Zu Gast unter Ernest Wichner: Wer sittlich nicht käuflich blieb

Wir treffen uns im bürgerlichen Friedenau, in einer schönen Altbauwohnung in der Niedstraße (alter Mietvertrag!). Auf der „Literaturmeile“, wie diese Straße in Berlin bisweilen genannt wird, wohnten auch Erich Kästner, Günter Grass und Uwe Johnson. Ernest Wichner lebt hier mit seiner Ehefrau, der Literaturkritikerin Nicole Henneberg, die soeben eine lesenswerte Biografie Gabriele Tergits vorgelegt hat.

Ich darf im geräumigen Arbeitszimmer Platz nehmen, wo mein Blick sogleich auf das Buch In der Sprache der Mörder. Eine Literatur aus Czernowitz, Bukowina fällt – es begleitete die gleichnamige Ausstellung im Literaturhaus Berlin im Winter 1993/94 und widmet sich der literarischen Blütezeit jener Region, über die der gebürtige Czernowitzer Paul Celan einmal sagte, es sei eine Gegend gewesen, „in der Menschen und Bücher lebten“. Wichner gab das Buch mit Herbert Wiesner heraus. Knapp zehn Jahre danach sollte er von ihm die Leitung des Hauses übernehmen und bis 2017 maßgeblich das Kulturleben der Stadt bereichern.

Irgendwann während unseres gut sechsstündigen Gesprächs frage ich Wichner auch, wie er sich sein Interesse an jüdischer Geistesgeschichte erklärt. Er führt es auf seine Kindheit im Banat zurück. Die faschistische Ideologie hatte sich in den banatschwäbischen Dörfern dieser südwestrumänischen Region auch nach dem Krieg erhalten, wie in Guttenbrunn, wo Wichner 1952 geboren wurde. Das Kind hört, dass Hitler gut gewesen sein soll. Als der Jugendliche von den NS-Lagern erfährt, fängt er an, sich von der dörflichen Mentalität zu emanzipieren.

Honigsüße Hermeneuter

Wichner akzeptiert schon damals nicht mehr die Attribuierung „rumäniendeutsch“. Die „rumäniendeutsche“ Literatur kenne er gar nicht. Dafür habe er die Reclam-Hefte aus der Dorf- und Schulbibliothek gelesen. Literarisch geprägt wurde er von deutscher Literatur von Minnesang bis Ernst Jandl und Rolf Dieter Brinkmann, aber auch von amerikanischer Erzählliteratur und philosophischen Lektüren von Platon über Adorno bis Hans Blumenberg.

Als ich in der Niedstraße ankomme, prüft Wichner gerade die Korrekturfahne seiner neuen Übersetzung, von Mircea Cărtărescus Theodoros, einem umfangreichen historischen Roman über das fantastische Leben und Schicksal von Teodor, einer griechisch-rumänischen Figur, die 1818 in der Walachei als Kind von Hofdienenden eines Bojaren geboren wird und der man eine Zukunft als Herrscher prophezeit.

Wichner ist für die rumänische Literatur, was Karl Dedecius für die polnische war. Gäbe es eine in einem einzigen Verlag gebündelte „Rumänische Bibliothek“, ähnlich der „Polnischen Bibliothek“, die von Dedecius so lang und so beharrlich für Suhrkamp verantwortet wurde, Wichner wäre sicher deren Schirmherr, und man könnte sich seine Mammutleistung als Literaturvermittler noch deutlicher vor Augen führen. Liliana Corobca, Nora Iuga, Norman Manea, Cătălin Mihuleac, Tatiana Țîbuleac, Varujan Vosganian, um nur wenige zu nennen, sind Nutznießende seiner kongenialen Übersetzungskunst. Dafür wurde er 2020 mit dem bedeutendsten deutschen Preis für Übersetzung ausgezeichnet, dem Johann-Heinrich-Voß-Preis. Wichners Übersetzung von Theodoros ist ein weiteres Mosaikstück zum ultimativen Weltruhm des rumänischen Starautors Mircea Cărtărescu. Man hat allen Grund zu der Annahme, dass Cărtărescu bald mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird. Damit wäre Wichner im Rahmen dieses Preises aller Preise ein zweites Mal ein wichtiger Mann im Hintergrund.

Ernest Wichner

Foto: Hendrick Schmidt/dpa

Das erste Mal war er es 2009, als Herta Müller den Nobelpreis bekam. Müller und Wichner sind befreundet, haben sich als Jugendliche im Rumänien der 1960er Jahre kennengelernt, er vermittelte ihr auch die Zusammenarbeit mit Oskar Pastior, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine tiefe Freundschaft verband und dessen gesammelte Werke unter seiner Herausgeberschaft erscheinen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand Müllers berühmter Roman Atemschaukel. Dafür reisten alle drei zu dem ehemaligen sowjetischen Arbeitslager, in das Pastior im Zuge der groß angelegten Verschleppung Rumäniendeutscher Anfang 1945 deportiert worden war.

