Im Gespräch | Avi Toubiana obig Jüdische Kulturtage in Berlin: „Die Leute nehmen dasjenige sehr gut an“
Avi Toubiana ist ein viel beschäftigter Mann – zweimal muss das Telefoninterview kurz unterbrochen werden, weil jemand in den Raum kommt. Doch er spricht voller Energie und konzentriert über seine Arbeit: Derzeit organisiert er die Jüdischen Kulturtage (JKT), die wie jedes Jahr in Berlin stattfinden. Erst vor Kurzem hat er das erste Jüdische Kulturfestival in Osnabrück organisiert, im Sommer das Koschere Street Food Festival in Berlin mit über 10.000 Besuchern. Viel zu tun eben.
der Freitag: Herr Toubiana, wollen die Jüdischen Kulturtage ein Ort des Zusammentreffens für jüdische Menschen in Berlin sein? Oder die nicht jüdische Bevölkerung ansprechen?
Avi Toubiana: Ursprünglich ging es darum, eher nicht jüdischen Leuten die jüdischen Kulturen näherzubringen, und das wollen wir auch in diesem Jahr machen. Wir kontrollieren aber natürlich nicht, wer jüdisch und wer nicht jüdisch ist. Es geht auch darum, den Ressentiments, die in den letzten zwei Jahren unsere Gesellschaft sehr gespalten haben, entgegenzutreten und zu zeigen, was unsere Kultur zu bieten hat, außer Nahostkonflikt und Holocaust.
Das Programm ist sehr international, viele Künstler kommen aus Israel. Gibt es nicht genügend deutsch-jüdische Künstler?
Na ja, was glauben Sie denn, warum? Robin Williams wurde mal in einer Talkshow gefragt, warum es so wenige gute Comedians in Deutschland gibt? Da hat er gesagt: „You killed all the funny people.“ Er hat das sehr salopp gesagt. Sie dürfen nicht vergessen, wie die Demografie der Juden in Deutschland ist. Ich bin hier groß geworden. Da gab es insgesamt 20.000 Juden. Mit den russischen Einwanderern sind wir bei über 120.000 angelangt. Und was bedeutet Israel? Israel ist ein Schmelztiegel aller möglicher Kulturen. Da kommen Leute aus Europa, USA, Asien, Australien, um eine Heimat zu finden. Das sind alles kulturelle Einflüsse. Aber davon abgesehen, stimmt es nicht ganz. Wir sind in diesem Jahr mit Künstlern aus den USA, den Niederlanden, Frankreich und auch Deutschland gut vertreten.
Worauf achten Sie denn, wenn Sie ein solches Programm zusammenstellen?
Es ist ganz einfach, ich nehme das ins Programm auf, was mir selber gefällt und was ich denke, was gut ankommen wird. Dieses Jahr haben wir, glaube ich, den Nagel auf den Kopf getroffen. Die meisten Veranstaltungen sind bereits ausverkauft. Ich gehe nicht nach Politik oder danach, was im Mainstream angesagt ist. Und ich versuche, verschiedene Genres auszuwählen. Sehen Sie, diesmal haben wir Avishai Cohen mit Jazz, Yamma Teiman mit jemenitischer Musik, ein Klassikkonzert natürlich auch. Und die israelische Hip-Hop-Gruppe Hadag Nachash. Ich versuche, Vielfalt zu zeigen, aber auf einem sehr hohen Niveau.
Sie kooperieren etwa mit dem Kulturwerk der Staatsbibliothek oder dem Hackesche Höfe Kino. Ist die Zusammenarbeit schwieriger geworden?
Das ist ein gutes Thema. Also mit der Stabi und auch mit dem Hackesche Höfe Kino läuft es sehr gut, die hatten keine Berührungsängste. Aber ich hatte ein Festival gerade in Osnabrück, und da habe ich wirklich Gegenwind bekommen. Gott sei Dank sind mir diese Vorfälle in Berlin weniger vorgekommen.
Wie sah dieser Gegenwind aus?
Hier in Berlin hat mein Choreograf zum Beispiel Tänzer angefragt, und sobald die gehört haben, es geht um ein jüdisches Festival, haben die Abstand von der Veranstaltung genommen. Es wird alles in einen Topf geworfen. Sogar ein paar Servicemitarbeiter haben abgesagt und uns mitgeteilt, dass sie sich ganz klar vom Nahostkonflikt distanzieren wollen. Das fand ich alles sehr, sehr traurig.
