Social-Media-Verbot: Australiens Sicherheitsgurt pro dasjenige Internet

Im Alter von 14 Jahren hatte die australische Skateboarderin Chloe Covell im vergangenen Jahr an den Olympischen Spielen in Paris teilgenommen – doch für die Nutzung sozialer Medien ist sie nun zu jung. Am Mittwoch tritt in ihrer Heimat ein weltweit bisher einzigartiges Gesetz in Kraft, das Kindern bis 16 Jahren verbietet, auf fast einem Dutzend der größten sozialen Netzwerke eigene Konten betreiben und erstellen zu dürfen. Anfang Dezember erklärte Covell, dass sie ihren Account auf Instagram deak­tiviere. Ihre mehr als 322.000 Follower tröstete sie damit, dass der Abschied vorübergehend sei – bis zu ihrem 16. Geburtstag im Februar. „Bis bald!“, teilte die Sportlerin mit.

Bisher erlaubten es die meisten sozialen Netzwerke in Australien und anderswo, dass sich Kinder ab 13 Jahren auf ihren Plattformen registrieren. In der Realität werden die Regeln aber nicht lückenlos durchgesetzt und lassen sich leicht umgehen. Australien möchte strenger vorgehen. „Es geht darum, Kinder Kinder sein zu lassen“, sagte Australiens Ministerpräsident Anthony Albanese bei einer Pressekonferenz vor einigen Wochen. Sie sollten aus dem Haus gehen, Sport machen, ein Instrument lernen und Freunde treffen. Dabei räumte er ein, dass das Verbot nicht von Beginn an perfekt funktionieren werde. „Aber es ist zu wichtig, um es nicht zu probieren“, äußerte der Regierungschef.

Bestraft werden die Plattform-Anbieter

Ein wichtiger Punkt des neuen Gesetzes ist, dass es keine Sanktionen für die jungen Internetnutzer selbst und ihre Eltern vorsieht. Stattdessen stehen die Social-Media-Unternehmen in der Pflicht. Sie müssen sicherstellen, dass Minderjährige unter 16 Jahren keine Konten mehr auf ihren Plattformen haben; sonst drohen Strafen von umgerechnet etwa 28 Millionen Euro. Das Verbot soll auch gelten, wenn die Kinder mit Erlaubnis ihrer Eltern soziale Medien nutzen. Betroffen sind derzeit die Angebote von Facebook, Instagram, Threads, Youtube, X, Snapchat, Tiktok, Twitch, X, Reddit sowie das australische Videoportal Kick. Ausgenommen sind bisher etwa Bildungsplattformen wie Youtube Kids und Google Classroom, Messaging-Apps wie Whatsapp, das bei Gamern beliebte Chatforum Discord und die Spiele-Plattform Roblox.

Sollen zu mehr Bewegung animiert werden: Jugendliche im November in Sydney
Sollen zu mehr Bewegung animiert werden: Jugendliche im November in SydneyReuters

Der Internetkonzern Meta, dem Facebook, Instagram und Threads gehören, hatte schon am 4. Dezember begonnen, Konten von Teenagern zu schließen. Die Jugendlichen hatten zuvor zwei Wochen Zeit, ihre Daten herunterzuladen. Von den Konzernen hagelte es Kritik. Der Milliardär und X-Besitzer Elon Musk bezeichnete das neue Gesetz als „Zensur“. Australiens Beauftragte für Onlinesicherheit, Julie Inman Grant, wurde von einem Komitee des US-Kongresses zu einer Anhörung geladen, weil sie angeblich die „Meinungsfreiheit“ in den USA bedrohe. Die Plattform Reddit will rechtliche Schritte ergreifen. Aber die Regierung in Canberra lässt sich nicht beirren. „Wir lassen uns nicht von Big Tech einschüchtern“, sagte Australiens Kommunikationsministerin Anika Wells im Parlament, „im Namen der australischen Eltern bleiben wir standhaft“.