Herta Müller, die einmal von sich sagte, dass ihre Sozialisation das Lager sei, wollte sich ursprünglich der Biografie ihrer Mutter, einer Überlebenden des Sowjetlagers, annehmen und literarisch erkunden, weshalb sich deren „Lagerethos“ des Überlebens so verheerend auf die Erziehung der Tochter auswirken konnte. Nur war die Mutter nicht in der Lage, darüber zu sprechen. Pastior dagegen ließ sich auf das Erzählen ein. Dabei offenbarte sich, so Wichner, „ein Blick auf die Welt, den man nicht über Bildung erreichen kann“. Als Pastior im Oktober 2006, kurz vor der Entgegennahme des Büchner-Preises, unerwartet starb, machte Müller allein weiter. Das Ergebnis wurde Weltliteratur.

Natürlich interessiert mich auch, wie Müller und Wichner 2010 den posthum gegen Pastior erhobenen Vorwurf aufnahmen, er sei in den 1960ern inoffizieller Mitarbeiter der Securitate gewesen. Sie hätten „die seelische Gewissheit“ gehabt, dass Pastior ein guter Mensch gewesen sei, so Wichner.

Wir sind schon in der Küche. Während mich Wichner mit einem köstlichen Nudelgericht bekocht (mit Gorgonzola, Zucchini und Safran!), das fast anbrennt, weil ich ihn ständig mit Fragen ablenke, fällt mir auf, dass er bislang kaum über sich gesprochen hat. Also frage ich ihn, ob seine Tätigkeit nicht doch an Selbstaufgabe grenze. Was er energisch von sich weist: In der Hingabe an Autorinnen und Autoren, an Menschen, an Werke sei er ganz nah an sich selbst. Damit meint er zum Beispiel jene Glücksmomente, in denen er die eigene Lebenswirklichkeit in den Worten Cărtărescus findet.

Und dann bringe ich ihn doch dazu, über sich zu sprechen. Aber er spielt über Bande und erzählt von seinem Vater, auch er ein Überlebender der Sowjetlager. Als Schneider in der lagereigenen Werkstatt sei er privilegiert gewesen. Nach einem halben Jahr sei er aufgrund einer starken Erkältung entlassen worden. Die Lagerverantwortlichen hatten eine Massenansteckung befürchtet und den Insassen vor die Tür gesetzt, 2.000 Kilometer von zu Hause entfernt, nunmehr auf dem Heimweg in Begleitung eines älteren Mannes. Von dem habe der Vater die Wunderwirkung der Akazienblüte erfahren. Sie aßen sie und versorgten sich darüber mit in dem Moment überlebenswichtigen Stoffen. Und während sich Wichner hinter den Vater zurückzieht, spricht er immer liebevoller über ihn. Er zeichnet ihn als jemanden, der dem Sohn früh schon ein selbstbestimmtes Leben ermöglichte.

Dass Wichner mit seiner Zeit in Rumänien Frieden geschlossen hat, merke ich auch daran, wie leichtfüßig er über die Ausreise seiner Familie spricht. Urkomisch! Erst der dritte Ausreiseantrag ist erfolgreich, und zwar nur, weil die Familie die im Sowjetlager gestorbene Großmutter in Deutschland „revitalisiert“. Erst so klappt die Ausreise schon 1975. Die große Welle der Übersiedlung Rumäniendeutscher in die BRD sollte erst in den 1980ern folgen. Von Herta Müller stammt der Reim: „Ja, wir haben hier Verwandte, / toter Onkel, tote Tante.“

Es sind tragikomische Geschichten, die nur Diktaturen schreiben können. Umso gewichtiger erscheint die Stimme derer, die sie moralisch integer überlebt haben. Auch heute bewundert Wichner an Müller ihre politische Klugheit, die er noch einmal unterstreicht in Bezug auf ihre Stockholmer Rede über die Folgen des 7. Oktober und die Notwendigkeit eines Staates Israel. „Das Ethos, mit dem die Aktionsgruppe angetreten war, vertritt jetzt Herta Müller“, sagt Wichner. Und da ist es wieder, sein bescheidenes Spiel über Bande: Wichner war bis zu deren Auflösung durch die rumänischen Behörden mehrjähriges Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“. Deren ästhetisch-politisches Profil bestand in einer Verweigerung gegenüber dem kommunistischen Ceaușescu-System.

Es ist Mitternacht, und ich muss meine S-Bahn erwischen, dabei haben wir noch gar nicht über Wichners herausragende Dichtung gesprochen, von der zu seinem 70. Geburtstag die große Auswahl Heute Mai und morgen du erschien: „Aber die Außenseiter! Die Mäander, Buchteln / und Schluchzer. Die Wolkenmasseure, heim- / lichen Sinnverklumper und Verquaser, die / honigsüßen Hermeneuter. Doch lassen wir’s. / Uns reicht schon die Struktur.“

Alexandru Bulucz wurde 1987 in Alba Iulia, Rumänien, geboren. Bei Schöffling & Co. erschien zuletzt sein vielgelobter dritter Gedichtband Stundenholz