Zweites Deutsches Fernsehen-Doku „Überleben in Auschwitz“: Was dieser Holocaust war

Wie kein anderer Ort steht Auschwitz für die Abgründe der Menschheit. Mehr als eine Million Menschen haben die Nationalsozialisten in diesem Vernichtungslager ermordet, der Großteil von ihnen waren Juden. Das droht – man mag es kaum glauben – in Vergessenheit zu geraten. Einer Umfrage der Jewish Claims Conference von Anfang dieses Jahres zufolge haben zwölf Prozent der Menschen zwischen 18 und 29 Jahren in Deutschland noch nie den Begriff „Holocaust“ gehört. In Polen sind es zwei Prozent Unwissende. 40 Prozent der befragten jungen Erwachsenen wussten nicht, dass im Holocaust sechs Millionen Juden ermordet wurden, viele gingen von viel niedrigeren Zahlen aus.

Das Grauen des industriellen Massenmordes

Vor diesem Hintergrund ist die ZDF-Dokuserie „Überleben in Auschwitz“ von Katarina Schickling, Dagmar Gallenmüller und Thomas Schuhbauer besonders zu beachten, auch wenn es bereits zahlreiche Filme zu Auschwitz gibt. Durch die Schicksale von Opfern und Tätern veranschaulicht die Dokumentation das Grauen des industriellen Massenmords eindringlich – und ordnet die Geschichten der Zeitzeugen mithilfe von Experten in den größeren historischen Zusammenhang ein.

Die erste Folge beginnt mit der Vorgeschichte des Holocausts und zeigt auf, dass Auschwitz nicht plötzlich entstand. Vielmehr ging der Inbetriebnahme der ersten Gaskammern Ende 1941 eine lange Zeit der Normalisierung von Hass und Gewalt voraus. In der Weimarer Republik waren Juden gesetzlich gleichgestellt, doch Antisemitismus weit verbreitet. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 mussten die jüdischen Bürger als Sündenböcke herhalten. Dass die NSDAP bei der Reichstagswahl 1932 als stärkste Kraft hervorging und Hindenburg im Jahr darauf Hitler zum Reichskanzler ernannte, bereitete den Weg für die Diktatur. Zunächst landeten Oppositionelle, Sozialdemokraten und Kommunisten in Konzentrationslagern.

1935 folgte mit den Nürnberger Gesetzen die Legalisierung rassistischer und antisemitischer Vorstellungen weiter Teile der Gesellschaft. Mit den Novemberpogromen 1938 trat die Gewalt gegen Juden unverhohlen hervor und bestimmte immer mehr den Alltag. Nachdem Deutschland Polen am 1. September 1939 überfallen hatte, wurde der Platz in den bisherigen Lagern knapp. Daher errichtete die SS im Folgejahr in ehemaligen Kasernen der polnischen Ortschaft Oświęcim ein erstes KZ im besetzten Land: Auschwitz. Zunächst wurden vor allem politische Gefangene dorthin verschleppt, dann auch Juden. Das Lager wurde erweitert, mit Auschwitz II-Birkenau entstand 1941 eine Todesfabrik, die auch nicht zu arbeiten aufhörte, als die Wehrmacht sich auf dem Rückzug befand.

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„Überleben in Auschwitz“ greift zu dieser Geschichte der Vernichtung Schicksale von Menschen auf, die erschütternd und zugleich sehr unterschiedlich sind. Wilhelm Brasse, Halbpole und Halbösterreicher, den die Nazis als Deutschen einstuften, weigerte sich, der Wehrmacht beizutreten. So wurde er zu einem der ersten Häftlinge von Auschwitz. Da er Berufserfahrung als Fotograf hatte, musste er als Lagerfotograf arbeiten. So konnte er der Zwangsarbeit entgehen und sein Leben retten. Helen Spritzer aus der Slowakei gehört zu den sogenannten „Funktionshäftlingen“. Sie musste die Todeslisten führen. „Und dann stehen sie vor dir, auf dem Papier schon tot, aber sie atmen noch und wissen nicht, dass sie morgen tot sein werden. Das war hart“, erinnert sie sich. Im Lager begann sie eine streng verbotene Liebesbeziehung mit ihrem Mithäftling David Wisnia, wie sie Jude. Beide überlebten, doch ihre Wege trennten sich für lange Zeit, nachdem sie in unterschiedliche Lager verlegt worden waren.

Mit Josef Mengele schildert der Film auch das Schicksal eines der bekanntesten Täter. Er führte in Auschwitz grausame Menschenversuche, unter anderem an Zwillingen, durch. Die Dokumentation porträtiert ihn weder als Verrückten noch als glühenden Nazi von Anfang an, sondern als gebildeten jungen Mann aus wohlhabendem Elternhaus, der mit dem Strom schwimmt, SS-Mitglied wird, als Feldarzt an der Ostfront arbeitet und zu immer skrupelloseren Taten fähig ist. Was Hannah Arendt „Banalität des Bösen“ nennt, illustriert der Film eindrücklich: Menschen wie Mengele sahen sich als Glied eines Systems, nach dessen Regeln sie einfach handelten. Mengele setzte sich nach dem Krieg nach Südamerika ab und starb 1979 in Brasilien. Er wurde wie viele andere NS-Verbrecher nie strafrechtlich belangt.

Überleben in Auschwitz läuft am Dienstag um 20.15 Uhr im ZDF und in der Mediathek.

Source: faz.net