Von Konstantin Wecker solange bis „American Beauty“: Patriarchale Obsession mit Jungfräulichkeit
Er will Sex mit ihr. Das ist Lester sofort klar, nachdem er Angela, die Freundin seiner Tochter, zum ersten Mal in der Highschool tanzen sieht. Der in der Midlife Crisis steckende 42-jährige amerikanische Vorstadtvater, gespielt von Kevin Spacey, beginnt über Mena Suvari als Angela zu fantasieren. Lasziv räkelt sie ihren nackten Körper vor seinem inneren Auge in einem Haufen aus Rosenblüten. Nur leicht bedeckt mit einzelnen Blättern – nur für ihn.
Durch Angela beginnt Lester wieder zu leben, sich in Form zu bringen, sich durchzusetzen, in Job und Ehe. Denn seine Frau nahm ihm in seinen Augen schon viel zu lange seine Männlichkeit. In Lesters Phantasien geht es aber nicht um Angela selbst, um ihre Person oder gar um ihren Charakter. Es geht einzig und allein um Angelas Körper. Um den Körper einer Teenagerin.
Männerfantasien für junge Teenagerinnen – die gibt es nicht nur in der Fiktion von American Beauty.
Von Konstantin Wecker bis in die Abgründe des Internets
Genauso machte Liedermacher Konstantin Wecker kürzlich von sich reden, weil er eine intime Beziehung mit einer Minderjährigen führte. Er war 63, sie 15 Jahre alt, und doch beteuerte er, diese Beziehung sei einvernehmlich und auf Augenhöhe gewesen. Sie hätte es schließlich auch gewollt. Keine Seltenheit. Kaum überraschend.
Doch woher stammt diese Gier jener Männer nach jungen Körpern? Wenn man sich auf die Suche nach Antworten begibt, tun sich die Abgründe des Internets auf. So erscheinen bei der Google-Suche keine soziologischen Analysen, die das Thema aufdröseln. Sondern Pornoseiten mit Titeln, die so gewaltvoll klingen, dass ich sie hier nicht ausschreiben möchte. Die Worte „devot“, „junge Mädchen“ und „benutzen“ fallen, sowie, „unterlegen“, „sehr klein“ und „Schlampe“.
Wenn Teenager in pornografischem Material zu sehen sind, ist klar, dass es sich hier um sexuelle Ausbeutung handelt, um Vergewaltigung Minderjähriger vor laufender Kamera. Zugänglich für jeden, der danach sucht.
Menschenhandel ist nicht nur im Rotlichtmilieu, sondern auch in der milliardenschweren Pornoindustrie ein enormes Geschäft. Frauen, Mädchen und andere Menschen werden zur Produktion dieser Filme gedrängt und anschließend mit dem Material erpresst. Michael Pratt, Betreiber der Plattform Girls do Porn, lockte mit seinen Mitarbeitenden unzählige Frauen durch irreführende Anzeigen in die Produktion von Pornos und verheimlichte ihnen, dass diese auf den großen Plattformen veröffentlicht werden würden. Gesucht hatte er damals nach „jungen, hübschen Frauen, die nach Highschool-Mädchen aussehen“, schreibt der Rolling Stone. Jene, die sich wehren wollten, wurden bedroht und mundtot gemacht.
Hypersexualisierung beginnt im Kindesalter
Der Markt gibt her, was Nachfrage fordert. Laut einer Datenanalyse aus dem Jahr 2015, war „Teen“ die meistgesuchte Porno-Kategorie bei männlichen Usern. Mittlerweile wurde sie von der Kategorie „MILF/Mature“, was übersetzt „mother I’d like to fuck“ bedeutet, abgelöst. „Teen“, „Youth“ und „Schoolgirl“ gehören jedoch noch immer zu den beliebtesten Suchbegriffen. Und noch immer steht die Frage im Raum, woher diese Hypersexualisierung von Teenagerinnen eigentlich kommt.
Etwas näher kommt man vielleicht einer Antwort, wenn man einmal die Begriffe Junge und Mädchen in die Google-Bildersuche eingibt. Tippt man „Junge“ ein, erscheinen Porträts von zerzausten Jungs, die verschmitzt mit Zahnlücken in die Kamera grinsen. Einer schreit, ein anderer freut sich über den riesigen Ball, den er unter seinem Arm trägt. Kinder eben.
Gibt man nun „Mädchen“ ein, entgleist einem jeder Gesichtsmuskel. Junge Mädchen posieren in Unterwäsche und Bikinis auf Ganzkörperfotos, die Hand in die Hüfte gestemmt. Eines der Mädchen wurde von hinten auf einer Schaukel im rückenfreien Badeanzug fotografiert. Der Rücken durchgedrückt, der Hintern in Szene gesetzt. Vermutlich ist das Kind nicht älter als fünf oder sechs. Eine andere sitzt posierend auf einem Stein in einem Rock, so kurz, dass er nur knapp ihren Po bedeckt. An den Beinen trägt sie weiße Netzstrümpfe. „Hübsches kleines Mädchen“ lautet der Titel des Bildes, der an die Porno-Suchbegriffe „sehr klein“, „junge Mädchen“ erinnert.
Die Hypersexualisierung von Mädchen in westlichen Ländern der Erde beginnt also schon, wenn sie noch in ihren Kinderschuhen stecken. So ist selbst das gängige Schönheitsideal, von rasierten Beinen und glatter Haut eines, das jungen Mädchen gleicht. Mit solchen Bildern aufzuwachsen und ihnen tagtäglich in Werbung und Medien ausgesetzt zu sein, geht nicht spurlos an uns vorbei. Wir agieren danach, wir leben danach, ohne zu hinterfragen. Unterbewusst. Dass Mädchen hübsch auszusehen haben und dass vor allem ihr Äußeres zählt, wird schon früh zu unserer Realität.