Canberra zufolge verleiten die sozialen Netzwerke Kinder dazu, mehr Zeit am Bildschirm zu verbringen, und prä­sentieren Inhalte, „die ihrer Gesund­­heit und ihrem Wohlbefinden schaden können“. Studien hätten ergeben, dass 96 Prozent der Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren in Australien soziale Medien nutzten. Sieben von zehn seien schädlichen In­halten ausgesetzt, darunter Gewalt und Frauenhass, sowie Inhalten, die Ess­störungen fördern und zu Suizidgedanken führen könnten. Jedes siebte Kind gab den Studien zufolge an, online sexuellen Annäherungsversuchen ausgesetzt gewesen zu sein. Mehr als die Hälfte war demnach mindestens einmal zum Opfer von Cybermobbing geworden.

Die Gesetzgebung maßgeblich vorangetrieben hatten Albanese zufolge Eltern, „die ihre jungen Söhne und Töchter verloren haben“. Einer von ihnen ist Robb Evans, dessen Tochter Olivia im Alter von 15 Jahren infolge einer Essstörung vor rund zweieinhalb Jahren Suizid begangen hatte. Evans berichtet der F.A.Z. aus seiner Heimatstadt Melbourne, wie seine Tochter mit 13 Jahren Opfer von Mobbing wurde und eine Essstörung entwickelte. Dem Vater zufolge schaute sie im Netz Clips an, in denen Mädchen und junge Frauen ein extremes Schlankheitsideal propagierten. „Wir alle wissen, wie der Algorithmus funktioniert: Sobald man anfängt, sich solche Dinge anzuschauen, wird einem plötzlich der gesamte Feed damit präsentiert“, sagt Evans.

Australien hofft auf Länder, die folgen

Ministerpräsident Albanese habe geweint, als er Olivias Geschichte hörte, erzählt der Vater. Es habe ihn dennoch erstaunt, wie schnell die Regierung mit dem Verbot vorangeschritten sei. Australien sieht sich in der Tat als Vorreiter. Sollte der Versuch erfolgreich sein, würden vielleicht auch andere sagen, „das sollten wir auch tun“, hofft Evans. Schon jetzt arbeiten Länder wie Neuseeland, Dänemark und Malaysia an ähnlichen Re­gelungen. Evans erinnert daran, dass Australien in den frühen Siebzigern als erstes Land das Fahren mit Gurt zur Pflicht gemacht habe. Manche nennen das Gesetz nun einen „Anschnallgurt für die sozialen Medien“.

Die Skateboarderin Covell ist also nicht die Einzige, die nun erst einmal von ihren Social-Media-Accounts Ab­schied nehmen muss. Der australischen Regierung zufolge sind Hunderttausende Nutzer zwischen 13 und 15 Jahren betroffen. Wie das Alter festgestellt wird, bleibt den Plattformen überlassen. Die einfachste Option wäre die Vorlage eines Ausweises – was von der Regierung aus Datenschutzgründen allerdings nicht gutgeheißen wird.

Stattdessen sollen andere Methoden wie Gesichts- und Stimmprüfung oder eine „Altersschätzung“ zum Einsatz kommen, bei der das Onlineverhalten und andere verfügbare Informationen ana­lysiert werden, um Aussagen über das ungefähre Alter einer Person zu treffen. Unternehmen wie Meta fordern, dass die Prüfung des Alters bereits auf der Ebene des Betriebssystems oder des App-Stores durchgeführt wird. Die Konzerne haben schon angekündigt, sich trotz der Vorgabe im Zweifelsfall die Ausweise vorlegen lassen zu wollen.

