Politisches Spektrum: Die große Sehnsucht nachher welcher Mitte

„Gehören Sie zur politischen Mitte?“, diese Frage hat DIE ZEIT vergangene Woche gestellt – und damit offensichtlich einen Nerv getroffen. Der Artikel gehört zu den meistgelesenen in der Geschichte der ZEIT und wurde intensiv diskutiert. 

Leserinnen und Leser können in einem interaktiven Tool ausprobieren, wo sie politisch im Vergleich zur Gesamtbevölkerung stehen. Dazu dienen 13 politische Sachfragen, für die uns die Antworten von 7.000 in einer wissenschaftlichen Studie repräsentativ Befragten vorliegen. Viele Nutzer des Tools wunderten sich über ihr Ergebnis. Die Diskussion verrät einiges über das politische und gesellschaftliche Klima in Deutschland 2025.

1. (Fast) alle halten sich für die Mitte

„Mein Gott, warum seid ihr alle so rechts?“, lautet der Kommentar, der in der Community auf zeit.de die größte Zustimmung erfahren hat. Auf der Plattform X teilte der FDP-Vorsitzende Christian Dürr sein eigenes Ergebnis: Demnach stehen (gerundet) 100 Prozent der Befragten links von ihm. Und schreibt dazu: „Ich bin überzeugt: Die Mitte unseres Landes möchte Reformen – und zwar radikale: eine radikale Staatsreform mit klaren Zuständigkeiten, einen radikal neu aufgestellten Sozialstaat, geordnete Zuwanderung. Das ist weder links noch rechts, sondern Konsens, liebe ZEIT!“

Was beide Reaktionen – und viele, viele weitere – vereint: Zahlreiche Menschen, deren Positionen von der rechnerischen Mitte offenbar deutlich abweichen, sind von diesem Befund irritiert. Weil sie sich selbst weiter in der Mitte verorten. 

Wie kommt es zu dieser Abweichung von Selbstwahrnehmung und Ergebnis im interaktiven Tool? Unsere Visualisierung basiert auf einer unabhängigen, wissenschaftlichen Studie, der German Longitudial Election Study. Die GLES ist ein Projekt des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften in Köln zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Wahlforschung. Die Wissenschaftler befragen regelmäßig 7.000 repräsentativ ausgewählte Menschen zu politischen Themen. Die Zusammensetzung der Befragten entspricht nach Geschlecht, Alter und Bildungsstand, Ost/West und Stadt/Land dem der deutschen Bevölkerung. 

Der ZEIT-Redaktion liegt der komplette Datensatz mit den einzelnen Antworten aller Befragten auf alle Fragen vor. Wir haben die Daten auf Plausibilität überprüft. Beispielsweise entsprechen die Parteipräferenzen der Befragten weitgehend dem Ergebnis der Bundestagswahl 2025. 

Im Alltag bewegt sich aber kaum jemand in einer repräsentativ zusammengesetzten Vergleichsgruppe. Sondern in einem spezifischen Milieu, in einer Blase. Und innerhalb dieses Milieus tauscht man sich über politische Positionen aus und vergleicht sich – ein Selbstbild entsteht. Konservative Unternehmer treffen auf dem Golfplatz oder beim Rotary Club eher selten auf ökologisch-progressive Studentinnen. Man braucht aber gar nicht solche Klischees zu bemühen. Auch Studien zeigen, dass Menschen politisch gerne unter sich bleiben. Sie lehnen etwa „Dating-Kandidaten aus dem entgegengesetzten politischen Lager unter anderem deshalb ab, weil sie diese Personen als weniger intelligent, nett oder ehrlich einschätzen“, schreibt der Politikwissenschaftler Ansgar Hudde in seinem Buch Wo wir wie wählen.

Wer meist von Leuten umgeben ist, die die eigenen politischen Überzeugungen teilen, den mag es überraschen, wenn große Teile der Gesellschaft anders denken. Genau für diesen Reality Check haben wir unser Mitte-Tool entwickelt.

2. Die Öffentlichkeit ist polarisierter als das Land

Menschen posten vor allem Screenshots unseres Tools, die eine politische Verortung weit links oder weit rechts zeigen. Die repräsentativen Daten zeigen dagegen, dass sich die große Mehrheit nahe der Mitte einordnet.

Hier zeigt sich ein Phänomen, von dem jeder Bürgermeister berichten kann: Die meisten Menschen haben zu vielen Themen entweder keine klare oder eine moderate Meinung. Auf Bürgerversammlungen genauso wie im Internet melden sich aber eher diejenigen mit besonders starken Überzeugungen zu Wort. So entsteht ein verzerrtes öffentliches Stimmungsbild.

Dazu trägt der Medienwandel bei: Die Financial Times hat kürzlich gezeigt, dass in klassischen Medien das Spektrum der politischen Position viel gleichmäßiger vertreten wird als in den sozialen Medien, wo die extremen Pole – also links und rechts außen – stark überrepräsentiert sind. 

Ähnliches stellten vor zwei Jahren auch Soziologen der Berliner Humboldt-Universität fest. Für ihr Buch Triggerpunkte untersuchten Steffen Mau und sein Team, wie polarisiert die Gesellschaft tatsächlich ist. In Übereinstimmung zu den von uns gezeigten GLES-Daten stellten sie fest, dass die Mehrheit meistens in der Mitte steht: „Sowohl für die allermeisten Einzelkonflikte als auch für das Gesamtbild zeigt sich, dass die Gesellschaft nicht Kamel, sondern Dromedar ist, dass die Menschen also viel stärker zur Mitte als zu den Rändern tendieren“, schreiben die Soziologen der Humboldt-Universität: „Das Bild eines politisch-gesellschaftlichen Risses erweist sich somit als falsch“.

Hingegen müssen Politikerinnen und Politiker Position beziehen, zu Steuern, Einwanderung, Tempolimit. Wer sollte sie wählen, wenn keiner weiß, wofür sie stehen? Und auch darüber hinaus gibt es in den sozialen Medien und der (digitalen) Öffentlichkeit eine Verzerrung: Es äußert sich nur, wer etwas zu sagen hat. „Ich weiß es nicht genau, da müsste ich mich erst informieren und länger nachdenken“, ist kein guter Social-Media-Post – aber so geht es eigentlich vielen Menschen bei vielen politischen Fragen.