Tourismus: Wir zerstören immer weiter, welches wir suchen

Es gibt Nachrichten, die lesen sich wie Memes, also zugespitzt verfremdete Medieninhalte, die in einzelnen Bildern oder kurzen Sequenzen der Realität eine bizarre Komik hinzufügen und sie damit – manchmal – umso besser auf den Punkt bringen. Auf der griechischen Insel Hydra haben in der Nacht zu Samstag die Passagiere einer Jacht mit einem Feuerwerk einen Pinienwald in Brand gesetzt, leichtsinnig und rücksichtslos inmitten großer Hitze und Dürre. Ein besseres Bild für die momentane Gemengelage aus Massenprotesten gegen Massen- und Luxustourismus in Südeuropa und die zunehmend lebensfeindlichen Bedingungen ebenda lässt sich kaum finden. 

Nun muss man natürlich differenzieren: Ein Gutteil der Wut, die zuletzt von den Kanarischen Inseln und Mallorca auch nach Deutschland herüberschwappte, hat zunächst keine ökologischen, sondern soziale Ursachen. Einheimische können sich keine Wohnung mehr leisten, weil besser betuchte Menschen aus der ganzen Welt alles aufkaufen und wegmieten, im Zweifel – dieses Problem kennt man in Deutschland auch in Berlin oder europaweit in attraktiven Lagen am Wasser – um dort im Jahr maximal ein paar Wochen zuzubringen. Wo die einen ihr Spielbein auf beschaulichen Grund setzen, tut sich unter dem Standbein der anderen die Erde auf. Deshalb will Barcelona temporär Ferienwohnungen ganz verbieten, deshalb kämpft auch Venedig seit Jahren mit allen möglichen Maßnahmen dagegen, ein heillos überlaufener Freilichtzoo zu werden.  

Zugleich sieht man derzeit am Tourismus, was Klimasensible seit Jahren predigen, nämlich dass ökologische Probleme langfristig auch soziale werden. Auf Mallorca etwa richteten sich die Proteste zuletzt ebenso gegen den immensen Ressourcenverbrauch durch den globalen Jetset (und damit eben nicht nur gegen feierfreudige deutsche und britische Normalverdiener). Wasserknappheit hier, grüner Rasen und volle Pools da, so ließe sich dieses Bild der Extreme wohl zusammenfassen. Und während die in dieser Hinsicht genügsamen Partytouristen zwischen Bettenburgen und Kübelpalmen im Zweifel gar nicht mitbekommen, dass sich Sehnsuchtsorte längst zu ihrem Nachteil transformieren (es sei denn, es hat mal unerträgliche 40 Grad Plus), suchen die Freundinnen schöner Landschaften zunehmend zynisch nach den verbleibenden grünen Flecken auf der Karte. Wo an Portugals Küste haben die großen Waldbrände der letzten Jahre noch einen Rest Idylle gelassen? Wo im Süden Italiens sind die dauerdürregeschwächten Olivenhaine noch keinen Schädlingen zum Opfer gefallen? Wo ist in Österreichs Alpen keine Schlammlawine vom Berg gekommen und wo im Périgord haben keine jährlichen Jahrhundertstürme die alten Eichen zerfetzt?  

Im Verbund mit der Klimakatastrophe tut der Tourismus in immer schnellerer Form, was er schon seit jeher tat: Er nimmt sich eine Landschaft, richtet sie zu für diejenigen, die sie nur kurz besuchen und begaffen wollen, und speit sie aus, wenn sich mit dieser Zurichtung auch die ursprüngliche Attraktivität erledigt hat. Insofern besteht, zynisch gesprochen, auch für die Mallorquiner und Barceloner durchaus Hoffnung: Wenn die Bedingungen dort bald zu lebensfeindlich sind, kriegen sie ihre Orte zurück wie einen abgekauten Knochen. 

Nun ist es, zumal in Deutschland, immer schwer, gegen das unmäßige Reisen anzuschreiben, nicht zuletzt, weil die Maßstäbe dessen, was „unmäßig“ ist, hier immer weiter verrutschen. Die eskalierenden Zahlen im Tourismussektor, speziell bei Fern- und Flugreisen, lassen sich ja mit allerlei biografischer Evidenz unterfüttern, und damit wächst die Ahnung, was die Leute umtreibt, wenn sie heute auch über Pfingsten Ibiza statt Usedom brauchen. Junggesellenabschiede in Dublin, „mal richtig rauskommen“ in Vietnam oder an sterbenden Korallenriffen rumschnorcheln, all das fühlt sich angesichts der allseits schweren Arbeit und belastenden Weltlage besonders wohlverdient an. Und auch wo Malle heutzutage zwei-, drei-, viermal im Jahr ist, erscheint das besonders unvermeidlich angesichts von Polykrisen und Abstiegsängsten.