Wendefilme | Ostalgie im Kino: Lachen, solange bis es wehtut
Es gibt einen Moment in Wolfgang Beckers Good Bye, Lenin! (2003), der die gemischten Gefühle, die mit der deutschen Einheit verbunden sind, vielleicht besser verdichtet als so manches Buch oder so manche Bundestagsrede. Die von Katrin Sass gespielte Mutter erwacht aus ihrem Koma in ein ihr fremdes und unverständlich gewordenes Land. Sie steht am Fenster und sieht, wie ein riesiger Lenin-Kopf über den Berliner Himmel zu fliegen scheint. Die Szene hat Witz und Melancholie zugleich: Es wird nicht nur eine Statue abtransportiert, sondern eine ganze Lebenswelt zu Grabe getragen.
Als Good Bye, Lenin! 2003 in die deutschen Kinos kam, hatten sich die Muster des „Ost-West-Diskurses“ bereits so gut etabliert, dass sie reflexhaft abgerufen wurden: Die Herkunft des Regisseurs Wolfgang Becker (West) und der Hauptdarsteller (beides) wurde als Argument bemüht; das Bild der DDR als verzerrt bezeichnet. Die Filmkritik in den Feuilletons zeigte sich abschätzig, es handelte sich schließlich um eine Komödie. Dann kam der Erfolg zuerst in den deutschen Kinos und später der internationale.
Nicht nur, dass Good Bye, Lenin! im Unterschied etwa zu Sonnenallee (1999) das rare Beispiel eines Films zum Thema Wiedervereinigung ist, der im Osten und Westen Deutschlands gleich gut ankam, er ist tatsächlich der größte internationale Exporterfolg des deutschen Kinos der 2000er, mit Preisen bedacht in Dänemark, Großbritannien und Spanien, nominiert in Schweden, Italien und bei den Golden Globes. Und, aussagekräftiger noch: Er fand tatsächlich Zuschauer außerhalb Deutschlands; sogar mehr als der von Oscar-Kampagne und -Auszeichnung beförderte, umstrittene Das Leben der Anderen (2006). Mit dem Spiel um Enttäuschung und Selbsttäuschung über linke Ideale und der Erfahrung eines Erwachens in einem fremden Land identifizierte man sich zu Anfang des Jahrtausends weit über Deutschlands Grenzen hinaus.
Wie auch immer man die einzelnen Filme heute bewertet, retrospektiv gesehen markieren die genannten drei – Leander Haußmanns Sonnenallee, Beckers Good Bye, Lenin! und Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen – so etwas wie Aufstieg und Fall der Auseinandersetzung um Ost-West-Identitäten im Kino. Als frühen Beginn der später in Verruf geratenen Ostalgie könnte man Peter Timms Go Trabi Go (1991) sehen, eine komödiantische Verarbeitung des Umbruchs, die seinerzeit schon heftig kritisiert wurde für ihre groben Klischees über Ost und West, aber längst noch keine Debatte auslöste.
Erinnern mit Laune
Das war bei Haußmanns Sonnenallee 1999 schon anders. Es war der ungleich „hippere“ Film zum Thema und artikulierte in seiner ironischen Verspieltheit und seinen Pop-Zitaten auf subversive Weise Protest gegen die empfundene Abwertung der DDR-Alltagserfahrung im Kontext der historischen Aufarbeitung als „Unrechtsstaat“.
Die launige, absichtlich fragmentarisch gehaltene Erinnerungsinszenierung entlarvt dabei sowohl Verklärung als auch Verteufelung der DDR als jeweils unzureichende Narrative. Die Komödie, im Osten Deutschlands erfolgreicher als im Westen, erlaubte es ihrem Publikum, eine Lebenserfahrung wiederzuerkennen, ohne die politische Dimension ganz zu leugnen. Der Vorwurf des „Whitewashing“ und der Verharmlosung erging trotzdem, konnte sich aber am lakonischen Humor des Films nicht richtig verfangen.
In gewisser Weise hat Wolfgang Becker in Good Bye, Lenin! (2003) die humoristisch-nostalgische Gegenüberstellung von Alltag und großer Geschichte in die gängigere Form einer Täuschungskomödie gebracht und so kommerzialisiert. Die Kritik der „zu leichten“ Auseinandersetzung mit dem DDR-Regime verkennt die subversive Qualität dieser Filme: In ihnen ging es weniger um die DDR, so wie sie war, sondern darum, wie sie erinnert wurde. Sie maskierten mit Humor, was auch melancholischer Schmerz über einen Verlust war, der eigenen Jugend, des bislang gelebten Lebens, der zugehörigen Identität. Einen Verlust, den keine Aufklärung über das Treiben der Stasi wegreden kann.
