#TexasText/Jamal Tuschick | Bertolt Brecht – Ekstatischer Hymnenstil

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„Es bedarf einer besonderen Art Feingefühl, die Zugänge einer Stadt zu verstehen.“ Akinbode Akinbiyi

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„Die Schönheit der Formulierung eines barbarischen Tatbestands enthält Hoffnung auf die Utopie.“ Bertolt Brecht

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„Der Zweck macht den Stil.“ BB

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„Der vom Staat monopolisierte Rundfunk ist von Kopf bis Fuß auf die Liebe zur herrschenden Klasse eingestellt.“ Paul Friedländer als Befragter bei einer Umfrage zur Berichterstattung der im August 1924 von Ernst Ludwig Voss gegründeten „Deutschen Welle“ über die Sowjetunion in den 1920er Jahren

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„In einer Zeit, in der die Größe des Individuums selbst fraglich geworden war, konnten Postamente nichts helfen.“ Herbert Ihering über Klassikeraufführungen, die mit „pathetischen Darstellungen (deren Bedeutung) unterminiert(en), weil sie den menschlichen Inhalt durch eine kolossalische Form diskreditierten. Aus diesem Zweispalt führte weder ein nuancierender Realismus, der alles detaillierte, noch ein ekstatischer Hymnenstil heraus, der alles aufsteifte“.

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„Juan Gris is the one who combine perfection with transsubstantiation.” Gertrude Stein

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„Die Menschen scheinen weder ihre Mittel noch ihre Kräfte richtig zu kennen; von jenen halten sie mehr, von diesen weniger, als recht ist. So kommt es, dass sie entweder die vorhandenen Künste sinnlos überschätzen und nichts über sie hinaus verlangen oder dass sie sich selbst mehr als billig verachten, ihre Kräfte auf unbedeutende Dinge verwenden und in den wichtigsten nicht versuchen.“ Francis Bacon

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„Weil er nun weder eigensinnig noch eitel genug ist, um nur alles – oder nichts zu wollen, so gab er, da der Tag einmal unglücklich und dies nicht zu ändern stand, statt alles auf eine Karte zu setzen, lieber das ganze Spiel auf. Die Möglichkeit, es bei einer besseren Chance wieder anzuknüpfen, blieb ihm ohnedies.“ Hermann Fürst von Pückler-Muskau, „Aus Mehemed Alis Reich“

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Im Theater ist es unmöglich, „epochemachende und umwälzende Experimente ohne staatliche Zuschüsse zu verwirklichen“. BB

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„(Hitler) ist, in weit höherem Maße, als er selbst glaubt, das Werkzeug und nicht die Hand.“ BB

Volkstümliches Aufbegehren

Brecht begriff die Bauernkriege als das größte deutsche Unglück. Sie kamen zu früh und forderten einen den nachkommenden Widerstand ermahnenden Blutzoll. Das volkstümliche Aufbegehren als historische Konstante erholte sich in Jahrhunderten nicht von dem apokalyptischen Sensenwerk der gepanzerten Reiter, die zu keinem anderen Behuf geformt worden waren, als einem Fürstenwillen Geltung zu verschaffen. Auf der einen Seite hatte man die Jahrhunderte in Unfreiheitsübungen tradierte Angst und auf der anderen Seite den trainierten Mutwillen von Leuten, die zum Krieg erzogen wurden. Die Praxis überstand das Scheitern der Bauern unbeschadet.

Als es 1848 wieder einmal so weit zu sein schien, war die Revolution keine bäurische, sondern eine bürgerliche Angelegenheit. Es ging um eine standesbewusste Emanzipation.

Radikal modern irrte Carl Schurz, als er glaubte, die Revolution folge seiner Leidenschaft auf dem Fuß. Das republikanische Desaster von 1848 trägt auch die Unterschrift eines Mannes, dessen Unternehmungsgeist die Trägheit des Volkes monumental kontrastierte. Der jugendliche Heißsporn Schurz unterschätzte die Macht der Fürsten, die aus einer tradierten Gewaltausübungsbereitschaft nicht zuletzt kam.

1852 wanderte Schurz als in Preußen steckbrieflich gesuchter Revolutionär ein ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Bertolt Brecht, „Unsere Hoffnung heute ist die Krise“, Interviews, herausgegeben von Noah Willumsen, Suhrkamp, 35,-

Der kernige Forty-Eighter ist Brecht vermutlich nur mit Abstrichen nach Mütze. Als Exilant macht Brecht seine eigenen Amerikaerfahrungen. Dazu später mehr. Regelrecht vorbildlich erscheint ihm der Futurist Sergei Michailowitsch Tretjakow, nach Walter Benjamin der Prototyp „des operierenden Schriftstellers“.

„(Tretjakows) Mission (ist) nicht zu berichten, sondern zu kämpfen; nicht den Zuschauer zu spielen, sondern aktiv einzugreifen.“

Ihn bezeichnet Brecht als seinen Lehrer. Beide Kunstschaffenden verbindet ein „zärtliches“ Arbeitsverhältnis.

