Kino | Zwischen Kampagne und Küchentisch: Extra den Habeck-Film „Jetzt. Wohin.“

Lars Jessens neuer Film „Jetzt. Wohin.“ über Robert Habeck offenbart die Komplexität zwischen privater Intimität und politischer Öffentlichkeit. Was kann diese Erzählung im Zeitalter der Propaganda und Dauerempörung?


Filmemacher Lars Jessen (links) im Gespräch mit Robert Habeck

Foto: Florida Film/Pandora Film


Das Loch kam eines Morgens, als sein Kalender den ersten Pflichttermin erst für zehn Uhr meldete, berichtet Robert Habeck. Das muss kurz nach der Bundestagswahl im Februar gewesen sein, als die Grünen aus dem Kreis der Regierungs-Aspiranten fielen. In seiner Ratlosigkeit habe er spontan den Staubsauger eingeschaltet, erzählt Habeck nun in die Kamera: Putzen als Übersprungshandlung. Doch vielleicht kam in jenem Augenblick auch die erste Vorahnung vom Ausstieg aus Bundestagsmandat und zwei Jahrzehnten Parteipolitik einige Monate später.

Seit 2010 hat Habeck fünf politische Sachbücher veröffentlicht, zwei davon mit autobiografischen Bezügen. So passt es, dass nun ein ähnlich gelagerter Film in die Welt kommt. Verantwortlich ist hier jedoch nicht Habeck selbst, sondern der mehrfach ausgezeichnete Filmemacher Lars Jessen, der den Wahlkampf des grünen Kanzlerkandidaten in Szene gesetzt und (professionelle Deformation!) gleichzeitig mit der Kamera aufgezeichnet hatte.

In dem daraus entstandenen Film präsentiert sich Jessen als Journalist, der parallel zur Begleitung des Wahlkampfs in Gesprächen mit StichwortgeberInnen von Daniel Günther bis Samira El Ouassil Versäumnisse und Möglichkeiten grüner Politik in Zeiten von Klimakrise, Krieg, neuen Nationalismen und Social Media auslotet. Im Zentrum aber steht der Kandidat selbst, der im Vorspann mit einem programmatischen Statement vorgestellt wird („Ich will nicht glauben, dass Leute belogen werden wollen“), das direkt zu den schon oft belächelten „Zuhören“-Postulaten und „Küchentisch-Gesprächen“ führt (an deren Konzept Jessen mitgestrickt hatte). Ehemalige Lehrer und private Weggefährten Habecks bringen persönliche Hintergründe in den Film.

Propaganda dominiert die Öffentlichkeit

Jessen benennt seine Mehrfachfunktion als Freund, Berater, Film- und Kampagnen-Regisseur zwar offen, macht diese im Einzelnen aber wenig fruchtbar. So ist es eindrücklich, wenn am Wahlabend in Direct-Cinema-Manier die vierte Wand fällt und die Kamera dem TV-bekannten Prozedere hinter den Kulissen ganz neue Seiten entlockt. Doch von den Debatten um Strategien und Slogans vorher bekommen wir trotz vieler gemeinsamer Bahnfahrten zu wenig Substanzielles mit.

Dabei wird die mittlerweile recht verbreitete Erkenntnis, dass es im politischen Ringen vor allem um die erfolgreiche Erzählung geht, hier in fast exzessiver Polyphonie zwischen dem Beschwören eines neuen „Politikstils“ und dem Beklagen grünen Gutmenschentums ebenso propagiert wie zerredet.

Seine eindrücklichsten Momente hat der nach Heinrich Heines Gedicht Jetzt wohin? benannte und trotz aller Kritikpunkte anregende Film so in seiner Medienanalyse, etwa wenn ein vom Moderator manipulativ hintertriebener Auftritt Habecks bei Markus Lanz vorgeführt oder die Verquickung von Bild-Zeitung und Fossil-Lobby mit Strukturen und Personen konkret benannt wird. Unausgesprochen bleibt die Frage, was antilobbyistische Politik überhaupt noch kann in Verhältnissen, wo unter dem Etikett der „Polarisierung“ Propaganda die Öffentlichkeit dominiert. Bald wohl auch gegen die unabhängige Filmförderung: Die Bild-Zeitung titelt jedenfalls am 1. Dezember schon mit „Habeck-Film kostet Steuerzahler 270.000 Euro“.

Jetzt. Wohin. Lars Jessen Deutschland 2025, 90 Minuten