Von Schicksalen aufgewühlt: Australiens Ministerpräsident Anthony Albanese und Kommunikationsministerin Anika Wells am 10. November in Sydney
Von Schicksalen aufgewühlt: Australiens Ministerpräsident Anthony Albanese und Kommunikationsministerin Anika Wells am 10. November in SydneyEPA

Auch viele Australier sehen das Vor­haben kritisch. Einige der betroffenen Jugendlichen klagen, dass in der öffent­lichen Diskussion zu sehr die Risiken der sozialen Medien in den Vordergrund gestellt würden. Ein Argument lautet, dass gerade für diejenigen, die unter gesellschaftlichem Druck und Isolation litten, mit dem Verbot wichtige Kommunikationskanäle verloren gingen. In einem riesigen Flächenland wie Australien seien die sozialen Medien für Jugendliche in extrem abgelegenen Gebieten häufig der einzige Weg für soziale Kontakte. Minderjährige aus der LGBTQ-Szene fänden über die sozialen Netzwerke Anschluss, Migranten blieben auf diese Weise mit ihren Heimatländern in Kontakt.

Wird die Altersprüfung umgangen werden?

Die Kritiker sehen das Verbot als Versuch, eine übermäßig einfache Lösung für ein komplexes Problem zu finden. Selbst die Social-Media-Beauftragte der Regierung, Inman Grant, räumt ein, dass sie ein Verbot anfänglich als „plump“ empfunden, ihre Meinung aber später revidiert habe. Unter den Kritikern sind auch die beiden Fünfzehnjährigen Noah Jones und Macy Neyland, in deren Namen eine Organisation für Internetfreiheit eine Klage vor dem höchsten Gericht gegen das Gesetz eingereicht hat.

Da­rüber soll im kommenden Jahr verhandelt werden. Jones kritisiert dem austra­lischen Sender ABC zufolge eine „faule“ Regierung, die pauschale Verbote für Teenager verhänge, anstatt Kindern zu helfen, sich in sozialen Medien sicher zu bewegen. Der australischen Ausgabe des „Guardian“ sagte die 15 Jahre alte Emma Williams aber auch, es sei „erleichternd“, in Zukunft nicht mehr die Option zu haben, endlos durch Videos zu scrollen.

Australiens Regierung selbst geht davon aus, dass viele Betroffene versuchen werden, die Altersüberprüfung zu um­gehen. So können sie mithilfe eines so­genannten VPN vorgeben, von einem anderen Ort als Australien, wo es keine Altersgrenze gibt, auf die sozialen Medien zuzugreifen. Vor Inkrafttreten des Verbots sind auch die Downloadzahlen für weniger bekannte Alternativplattformen in die Höhe geschnellt, die ähnliche Dienste anbieten wie die großen Platt­formen. Viele kritisieren auch, dass etwa Dating-Websites, Gaming-Plattformen und KI-Chatbots weiter für Kinder unter 16 Jahren offen bleiben. Manche befürchten ökonomische Folgen, darunter Influencer, die selbst unter 16 Jahre alt sind, oder die nun einen Großteil ihrer jüngeren Follower verlieren.

Die Influencerin Courtney Babic berichtet der F.A.Z. aus dem australischen Newcastle, dass drei ihrer vier Kinder ei­gene Social-Media-Accounts hätten, über die die Familie am Tag in Einzelfällen bis zu vierstellige Beträge verdienen könne. Für die 36 Jahre alte frühere Lehrerin wird Australien nun aber immer mehr zu einem „Nanny-State“, der seinen Bürgern vorschreibe, was sie zu tun hätten. Dabei habe sie mit ihrem Mann viel Zeit darin investiert, ihre Kinder über die Gefahren der sozialen Medien aufzuklären. „Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Kinder online sicher sind. Das war nicht immer so, aber das ist das Ergebnis jahrelanger Gespräche“, sagt sie. Das Gesetz nehme den Kindern die Möglichkeit, den Umgang mit den sozialen Medien zu lernen. Stattdessen würde man sie im Alter von 16 Jahren „in einen Pool stoßen, ohne schwimmen zu können“.

Source: faz.net