Als Houellebecq sein berühmtes Buch „Unterwerfung“ veröffentlichte, schrieb Carrère eine begeisterte Rezension. Gerade ist der Siebenundsechzigjährige mit dem Literaturpreis Prix Médicis ausgezeichnet worden, der an Autoren geht, „deren Ruhm ihrem Talent noch nicht gerecht wird“, was im Fall des Bestsellerautors Carrère kurios klingt. Aber vermutlich sollte der Preis ihn darüber hinwegtrösten, dass er schon wieder nicht den prestigeträchtigen Prix Goncourt erhielt.

Carrère zeichnet ein differenziertes Bild Frankreichs, in dem die Justiz ihre Arbeit sehr gut gemacht hat, auch wenn die Geheimdienste bei der Terrorprävention zuvor versagten. „Wirklich alle Akteure der Justiz haben ihre Rolle gut und mit echter Würde ausgefüllt“, meint Carrère. Der Vorsitzende Richter habe mit einer bewundernswerten Gelassenheit agiert. Der Strafprozess sei eine Art Schaufenster der Demokratie gewesen, „ein echter Erfolg“, auch im Vergleich dazu, wie die Vereinigten Staaten auf die Herausforderung durch den islamistischen Terror nach den Anschlägen von 9/11 reagierten. „Der Rechtsstaat ist in Frankreich gestärkt hervorgegangen“, sagt er.

Eine kollektive Erzählung, die weitergeht

Im Laufe des Prozesses habe sich eine kollektive Erzählung herauskristallisiert, die tatsächlich weitergehe. „Es gibt regelmäßig neue Bücher, Filme, Erzählungen von Menschen, die den 13. November erlebt haben“, sagt er. Zwischen den Prozessbeteiligten, allein 1740 Nebenklägern und 340 Anwälten, seien freundschaftliche Verbindungen entstanden, die fortdauern. „Das ist die schöne Seite“, sagt er. Carrère erzählt, dass auch er zwei Prozessbekanntschaften regelmäßig trifft, sie zu seinen Freunden wurden. Der eine ist der pensionierte Arzt Georges Salines, dessen Tochter Lola im Bataclan getötet wurde. Salines hat zusammen mit dem Vater des Attentäters Samy Amimour ein Buch mit dem Titel „Was uns bleibt, sind Worte“ geschrieben. Zwei trauernde Väter sprechen darin miteinander. Für Carrère wirft das unweigerlich die Frage auf, was schlimmer sei: Einen Sohn zu haben, der gemordet hat, oder eine Tochter, die ermordet wurde?

Auch mit Nadia Mondeguer, deren 30 Jahre alte Tochter Lamia auf der Caféterrasse des Belle Équipe erschossen wurde, hat er darüber gesprochen. Carrères Augen blitzen, als er über Nadia spricht, diese „scharfsinnige Frau, der es völlig abgeht, Phrasen zu dreschen“. Zu Anfang wollte er ihr nicht zu nahe treten, er fühlte sich ein wenig wie ein Geier, der um Tote kreist. Aber das habe sich schnell gelegt, und Nadia erzählte ihm alles über diesen verhängnisvollen Freitag, den 13., wie sie ihrer Tochter zum Mittagessen noch ein Blumenkohlgratin bereitete, das sie ganz gelungen fand. Lamia sagte bei Tisch, sie befürchte, das Datum werde ihr Pech bringen. Ob das eine Vorahnung war, Carrère lässt es offen, aber er weiß: Nadia wird nie wieder Blumenkohlgratin zubereiten.

War Lamia doch nicht gestorben?

Im Zeugenstand beschrieb Nadia, wie die Todesnachricht auf sie wirkte. Es sei, als wäre eine Falltür aufgegangen, die sie in die Tiefe stürzte, während es oben auf dem Deck normal weiterging. Carrère schildert, wie er Nadia für ihre schonungslose Offenheit schätzen gelernt hat. Da ist diese unglaubliche Episode, als sie die sterblichen Überreste ihrer Tochter hinter einer Glasscheibe im rechtsmedizinischen Institut in Paris identifizieren sollte. Die Leiche war bis zum Kinn mit einem weißen Laken bedeckt, der Kopf mit Binden umwickelt. Sie und ihr Mann waren schon dabei, das Protokoll zu unterschreiben, als eine Freundin Lamias, die sie kaum kannten, protestierte. Die Leiche könne nicht die Lamias sein, denn sie habe keine Tätowierung am Knöchel gehabt. Für kurze Zeit blitzte die Hoffnung auf, dass Lamia vielleicht doch nicht tot sei. Ein DNA-Test ergab, dass die Leiche tatsächlich verwechselt worden war. Aber Lamias Leiche wurde kurze Zeit später identifiziert.

In diesem Club in Paris fand am 13. November 2015 der verheerende Anschlag statt.
In diesem Club in Paris fand am 13. November 2015 der verheerende Anschlag statt.REUTERS

Wer so etwas durchgemacht hat und dennoch nach Wegen für inneren Frieden sucht, der sei ein großartiger Mensch, sagt Carrère anerkennend. Nadia stammt aus Ägypten und studierte Arabistik. Er habe sie viel zum Islam befragt und wie eine Bewegung wie der Dschihadismus entstehen konnte. „Ich hatte mich zuvor nie für den Dschihadismus interessiert“, sagt Carrère.

