TV-Kritik Sandra Maischberger: Wagenknecht: „Ich schmeiße nicht hin!“

Es gibt keine Talkshow, bei der man als Zuschauer so oft wie bei „Maischberger“ denkt: Ach, hätte sie hier doch mal den Mund gehalten! Hätte die Moderatorin den Gesprächspartner, die Gesprächspartnerin doch nur dieses eine Mal ausreden lassen. Wo es doch gerade anfing, interessant zu werden. Aber nein, Sandra Maischberger fällt zuverlässig genau dann ins Wort, wenn ihr Gegenüber sich anschickt, einen Punkt vertiefen zu wollen und die Gesprächssituation aufschlussreiche Details verspricht. Warum ist das so? Was macht sie so eingreifend-übergriffig, wenn jemand nicht etwa abschweift, sondern zielführend ausholt, um eine Frage zu beantworten?
Wir nehmen einmal an, es ist eine Art Ökonomie der Interviewführung, die hier gebietet, an der Oberfläche zu bleiben, es gar nicht erst zu vertiefenden Einlassungen kommen zu lassen. Was soll daran für die Moderatorin ökonomisch sein? Die Antwort liegt auf der Hand: Zum einen kann die Vorbereitung zwischen Tür und Angel erfolgen; ich kann mich auf die Aspekte beschränken, auf die sich medial schon eingeschossen wurde; andere gilt es abzuwürgen, man möchte sich schließlich nicht das Heft aus der Hand nehmen lassen; Mainstream ist auch insoweit ein Entlastungsmodell.
Zum anderen geht es darum, bei einer insgesamt überladenen Sendung – thematisch und personell wuselt bei Maischberger einfach zu viel durcheinander – das Pensum zu schaffen. Also schlichtweg mit dem ganzen Zeug zeitlich irgendwie durchzukommen. Von daher lastet ein Zwang auf der Moderatorin, die Gehetzte zu geben, ständig zu unterbrechen und die Kommunikation – ein Gespräch möchte man es nicht nennen – mehr oder weniger durchzupeitschen. Man sollte meinen: Nur Vollprofis, die von jetzt auf gleich den inneren Schalter umlegen können und also gegen psychische Aussetzer gefeit sind, setzen sich dem dalli-dalli-Format namens Einzelgespräch mit Sandra Maischberger aus. Sie vermögen es, innerlich unbeteiligt zu bleiben, wie oft auch immer ihnen über den Mund gefahren wird. Die anderen sagen: Das muss ich mir nicht geben.
Wagenknechts neue Rolle: Grundwertekommission
Mit Sahra Wagenknecht kam der Vollprofi des Tages vorbei (nach Sigmar Gabriel in derselben Sendung, welcher wie gewohnt lässig und eloquent im Sessel hing zum mühsam unterdrückten Ärger der Moderatorin). Wagenknecht machte gerade sitzend performativ bei Maischberger klar, was sie Tags zuvor schon verlautbaren gelassen hatte: dass sie zwar von der Parteiführung des BSW zurücktritt, aber weiterhin eine führende Rolle in dem Bündnis ihres Namens spielen möchte. Eine inhaltliche Rolle. Eine Rolle über den Tag hinaus. Als Konkretion steht der Begriff einer Grundwertekommission im Raum, eine solche aufzubauen und zu leiten. Grund. Werte. Kommission. Das alles ist irgendwie selbsterklärend, steht für Längerfristiges, Übergreifendes. Mit anderen Worten, mit Worten, die Sahra Wagenknecht bei Maischberger fand: ihr auf den Leib geschnitten.
Eingespielt in die Sendung wurde Wagenknechts Statement, in dem sie mit entwaffnender Offenheit darlegt, warum sie den „Full-Time-Job“ der Parteiführung nicht mehr will: Frei nach Herbert Marcuse hatte sich das Reich der Notwendigkeit bei ihr vor das Reich der Freiheit geschoben. Sie möchte jetzt ja nicht vom Alltag einer Parteiführerin handeln, sagte sie. Und tat es dann doch: „Man hat im Grunde fast tagesfüllend Videokonferenzen und Telefonate, die allein mit dem Parteivorsitz zu tun haben, nämlich mit innerparteilichem Management.“
Man verstehe die Zumutung: Videokonferenzen und Telefonate statt Grund und Werte und deren öffentliche Ausformulierung in – den Talkshows. Die Frage, um die es bei Wagenknechts Zukunft geht, lässt sich darum auch so formulieren: Wann soll man diese Talkshows vorbereiten, so dass sich bei den Maischbergers der Zwang zum Unterbrechen einstellt, ja wann – solange man den ganzen Tag in der Schalte oder am Telefon sitzt, rumorganisiert und tut und macht, statt zum Denken zu kommen?
Wagenknecht: „Ich ziehe mich nicht zurück, ich schmeiße nicht hin“
Natürlich hatte Maischberger da etwas zu mäkeln. Fühlte sie sich etwa persönlich ertappt? Würde auch sie lieber in den geistigen Aufsichtsrat ihrer Sendung wechseln, statt den lieben langen Tag in der Schalte und beim Telefonieren die schöne Denkzeit mit dem Erledigen von Abläufen totzuschlagen? Der Ton war im Mainstream bereits gesetzt, als Wagenknecht das Studio betrat, man brauchte ihn nur aufzunehmen und schon schien man für dieses Interview hinreichend präpariert zu sein.
Wenn die Noch-Vorsitzende ihr Konzept künftiger Aufgabenteilung mit den Worten erläuterte: „Ich ziehe mich nicht zurück, ich schmeiße nicht hin“, so drang sie damit nicht durch. Sandra Maischberger gab zu verstehen: Erstens passt ihr die ganze Richtung nicht. Und zweitens möchte sie sich auf die dahinter stehende Argumentation nicht länger als unbedingt nötig einlassen. Na toll, wie kurz angebunden bei Maischberger der Wille zur Aufklärung, wie ausgeprägt der Wille zur Abkanzlung!
Aber da ist Wagenknecht in ihrem Element. Es gebe ja Journalisten, denen man es einfach nicht recht machen könne, sagte sie, höhnte sie mit köstlich gespielter Unschuld. Und fährt dem Sinne nach fort: Nimmt man alle Fäden in die Hand, ist es ihnen nicht recht. Gibt man die Fäden ein Stück weit aus der Hand, ist es ihnen auch nicht recht.
Natürlich denkt Wagenknecht zuletzt daran, es Journalisten inhaltlich recht machen zu wollen. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, nicht ausreden zu dürfen, vorgeführt zu werden, in einen Grundton der Ablehnung hinein sprechen zu sollen. Dafür, dass dieses Spiel aufgeht, braucht es nicht das formelle Amt der Parteivorsitzenden. Wagenknecht sitzt dieser Partei ohnehin weiter vor, wie immer sich das Kürzel BSW demnächst auflösen wird und wer unter ihr die Chefs sein werden.
Die biografisch einmal mehr Zurücktretende, sich aber nicht Zurückziehende weiß, dass ihre Planstelle in Talkshows die der unmöglichen Figur ist. Indem sie sie bereitwillig besetzt, zuverlässig für Einschaltquote sorgt, macht sie es den Journalisten natürlich doch recht, spannt sie vor ihren Karren, ohne dass die Dialektik dieses Vorgehens von den Betroffenen immer begriffen würde. Wagenknecht lässt noch jede Dümmlichkeit an sich abtropfen, sachlich und ruhig und zumeist überlegen aufs Gegenüber eingehend, wie sehr dieses auch meint, auf seinen Ohren sitzenbleiben zu sollen, den selbstverständlichen Besserwisser gebend.
Wagenknecht? Ach, mit der sind wir schnell fertig, mag man in der Redaktion der Talkshow gedacht haben. Von wegen, Frau Maischberger, Sie hören von mir! So lautet ihre politische Rückzugsmoral: Ich bin da, als sei nichts gewesen.
Source: faz.net