René Aguigah porträtiert James Baldwin: „Er dachte, dies ist dieser Jackpot!“

Wer weder seine Romane noch Essays gelesen hat, wird James Baldwin (1924–1987) vielleicht doch kennen. Denn der US-Schriftsteller und Bürgerrechtler ist posthum zum Influencer geworden. Sein intellektueller Einfluss ist, wie die vielen geposteten Zitate aus seinem Werk belegen, ungebrochen. In Deutschland liegen bei dtv seine Hauptwerke in Neuübersetzungen vor. Der Kulturjournalist René Aguigah hat ihm nun ein Porträt gewidmet. Draußen vor dem Café ist es frisch, aber warm genug, um mir am Tisch eine anzustecken und mit Aguigah über den Kettenraucher zu sprechen.

der Freitag: Herr Aguigah, Sie befassen sich in Ihrem Buch vor allem mit Baldwins Werk und ziehen daraus Rückschlüsse auf seine innere und äußere Welt. Warum nicht eine Biografie über ein anekdotengesättigtes Leben voller Sex, Zigaretten und Drinks?

René Aguigah: Weil mein Buch keine Biografie in diesem Sinn ist. Es ist ein Essay: der Versuch, Baldwin zu porträtieren, indem ich ihn lese. Und zwar unter bestimmten Gesichtspunkten, vor allem: Wie verhält sich der literarische Autor Baldwin zum politischen Aktivisten Baldwin? Wie verhalten sich seine Essays zu seinen Romanen? Ist sein Denken eher an einzelnen Gruppen orientiert – den Schwarzen oder den Homosexuellen – oder an der Universalität aller Menschen? Was kann man von Baldwin über die Funktionsweise von Erinnerung erfahren? Diese Fragen interessieren mich, weil ich sie für sehr gegenwärtig halte. Wenn wir heute über politisierende Kunst debattieren oder über sogenannte Identitätspolitik, dann finden wir bei Baldwin – in einer anderen Epoche, also von heute aus betrachtet, leicht verfremdet – ganz ähnliche Fragen, mit denen er auf seine eigene Art umgeht. Das finde ich inspirierender als etwa den vollständigen Nachvollzug der Reihe seiner Liebhaber. Das bedeutet nicht, dass ich das Leben über der Lektüre des Werks ganz vergessen würde. Das wäre in Baldwins Fall auch unmöglich. Denn seine Literatur, fiktional wie nichtfiktional, zehrt unentwegt vom Leben ihres Autors.

Nachdem Hannah Arendt einen Text von Baldwin im „New Yorker“ über dessen Jugend in Harlem und die Black Muslims gelesen hatte, schrieb sie ihm einen Brief: „Einige Ihrer Worte besorgen, ja ‚beängstigen‘ mich allerdings. Die Liebe ist ein Fremdkörper in der Politik, und wenn er in sie eindringt, dann wird dadurch nichts erreicht außer Heuchelei.“ Was bedeutete Liebe für Baldwin?

Ja, das ist eine große Frage … Jedenfalls ist Liebe für ihn etwas ganz anderes als für Hannah Arendt, deren Brief ja seltsamerweise zugleich hochachtungsvoll und schulmeisternd ist. Vor allem ist die Liebe für Baldwin kein scharf definierter Begriff, er ist kein Philosoph oder Theoretiker. Und er untersucht die Liebe eher in seiner Fiction als in seinen Essays. In Giovannis Zimmer beispielsweise ist die Liebe etwas, das dem Ich-Erzähler zufällt – das er aber nicht zulässt. So stürzt er seinen Geliebten, und auch sich selbst, ins Unglück. Heute ist der Roman ein Klassiker der schwulen Literatur – wobei Baldwin selbst die gesellschaftlichen Bedrohungen, denen Homosexuelle in den 1950ern ausgesetzt waren, in dem Roman für weniger zentral hielt als die allgemeinere Frage: Wie hoch ist der Preis, den es kostet, wenn wir uns die Liebe, die Nähe zwischen Menschen, versagen? Liebe bei Baldwin ist körperlich. Und all diese vermeintlich privaten Geschichten sind für Baldwin auch deshalb relevant, weil sich ein Gemeinwesen in seinen Augen nicht zuletzt aus den privaten Leben der Menschen zusammensetzt.

Auf einem Bild in Ihrem Buch ist der zum Judentum konvertierte Entertainer Sammy Davis Jr. neben Baldwin und Martin Luther King zu sehen. Einmal wurde auf dem Golfplatz nach seinem Handicap gefragt. „Handicap?“, fragte Davis zurück. „Talk about handicap — I’m a one-eyed Negro Jew.“ Ist das lustig oder eine Form der Selbsterniedrigung?

