Warum sich die Deutschen für das britische Königshaus begeistern

Es stimmt natürlich nicht, dass die Deutschen das britische Königshaus so besonders ­faszinierend finden, weil es deutsche Wurzeln hat. König Charles III. mag die Familien­namen seiner Vorfahren, Sachsen-Coburg und Gotha sowie Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, nahezu akzentfrei aussprechen können; er beherrscht Deutsch wie schon sein Vater Prinz Philip, wie sich bei seiner historischen Rede im Deutschen Bundestag am Donnerstag ein weiteres Mal zeigte.

Wir sehen in ihm aber sicher nicht unseren König Karl, weil wir uns insgeheim nach einer hierzulande längst vergangenen Zeit sehnen. Keiner will ernsthaft unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben, wie es im Fehrbelliner Reitermarsch heißt, der sich übrigens nicht etwa auf ­Wilhelm II. bezieht, sondern auf den Reichsgründer und ersten Deutschen Kaiser Wilhelm I.

Vierzig Besuche als Thronfolger

Unzweifelhaft ist Charles Deutschland und den Deutschen eng verbunden. Er kam schon als Thronfolger mehr als vierzig Mal zu Besuch, auch weil seine Tanten, die Schwestern seines Vaters, in alte deutsche Adels­familien eingeheiratet haben. Es waren also anfangs zumindest viele private Be­suche. Charles schätzt die vermeintlich deutschen Tugenden, die er allerdings von seiner Mutter übernommen hat: Pünktlichkeit, Fleiß, Hingabe.

Die Deutschen wiederum sind ein Volk, das Klatsch und Tratsch liebt. Tatsächlich gibt nahezu die Hälfte von ihnen an, sich für die britische Monarchie mit all ihren Höhen und Tiefen zu interessieren. Das bezieht sich bei Weitem nicht nur auf die oft höchst banalen, ­familiär bedingten Zwistigkeiten der Mountbatten-Windsors.

Die Untiefen des Boulevards hat Charles eigentlich schon länger hinter sich gelassen. Zur Unzeit, nach dem Tod der Mutter und vor seiner Krönung im Mai, kamen daher für ihn die Anwürfe seines nach Amerika geflüchteten zweitgeborenen Sohnes Harry und dessen Frau Meghan.

Es zahlt sich weiterhin fürs Königshaus aus, eisern zu den oft eher haltlosen Vorwürfen des Herzogspaars Sussex zu schweigen, die von Kaltherzigkeit bis hin zu Rassismus innerhalb der königlichen Familie reichen. Selbst Camilla, die lange für das Scheitern der ersten Ehe von Charles mit Diana verantwortlich gemacht wurde, ist in den meisten Umfragen in­zwischen beliebter als Harry und ­Meghan.

Charles’ Pfund, mit dem er wuchern kann, ist seine Glaubwürdigkeit. Wie seine Mutter steht er für eine Kontinuität, die nicht nur im Königreich als segensreich empfunden wird, gerade nach den politischen Verwerfungen, die der Brexit mit sich gebracht hat und zu denen gleich fünf Premierminister in sechs Jahren zählen.

Genauso lange wie Elisabeth II. Königin war, war Charles ihr Thronfolger. Als König ragt er nun wie seine Mutter auch unter den europäischen Monarchen heraus. Er ist von einer ganzen Reihe von Ländern noch immer das Staatsoberhaupt und steht zudem dem Commonwealth mit seinen 56 Staaten vor.

Seine Themen sind modern

Unbeirrt ist Charles seinen Weg gegangen. Seit bald 50 Jahren setzt er sich für den Naturschutz ein, für ökologische Landwirtschaft, für Alternativmedizin. Damals, als er erstmals vom Klimawandel sprach, wurde er dafür noch belächelt. Heute ist er durch genau diese Themen auch für die junge, die vermeintlich letzte Generation plötzlich sehr modern geworden.

Natürlich sprach er im Bundestag auch über die Möglichkeiten des Klimaschutzes, etwa über die deutsch-britische Zusammenarbeit bei der Wasserstoffwirtschaft. Schon heute sind beide Länder zudem die größten Produzenten von Offshore-Wind in Europa.

Unter der gläsernen Kuppel, „einem Leuchtturm der Demokratie“, den der britische Architekt Sir ­Norman Foster nach der Wiedervereinigung für uns Deutsche gebaut hat, bekannte sich Charles vor allem zur alten Freundschaft von Briten und Deutschen. Auch das war ein klares Zeichen der Kontinuität: Schon Elisabeth II. hatte 1965 mit ihrem ­ersten Staatsbesuch in Deutschland nach dem verheerenden Krieg einen entscheidenden Schritt zur Versöhnung der beiden Nationen unternommen.

Es erfülle ihn mit besonderem Stolz, jetzt als König diese Bande zu erneuern, sagte Charles. An ihr, der Freundschaft, so seine Botschaft, gibt es nichts zu deuteln, selbst wenn das Königreich nicht mehr Teil der Europäischen Union ist. Ein kleines Lächeln auf Kosten des anderen sei unter Freunden dabei durchaus erlaubt. Wer wollte ihm da widersprechen?

Auch von der Geißel des Krieges, die nach Europa zurückgekehrt ist und unsere Werte be­droht, sprach Charles. Es gilt, die Reihen fest geschlossen zu halten, um Frieden und Freiheit zu verteidigen. Wer könnte das als Symbol besser als der höchste Repräsentant einer der ältesten Demokratien? Charles hat Gewicht, als Mensch und Monarch. Insofern ist er auch unser König.

Source: faz.net