Frauen als Objekt
Eine Frau werde nicht als Frau geboren, schrieb Simone de Beauvoir einst, „sie wird erst zu einer gemacht“. Die Sozialisierung beginnt also unweigerlich nach der Geburt durch Familie und unmittelbare Umgebung. Wir brauchen schließlich Kategorien und Codes, um uns im Chaos unserer Welt zu bewegen und Menschen einzuordnen.
Unbewusst werden wir von unserer Umwelt in bestimmte Formen gepresst, in denen uns Attribute zugeschrieben werden, die in unserer Gesellschaft für Weiblichkeit und Männlichkeit stehen. Passiv gleich Frau, aktiv gleich Mann. Denn gewöhnlich wird der Prinz in Märchen nicht von der heldenhaften Prinzessin gerettet. Sie bleibt ohne Handlungsmacht ihrem Schicksal überlassen. „Devot“, „unterlegen“.
Entsprechen wir diesen Kategorien nicht, werden wir häufig sozial sanktioniert. Sind wir als Frau zu laut, gelten wir als unverschämt oder gar störend. Sind wir als Mann zu verletzlich, gelten wir als schwach und emotional. „Du Mädchen“ hieß es dann als Schimpfwort schon damals auf dem Schulhof. Weiblichkeit werten wir ab. „Schlampe“
Ob Filme oder Musik, auch die Popkultur sozialisiert uns in bestimmte Richtungen. So sehen wir unser Leben lang Filme, die meist aus der Perspektive eines weißen, heterosexuellen Mannes geschrieben und gedreht sind. Wir internalisieren den Blick des Mannes und bestimmte Verhaltensmuster. Den Male Gaze nannte Laura Mulvey dies einmal. Er, der Mann, ist das Subjekt, die handelnde Person.
Frauen hingegen werden zumeist als Objekt dargestellt und betrachtet. Ausschnitte ihrer Körper werden in eng aneinander geschnittenen Szenen oder durch eine Kamerafahrt von Fuß bis Kopf gezeigt. Wie sie sich fühlen, oder was sie denken, spielt keine Rolle. Auch in American Beauty wird das Geschehene aus Lesters Augen wahrgenommen. Er ist das Subjekt. Angela hingegen ist ausschließlich ein Instrument seiner Phantasie, seiner Lust. Sie ist austauschbar und eine reine Projektionsfläche seiner Gelüste. Das Objekt seiner Begierde. „Benutzen“
Candy Girls
Auch in der Musikbranche sind Frauen „normschöne und leicht konsumierbare Ressource“ zur Verfügung stehen, schreibt Sonja Eismann in ihrem Buch Candy Girls. Eine Ressource, so schreibt sie weiter, an der sich der „männliche Blick, den alle kulturell erlernt haben, labt“. Dabei müssen die Mädchen und Frauen möglichst jung sein. So tanzte auch Britney Spears schon mit 16 in ihrem Musikvideo zu Baby One More Time als aufreizendes und verführerisches Schulmädchen zu einem Song, den man mit dem Text „Hit me baby one more time“ als Gewaltaufruf verstehen kann.
Männer, so schreibt Eismann weiter, sind älter, also weise und mächtig. „Sie haben daher das Recht, die machtlosen Körperexistenzen von Frauen und jungen Mädchen, die als dumm und naiv gelten, für ihren Vorteil, ob sexueller oder finanzieller Art, in Besitz zu nehmen und ultimativ zu vernichten.“
Auch Angela verhält sich, wie sie sozialisiert wurde. Sie flirtet mit Lester, weil seine Begierde ihr in unserer Gesellschaft Wert zuschreibt. Kurz vor Ende des Filmes küssen sie sich, Lester reißt ihr Oberteil auf, die Kamera filmt die damals 19-jährige Schauspielerin von oben, wie sie auf dem Rücken liegt. Entblößt. Der männliche Blick ist die Kamera. Wie ein Raubtier. Allein dieser Moment, diese Szene fühlt sich wie eine Vergewaltigung an. Erst als Angela zugibt, dass sie Jungfrau ist, lässt Lester von ihr ab.
Und da haben wir sie, die patriarchale Obsession von Jungfräulichkeit. Denn plötzlich checkt Lester, wie jung sie ist. Ernsthaft, erst jetzt? Wäre sie keine Jungfrau gewesen, wäre die Teenagerin also nicht schützenswert gewesen? Die Fetischisierung der Jungfräulichkeit, der Reinheit und Unschuld geht mit Macht und Kontrolle über weibliche Körper einher. Mit, so Eismann, „Phantasien der Inbesitznahme, der gewaltvollen Öffnung des weiblichen Körpers durch das phallische Durchstechen“.
Gleichzeitig bedient der Film das Konstrukt, der Mann müsse seinen Trieben folgen, und der Frau, dem Mädchen, wird eine Handlungsmacht durch die Verführung zugesprochen, die sie eigentlich gar nicht hat. Schließlich geht er vom Feld, als Held, der der verführerischen Jungfrau widerstanden hat. Und sie ist und bleibt ein Kind. Der Film, damals ein Hit. Artikel zum Film erwähnten in keiner Silbe den Altersunterschied. So normal ist die Entmenschlichung junger Mädchen in unserer Gesellschaft.