Vielleicht eine Pointe, die davon lebt, dass Sammy Davis Jr. sich Fremdbeschreibungen neu aneignet und so beginnt, sich selbst zu beschreiben. Erinnert mich ein bisschen an eine Antwort, die James Baldwin einem Interviewer gab, der fragte: „Als Sie anfingen als Schriftsteller, waren Sie schwarz, arm und homosexuell. Sie müssen sich gesagt haben: Gott, wie benachteiligt kann ich sein?“ Baldwins Antwort: „Nein, ich dachte, ich hab den Jackpot gewonnen! Das ist so ungeheuerlich, dass es nicht schlimmer geht. Ich musste einen Weg finden, das zu nutzen.“

In dem Essay „The Harlem Ghetto“ macht Baldwin die Beobachtung, dass die dort lebenden Juden von den Schwarzen nicht als Juden, aber als weiße Amerikaner gehasst würden. Dieser Befund scheint in Teilen immer noch gegenwärtig zu sein …

Baldwin analysiert die Beziehungen zwischen schwarzen und jüdischen Amerikanern an verschiedenen Stellen seines Werks. Der Essay über das Harlem Ghetto ist 1948 in der jüdischen Zeitschrift Commentary erschienen. Es ist wichtig, diese Texte genau zu lesen. Sie sagen zunächst etwas über Harlem Mitte des 20. Jahrhunderts. Grob zusammengefasst, etwa dies: Diese Beziehungen sind äußerst spannungsvoll und ambivalent. Einerseits sieht Baldwin eine Art Identifikation der schwarzen Kirchgänger mit der jüdischen Geschichte, über das Thema der Befreiung aus der Sklaverei. Wie es im Spiritual heißt: „let my people go“. Andererseits beschreibt er schonungslos den Hass auf Juden, den er in Teilen des Milieus sieht, aus dem er kommt. Die Gründe dafür erkennt er vor allem in der US-amerikanischen, christlichen Kultur der weißen Vorherrschaft.

Baldwin war zwischen den weltanschaulichen Ansichten von Martin Luther King und denen von Malcolm X hin- und hergerissen. Warum diese Ambivalenz?

Ich würde ihn weniger als hin- und hergerissen beschreiben, als vielmehr: Er teilt viel mit beiden. Er bewundert beide dafür, mit welcher Hingabe sie für ihre jeweiligen Anhänger sprechen. Wie der Baldwin-Spezialist Eddie S. Glaude mal gesagt hat: Wenn King für Liebe steht und Malcolm X für Hass, dann finden sich bei Baldwin Liebe und Hass. In Baldwins Augen verliert der Gegensatz an Bedeutung, der so oft – damals wie heute – zwischen den beiden gesehen wird: auf der einen Seite der gewaltlose christliche Universalist, auf der anderen Seite der Prediger von „by any means necessary“, der seinen Leuten empfiehlt, ihr eigenes Gemeinwesen zu gründen. Baldwin teilt die Einschätzung von Malcolm X, dass die Brutalität, mit der schwarze Menschen in den USA behandelt wurden, nicht genug angeklagt werden kann. Die Differenz zu Malcolm besteht darin, dass Baldwin kein Separatist ist. Für Baldwin bleiben die schwarzen und die weißen Amerikaner auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Sie sind verwandt. Die Differenz zu King wie zu Malcolm X ist: Baldwin ist weder Christ noch Muslim, er würde sich, zumal nach seiner Jugend in der Kirche, keiner Gemeinde, Organisation oder Partei anschließen. Er bleibt unabhängig.

Sie schreiben, Baldwin äußerte sich zu Rassismus selten, ohne Sexualität dabei mit zu bedenken. Inwieweit war seine Homosexualität dabei von Bedeutung?

Seine eigene Erfahrung, Männer zu lieben und auch damit abzuweichen von den gesellschaftlichen Normen, wirkt sicher an allem mit, was er schreibt. Wobei die gesellschaftliche Feindseligkeit gegen abweichende sexuelle Orientierungen in seinen Augen in einen größeren Kontext gehört: die Abwertung von Sexualität insgesamt, die er in der US-amerikanischen Kultur sieht. Der Zusammenhang zwischen Sexualität und Rassismus wiederum ist komplex. Am kompaktesten hat Baldwin ihn in der Kurzgeschichte Going to Meet the Man vorgeführt: Da will ein Südstaaten-Sheriff mit seiner Frau schlafen, aber er findet erst zu seiner Potenz, nachdem er durch eine Reihe von Flashbacks gegangen ist – darunter die Erinnerung an einen Lynchmord, dem er als Kind zugesehen hat.

Eine Frage, die in allen Texten über Baldwin mitschwingt, ist: „Was hätte er wohl über unsere Gegenwart gesagt?“ Ja, was hätte er über das derzeitige politische Klima in Frankreich, in dem er lange lebte, und zu dem in den USA gesagt?

Die enorme Stärke der radikalen Rechten in Frankreich und in den USA, ihre Ausstrahlung auf die gesamte Gesellschaft, nicht zuletzt die sogenannte Mitte, das ist erschreckend, bedrohlich. Das wäre auch für Baldwin so – wie für so viele. Für diese Einsicht müsste man ihn nicht fragen. Interessanter ist, dass es beim Thema Rassismus in der Polizei eine derartige Kontinuität seit Baldwins Zeiten gibt, bei allen Veränderungen an der Oberfläche. Noch immer werden proportional mehr schwarze Amerikaner Opfer von Polizeigewalt als Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen. Noch immer ist die Masseninhaftierung von Afroamerikanern ein strukturelles Problem. Und natürlich gibt es das, was heute als struktureller oder systemischer Rassismus adressiert wird, auch in Europa.

René Aguigah (50) ist Kulturjournalist. Er leitet das Ressort Literatur bei Deutschlandfunk und Dlf Kultur. Er wurde als Kind einer deutschen Mutter und eines togolesischen Vaters in Würzburg geboren. Bei C.H. Beck erscheint James Baldwin. Der Zeuge. Ein Porträt (233 S., 24 €)