Macht der grassierende Antisemitismus Ihre Arbeit schwerer?
Das Leben von Juden ist generell schwerer geworden. Es geht auch in meine Arbeit über. Juden tauchen unter. Mein Freund ist Rabbiner, der hat es auf den Punkt gebracht. Er hat gesagt, wir hatten nach der Shoah erst mal Ruhe, aber jetzt ist der Antisemitismus so dermaßen wieder präsent und salonfähig geworden, dass er fast nicht mehr wegzudenken ist. Die Linke, die Rechte, plötzlich sind sich alle in einer Sache einig, wenn es gegen „die Juden“ geht. Aber wir wollen nicht politisch werden. Ich versuche eigentlich nur, Kultur näherzubringen, zu vermitteln. Und es gibt zum Glück noch genügend anständige Leute, die noch einen klaren Verstand haben.
Sie sagten eben, viele Veranstaltungen sind schon fast ausverkauft. Wie erklären Sie sich, dass das Interesse so groß ist?
Ich denke, dass es am Programm liegt. Die Leute nehmen das sehr gut an. Es gibt ja noch Leute, die nicht auf die Straße gehen und immer gegen Israel demonstrieren. Manche wollen eventuell auch ihre Solidarität zeigen. Aber vor allem ist das Programm einfach gut.
Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken, wer kommt denn so zu den Veranstaltungen der Jüdischen Kulturtage?
Es ist wirklich interessant zu sehen, was für unterschiedliche Menschen kommen. Bei Klassikkonzerten waren es etwas ältere Leute. Aber wir haben Gott sei Dank erreicht, dass wir wieder mehr jüngere Menschen ansprechen. Eine Sache kann ich erzählen: Wir haben viele Anfragen zu Yamma Teiman. Da haben viele geschrieben: Ich bin Moslem und ich würde das sehr gerne sehen und hören, aber wollte sichergehen, dass es sich nicht um eine politische Veranstaltung handelt. Wir haben natürlich bestätigt, das wir Kultur und keine Poltik betreiben.
Überrascht es die Leute, dass es eine jüdisch-arabische Kultur gibt?
Es wird oft vergessen, dass nach der Gründung Israels über 900.000 arabische Juden aus ihren Ländern vertrieben wurden. Auch meine Familie und mein Vater kamen aus Tunesien und waren alle Flüchtlinge, die ihr Hab und Gut zurücklassen mussten. Viele haben ihre Traditionen weitergeführt. In meinem Haus wurde Arabisch und Französisch gesprochen. Wenn man über jüdische Sprache spricht, dann denkt man immer nur ans Jiddische. Aber auch im Arabischen gibt es eine jüdische Variante, die über Generationen weitergegeben wurde.
Also ist jüdische Kultur so divers, dass es Anknüpfungspunkte für Menschen unterschiedlichster kultureller Hintergründe gibt?
Ja natürlich, und das ist das, was ich zeigen will. Nehmen Sie das Eröffnungskonzert Let my people grow mit Hollywood-Filmmusik.
Hollywood spielt für Juden eine große Rolle. Das hat auch geschichtliche Gründe. Sie wissen, wir hatten die braune Suppe hier in Deutschland gehabt. Da sind viele in die USA ausgewandert und mussten dort feststellen: Stahlindustrie besetzt, Ölindustrie besetzt, okay, was bleibt übrig? Die Filmindustrie steckte noch in den Kinderschuhen, also gingen viele Juden, die bereits in Deutschland in der Filmindustrie waren, nach Hollywood. Wir erzählen diese Geschichte. Da fangen wir an mit Munich von Steven Spielberg, Exodus, Yentl, La La Land et cetera.
Außerdem kommt der US-amerikanische Comedian Modi – englische Comedy, klappt das?
Unsere stärkste Waffe war und ist immer der jüdische Witz gewesen, und das wollte ich näherbringen. Und ich muss sagen: Ich glaube, wir haben noch 20 Plätze übrig, von 1.200! Da bin ich wirklich total froh, denn als ich den zum ersten Mal hergebracht habe, hat man mir gesagt, englische Comedy, keiner versteht das. