Treibhausgasemissionen der Industrie: Das sind Deutschlands schmutzigste Fabriken

Das Stahlwerk von Thyssenkrupp in Duisburg gehört weltweit zu den größten seiner Art. Das Werksgelände ist größer als der Staat Monaco, 13.000 Mitarbeitende arbeiten dort. Doch mit diesen Dimensionen geht auch ein anderer Superlativ einher: Im vergangenen Jahr stieß das Werk 7,9 Millionen Tonnen CO₂, mehr als jede andere Industrieanlage in Deutschland. Zusammen mit den dazugehörigen Heizkraftwerken und Kokereien ist der Duisburger Standort von Thyssenkrupp sogar für 16 Millionen Tonnen jährlicher CO₂-Emissionen verantwortlich – mehr als etwa Litauen.

Thyssenkrupp steht damit an der Spitze einer Liste der klimaschädlichsten Fabriken in Deutschland, die das Öko-Institut im Auftrag der Umweltschutzorganisation WWF erstellt hat und die ZEIT ONLINE exklusiv vorliegt. Eine Thyssenkrupp-Sprecherin bestätigte die Daten auf Anfrage. Die 30 CO₂-intensivsten Industrieanlagen sind alleine für acht Prozent aller CO₂-Emissionen in Deutschland verantwortlich, zeigt die WWF-Studie. Sie gehören allesamt zu den Branchen Stahl, Zement und Chemie. Während etwa im Stromsektor die Energiewende in vollem Gange ist, gehen die Emissionen der Industrie seit 15 Jahren kaum zurück. „Den Unternehmen ist es gelungen, notwendige Veränderungen immer wieder zu verschieben“, sagt Viviane Raddatz vom WWF. Und was sich durch mehr Effizienz mitunter einsparen ließ, haben die Unternehmen durch eine höhere Produktion direkt wieder zunichtegemacht.

Dabei drängt die Zeit: Bis spätestens 2045 muss Deutschland klimaneutral sein, nennenswerte CO₂-Emissionen sind dann nicht mehr möglich. Die Zukunft des Industriestandorts Deutschland hängt also davon ab, ob den Konzernen die Transformation gelingt.

Der Industriesektor ist Teil des europäischen Emissionshandels. In der Theorie bedeutet das: Die Unternehmen müssen für jede verursachte Tonne CO₂-Zertifikate kaufen. So entsteht ein Anreiz, möglichst emissionsarm zu produzieren. Doch die Industrie bekommt einen großen Teil der Zertifikate kostenlos zugeteilt. So sollen Wettbewerbsnachteile gegenüber außereuropäischen Konkurrenten vermieden werden. Im Jahr 2034 endet die kostenlose Zuteilung allerdings, darauf haben sich das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten Ende vergangenen Jahres geeinigt. Der WWF und andere Umweltverbände hätten sich ein früheres Ende gewünscht.

Nach den Maßstäben der Großindustrie ist 2034 aber quasi schon übermorgen. Sie müssen jetzt handeln, wollen sie künftig noch wettbewerbsfähig sein – doch wie kann das gehen? In vielen Bereichen lassen sich fossile Brennstoffe am einfachsten durch Strom ersetzen: Elektroauto statt Benziner, Wärmepumpe statt Gasheizung. Denn der Strom entsteht zu einem wachsenden Teil aus Sonnen- und Windenergie, im Mai machten die Erneuerbaren erstmals zwei Drittel der Erzeugung aus. „Auch in der Industrie ist die Elektrifizierung häufig die günstigste Option“, sagt Paul Münnich von der Denkfabrik Agora Industrie.

Doch etwa die Hälfte des Energieverbrauchs in der Industrie entfällt auf Prozesse, die bei mehr als 500 Grad ablaufen, zeigt eine Agora-Studie aus dem vergangenen Jahr. Stahl entsteht beispielsweise in gigantischen Hochöfen, in denen Eisenerz und Koks bei mehr als 1.500 Grad eingeschmolzen werden – ein ungeheuer energieintensiver Vorgang. Strombasierte Lösungen wie Wärmepumpen oder Elektrodenkessel schaffen solche Temperaturen nicht.

Die Stahlherstellung und ein Großteil der Chemieindustrie sollen daher künftig vor allem mit Wasserstoff betrieben werden, der mittels Ökostrom gewonnen wird. In diese Richtung gehen auch die Planungen bei Thyssenkrupp, Ende 2026 soll eine erste wasserstoffbetriebene Anlage in Betrieb gehen. Doch solchen grünen Wasserstoff gibt es auf bislang kaum – weder aus deutscher Herstellung noch auf dem Weltmarkt. „Für die Stahlindustrie sind ein massiver Ausbau von erneuerbaren Energien und der rasche Hochlauf eines funktionierenden H2-Marktes wichtige Voraussetzungen“, sagt eine Thyssenkrupp-Sprecherin. Für die Übergangszeit fordere der Konzern einen subventionierten Industriestrompreis.

Noch schwieriger ist der CO₂-Verzicht für die Zementbranche. Denn beim Herauslösen des Zements aus Kalkstein wird das darin gebundene Kohlendioxid zwangsläufig freigesetzt. „Das ist ein klassischer Anwendungsfall für CCS“, sagt Viviane Raddatz vom WWF. Das Kürzel steht für Carbon Capture and Storage, also das Abfangen und Speichern von Kohlendioxid, bevor jenes in die Atmosphäre gelangt. Aus Sicht des WWF sollte der Einsatz von CCS-Technologien auf solche Fälle von unvermeidlichen Emissionen beschränkt werden: „Die Kapazitäten dafür sind begrenzt und müssen gezielt eingesetzt werden“, sagt Raddatz.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kündigte am Montag ein Subventionsprogramm an, das der Industrie den Wechsel auf klimaneutrale Technologien erleichtern soll. Die sogenannten Klimaschutzverträge sehen vor, dass Firmen die Mehrkosten durch CO₂-Vermeidung vom Bund ersetzt bekommen. Dabei setzt Habeck auf Versteigerungen: Das Geld erhalten also jene Firmen, die je Tonne vermiedener Emissionen die geringste Förderung benötigen. Für das Programm sei ein mittlerer zweistelliger Milliardenbetrag eingeplant, teilte das Ministerium mit. Sollten die grünen Technologien in Zukunft günstiger sein als der Einsatz fossiler Brennstoffe, müssten die Unternehmen laut Ministerium Geld an den Staat zurücküberweisen.