Bezeichnenderweise verzeiht man dem Humor selbst der verfehlten Gags dieser Filme mit ihren Vorläufern, Ablegern und Nachfolgern von Helden wie wir (1999) über NVA (2005) bis Boxhagener Platz (2010) leichter als der Ernsthaftigkeit, mit der Das Leben der Anderen ebenjene Verarbeitung nachholen wollte, die man an den Komödien vermisste. Zuerst deckte der Stolz über den Oscar-Erfolg im Frühjahr 2007 noch zu, was wenig später zu einer bitteren Debatte darüber wurde, ob hier der „Falsche“, ein Regisseur aus dem Westen, ausgerechnet auch noch mit Adelstitel im Namen, von einer DDR-Vergangenheit erzählte, die eigentlich doch anders war und anders empfunden wurde. Das Melodrama ließ weniger Raum für Ambivalenz und damit auch für Identifikation jenseits der Einteilung in die Schablonen von Gut und Böse, Regime und Alltag. So markiert Das Leben der Anderen, trotz Oscar-Glanz, im Nachhinein eher ein Scheitern. Er war zwar keineswegs der letzte Film zum Thema, aber doch das letzte Mal, dass ein Film eine so breite Debatte auslöste.
Verfehlte Gags, falsche Ernsthaftigkeit
Eigentlich stellte man sich damals – Mitte der Nullerjahre – noch vor, dass der Begriff Ost/West bald an Stringenz verlieren und auch das Kino zunehmend die zwangsläufig durchmischte Realität des wiedervereinigten Deutschland reflektieren würde. Ost- und Westdeutschland sollten bald nicht mehr als Identitätsmarkierungen taugen und nur noch Wohnorte bezeichnen und das enge Thema Erinnerungspolitik sich mit den aktuellen, globaleren Fragen von Migration, Generationengerechtigkeit, Klimawandel verknüpfen.
Davon hat sich erstaunlich wenig bewahrheitet. Filme wie Andreas Dresens Clemens-Meyer-Adaption Als wir träumten (2015) und Gundermann (2018) schilderten die Nachwendeperiode mit Betonung auf Eigenständigkeit und in Abgrenzung zum Westen. Die Filme der letzten Jahre, wie Emily Atefs Irgendwann werden wir uns alles erzählen (2023), Natja Brunckhorsts Zwei zu eins (2024), Constanze Klaues Mit der Faust in die Welt schlagen (2025) oder Maren-Kea Freeses Wilma will mehr (2025), setzen den Trend fort und bestärken ihn. Sie decken ein weites, differenziertes Spektrum ab, einerseits kritisch aufarbeitend, andererseits leicht nostalgisch verklärend, aber immer deutlicher auf die Besonderheit der eigenen Erfahrung und der ostdeutschen Identität bestehend.
Sie führen damit zuletzt auch die Asymmetrie vor Augen, die der Ost-West-Debatte seit jeher eine Unwucht verleiht. Wo sich für die einen alles verändert hat, konnten die anderen im Großen und Ganzen weitermachen wie bisher, eben auch im Kino.
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Der Freitag wird 35 Jahre alt!
Am 9. November 1990 erschien die erste Ausgabe des Freitag – einer Fusion des ostdeutschen Sonntag und der westdeutschen Volkszeitung. Mit dem Untertitel Die Ost-West-Wochenzeitung begleitete er die deutsche Einheit von Anfang an aus einer kritischen Perspektive.
Wir wollen bloß die Welt verändern: Mit unserem Ringen um die Utopien der Gegenwart, mit unserem lauten Streiten und Nach-Denken, mit den klügsten Stimmen und der Lust am guten Argument finden wir heraus, was es heißt, links zu sein – 1990, die vergangenen 35 Jahre, heute und in Zukunft.
Dazu gratulieren uns Slavoj Žižek und Christoph Hein, Tahsim Durgun und Margot Käßmann, Svenja Flaßpöhler, Sahra Wagenknecht, El Hotzo und viele weitere Interviewpartnerinnen, Autoren und Wegbegleiterinnen des Freitag.
Lesen Sie dies und viel mehr in der Jubiläumsausgabe der Freitag 45/2025 und feiern Sie mit uns!