Vorbildliche Spielweise/Keine Gefühlsmogelei

Für Brechts Spielweise der Klassiker findet Herbert Ihering den Schlüsselbegriff Distanz. „Keine Verkleinerung. Keine Atomisierung der Figuren, sondern deren Auskältung.

„Sie (nehmen) dem Schauspieler die Gemütlichkeit, die sich temperamentvoll anbiedert. Sie (fordern) Rechenschaft über die Vorgänge. Sie (verlangen) einfache Gesten. Sie (zwingen) zu klarem, kühlem Sprechen. Keine Gefühlsmogelei (wird) geduldet. Das (ergibt) den objektiven, den epischen Stil.“

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„Der Zweck macht den Stil … und das Schlimmste, das man machen kann ist, etwas das keinen Zweck mehr hat, noch zu halten, weil es einmal schön war.“ BB

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Tretjakow charakterisiert Brecht so: „Er ist ein Gegner des Affekts, ein Feind der Metapher. Er plädiert für eine Algebra der Logik … (Seine) Reime lassen die Lehrmeister der schönen Rede und die Anhänger des lexikalischen Ornaments Gift und Galle spucken“.

In den späten 1930er Jahren geriet der 1892 geborene Tretjakow in das Mahlwerk der stalinistischen Säuberungen und wurde 1937 als angeblicher Spion hingerichtet.

Brecht erlebt die Sowjetunion als Offenbarung. Im Mai 1931 reist er zum ersten Mal ins „Vaterland der Vernunft und der Arbeiter“. Er trifft Tretjakow, Asja Lācis, Erwin Piscator und Sergej Eisenstein. Die Avantgarde des sozialistischen Realismus besichtigt Moskau unter besonderer Beachtung der Theater.

1935 besucht Brecht gemeinsam mit Margarete Steffin wieder die Sowjetunion. Der aus Magdeburg gebürtige, in die UdSSR migrierte, kurz vor seiner Verhaftung stehende, schließlich in den Gulag-Labyrinthen verschollene, 1989 rehabilitierte Schriftsteller und Funktionär Abraham Brustawitzki charakterisiert Brecht: „Ein ‚Literat bis in die Knochen, ein Intellektueller par excellence‘. (Er) sucht wie Stendhal ‚immer le mot juste‘ und ‚berechnet jede Phrase‘ … Nur ‚seine Halsstarrigkeit macht ihn manchmal einseitig‘.“

Brustawitzkis scharfkantiges, am 20. März 1935 in dem KP-Organ Rote Zeitung publiziertes Porträt eines privilegierten „kleinbürgerliche(n) Intellektuelle(n)“, (der sich) … nur allmählich der revolutionären Arbeiterbewegung (näherte)“, verdient zugespitzte Aufmerksamkeit. Von hinten durch die Faust ins Auge unterstellt der begnadete Beobachter dem gründlich Beobachteten eine politische Unzuverlässigkeit, die Brecht leicht zum Verhängnis werden könnte, wäre er nicht bloß zu Besuch im stalinistischen Arbeiter- und Bauernparadies.

„Brecht spricht mit der gleichen akzentuierten Schärfe und Ironie, mit dem gleichen Sarkasmus, die sein literarisches Schaffen auszeichnen. Sein scharfes, hakennasiges Gesicht mit den schwarzen Augen, das mit dem Voltaires und Ramses verglichen wurde, ist geprägt von … Aggressivität und Zähigkeit.“

In der dänischen Südsee

Kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ergibt sich in einer egozentrisch-burlesk geschilderten Szene eine verblüffende Abweichung von der Standarddarstellung des Dramatiker-Leuchtturms Brecht.

„Auf der lächelnden und üppig bewachsenen Insel Thurø, der Sonnenscheininsel in der dänischen Südsee“, begegnet der dänische Komponist Helge Bonnén dem „Verbannten“ BB als (Kurt) Weills „Mitarbeiter“. Bonnén erzählt von dem Treffen in der ersten Person. Sein räsonierendes Ich sieht „einen Puritaner aus der Zeit Cromwells. Mit Augen, die vor Intelligenz und einem fanatischen Glauben an das Altruistische* leuchten“.

*Das Wort altruistisch dient zur Abdeckung einer politischen Standortbestimmung, die Brecht in seinem ersten Interview im Exil nicht vornehmen will.

Bonnén deutet Brechts Position im Verhältnis zu Weill, den er offenbar interessanter findet als den frischgebackenen Exilanten, inferior. In dieser Auffassung dient der Dichter dem genialen Komponisten als Textlieferant.

Da das Radio „die größte Reichweite hat, hat es die größte Berechtigung.“ Der Patethiker des Fortschritts BB

Der Generalstreit zwischen Weill und Brecht steht noch aus. Der eine kämpft „für die Priorität des Wortes, (der andere) … für die der Musik“.