Nadia habe echte moralische Größe gezeigt, als sie sich an die Strafverteidiger der Angeklagten richtete: „Jetzt machen Sie Ihren Job, und machen Sie ihn gut.“

Weil sie gute Kameraden sein wollten

Denn das sei auch eine ernüchternde Entdeckung gewesen: was für „erbärmliche Typen“ es waren, die den bislang größten Terrorangriff auf Frankreich ermöglichten. Die meisten hatten ein ungeordnetes Leben, hangelten sich von Tag zu Tag mit Gelegenheitsjobs und Geld, das sie mit Rauschgifthandel verdienten. Carrère hat Antworten auf die Frage, wie die kriminelle terroristische Verstrickung entstand, bei Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“ gesucht. Der Hauptantrieb sei damals wie heute Kameradschaft gewesen, es sei ihnen darum gegangen, ein guter Kumpel zu bleiben, der die Gruppenwerte einhält, glaubt er. „Es wäre schwierig zu behaupten, man würde sich an Attentaten oder einem Völkermord beteiligen, weil man ein gutes Herz hat, aber weil man ein guter Kamerad ist, ja, das ergibt Sinn“, schreibt er.

In ihrer Stammkneipe Les Béguines im belgischen Molenbeek hingen sie in einer dichten Haschischwolke ab und ließen sich mit Enthauptungsvideos dauerberieseln. „Indoktrination durch Dummheit“, nennt Carrère das. Aber war es nicht immer schon so, dass Gruppenzwang Männer zu Mördern werden lässt? Als die Bedienung einen zweiten Kaffee serviert, zitiert Carrère das Standardwerk des amerikanischen Historikers Christopher Browning über die „Ganz normalen Männer“ in Hitlers Diensten. Gewöhnliche Hamburger Polizisten des Polizeibataillons 101 verübten Massaker an jüdischen und polnischen Zivilisten, bewachten Konzentrationslager und wurden zu willigen Schergen der Todesmaschinerie der Nazis.

Vergleich mit dem Barbie-Prozess

Es fällt auf, wie oft Carrère versucht, den Zivilisationsbruch des Dschihadismus über einen anderen Zivilisationsbruch, den Vernichtungsfuror der Nationalsozialisten, zu verstehen. Er zieht einen Vergleich zu einem anderen Prozess, der Frankreich prägte. 1987 wurde der ehemalige Gestapo-Chef im besetzten Lyon, Klaus Barbie, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Der Strafprozess in Lyon hob sich von den Sondergerichten direkt nach dem Krieg ab – Barbies Vergehen wurde nach den Maßstäben des freiheitlichen Rechtsstaates bewertet.

Carrère spricht kein Deutsch, auch wenn es ihn fasziniert, dass er mütterlicherseits preußische Vorfahren hat. Seine Großmutter hieß mit Mädchennamen Nathalie von Pelken, sie starb vor Car­rères Geburt. Seine Mutter Hélène Carrère d’Encausse kam als staatenlose Immigrantentochter zur Welt und erhielt erst im Alter von 21 Jahren die französische Staatsbürgerschaft, was sie nicht daran hinderte, zur Wächterin französischer Hochkultur aufzusteigen. Seit 1999 bis zu ihrem Tod 2023 leitete sie die Académie française. In hohem Alter habe sie noch angefangen, Deutsch zu lernen, erzählt Carrère.

Wo beginnt das Buch des Dschihadismus?

Ein außergewöhnlicher Satz des Terroristen Salah Abdeslam beschäftigt Carrère bis heute: „Alles, was ihr über uns Dschihadisten sagt, ist, als würdet ihr nur die letzte Seite eines Buches lesen. Dabei müsste man das Buch von Anfang an lesen.“ Wenn er den Anfang suchen würde, dann vielleicht im Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, meint Carrère. Aber sicher sei er sich nicht, wo dieses Buch beginnt.

Stärker noch interessiert ihn die Frage, wie die nächsten Kapitel lauten, ob der Dschihadismus mit dem Verschwinden des Terrorkalifats im syrisch-irakischen Gebiet dauerhaft auf dem Rückzug ist. Alarmiert hat ihn die Warnung des französischen Islamforschers Hugo Micheron, der vor Gericht darlegte, der Dschihadismus regeneriere sich derzeit in französischen Gefängnissen. „Ich weiß nicht, ob er recht hat. Aber er klingt wie ein Seismograph, der genau vorhersagt, welche Schockwelle uns bevorsteht“, meint Carrère. Das Projekt eines Terrorismusmuseums in Paris findet er keine schlechte Idee. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich hingehen würde“, sagt er. Er habe das Gefühl, ein wenig übersättigt zu sein. Er habe sich mehr als ein Jahr mit den Terroranschlägen von Paris beschäftigt, um sein Buch zu schreiben: „Ich denke, das reicht für ein Leben.“

Source: faz.net