Mythenbildung: Mit Christopher Rüping in dieser Schultheater-AG

Vor einiger Zeit fragte ich mal den Dozenten einer Schauspielschule, ob es eigentlich noch eine tragfähige Theorie gebe, nach der man heutzutage Schauspiel unterrichten würde. Müssen die Studierenden noch Stanislawskis Bände Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst und an der Rolle lesen?, erkundigte ich mich. Die Werke des russischen Theaterreformers zu Beginn des 20. Jahrhunderts bilden ja immer noch die Grundlage des method acting, ohne das in Hollywood bis heute niemand auskommt.

The method, wie es oft insidermäßig heißt, hat zum Ziel, dass Spieler:in und Charakter in eins verschmelzen. Nach welchem Vorbild wird denn nun Schauspiel unterrichtet, wollte ich also wissen – doch der in die Jahre gekommene Dozent winkte nur ab: Die Zeit der großen Theatertheorien sei wirklich vorbei; niemand könne heutzutage ernsthaft noch behaupten, etwas „weitergeben“ zu können.

Nach Bertolt Brecht sei keine nennenswerte Theorie mehr erdacht worden, sinnierte er. Alle wurstelten doch nur irgendwie vor sich hin, es gebe schon längst keine Schulen im Sinne von Traditionen mehr, und wo früher Bühnenkampf, Fechten, Reiten, Sprecherziehung und Akrobatik auf dem Lehrplan stand, würden heute „Module“ – zitierte er resigniert – zu Achtsamkeit angeboten.

Bei Körperarbeit gehe es jetzt um fernöstliche Entspannungstechniken. Ach, dachte ich, Yoga also. Das frustriere auch viele, fuhr der Dozent fort. Viele kämen an die Schauspielschulen und müssten damit klarkommen, dass keiner ihnen sagt, wo es langgeht.

Von allen geliebt

An diese Art Orientierungslosigkeit fühlte ich mich jetzt erinnert, als ich das kürzlich erschienene Buch Nahaufnahme. Christopher Rüping las. Auf fast 300 Seiten wird der 38-jährige Christopher Rüping, aber auch seine Weggefährt:innen, zur Arbeitsweise im Theater interviewt. Rüping ist ein bisschen der „everybody’s darling“ der deutschsprachigen Theaterlandschaft, erfolgreich und mit vielen Preisen bedacht. Er inszeniert zärtliche und intensive Theaterabende, die oft ein Gegenwartsgefühl ergreifen.

Das Buch kann einem das Theatererlebnis jedoch verderben. Merkwürdig selbstbezüglich dreht sich hier alles um die Person des (männlichen) Regisseurs, obwohl beim Lesen klar wird, dass die beeindruckenden Arbeiten vor allem mit und durch sein vielfältiges Team entstehen. Was also eher „Nahaufnahme Teamarbeit“ hätte heißen müssen, gerät zu einem schwer unterspannten Gespräch um die Anfänge in der Schultheater-AG, Rüpings Unsicherheiten, seine Enttäuschungen.

Unkritische Stichwortgeber

Das liegt auch an den Gesprächspartnern Malte Ubenauf und Vasco Boenisch, beide Herausgeber des Buches und Dramaturgiekollegen von Rüping, die in diesem Format zu ebenso unkritischen wie verständnisvollen Stichwortgebern werden: „Das hört sich nach einer idealen Form der Zusammenarbeit an.“ Wer soll das lesen, fragte ich mich immer mehr, wen soll dieses Mäandern durch Interna von Inszenierungen interessieren, die vielleicht noch nicht mal das Fachpublikum alle gesehen hat? „Die Zeit der großen Theorien ist vorbei“, erinnerte ich mich an die Diagnose des Dozenten.

Ja, ist sie wirklich: nachzulesen sind persönliche Anekdoten, Erinnerungen, Selbstvergewisserungen. Sogar wenn es um Themen wie Machtmissbrauch, Sexismus und Rassismus an Theatern geht, können die Leser:innen einen staunenden Rüping erleben, der an vielen Stellen bekennt, sich über all das sehr lange keine Gedanken gemacht zu haben. Weil er „mit sich selbst beschäftigt war“.

So schreibt dieses Porträtbuch auf unsinnige Weise einen Regisseursmythos fort, von dem man sich ja eigentlich verabschieden wollte, und liefert, eher unfreiwillig, einen Einblick in die Seele des deutschen Theaters. Abgeschottet, männlich dominiert und weiß, erkennt es langsam, dass die Welt da draußen eine andere ist.

Theatertagebuch

Eva Marburg studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Berlin und New York. Nach Arbeiten als freie Dramaturgin und Autorin am Theater, studierte sie Kulturjournalismus an der UdK in Berlin und ist seit 2018 Fachredakteurin für Theater bei SWR2. Für den Freitag schreibt sie regelmäßig das Theatertagebuch.