Lea Ypi: Permanent mittendrin
DIE ZEIT: Frau Ypi, Ihr Buch
folgt dem Leben Ihrer Großmutter Leman Ypi durch die politischen Extreme des
20. Jahrhunderts. Doch fühlt man sich immer wieder an die Gegenwart erinnert.
Mir kam da das Zitat von William Faulkner in den Sinn: „Das Vergangene ist nie
tot. Es ist nicht einmal vergangen.“
Lea Ypi: Schönes Zitat, aber
es hängt stets davon ab, von welcher Vergangenheit wir sprechen. Es gibt Vergangenheiten,
die wirklich tot sind. Es gibt auch Vergangenheiten, die es nicht sind.
ZEIT: Welche wären das?
Ypi: Es gibt Momente der
Geschichte, in denen sich die Wiederholung bestimmter Muster zeigt. Unter
anderem, weil die zugrunde liegenden Widersprüche nie wirklich aufgelöst
wurden. Im frühen 20. Jahrhundert, also jener Vergangenheit, mit der ich mich
im Buch beschäftige, bilden sich viele Konstellationen heraus, die heute in
neuem Gewand wiederkehren.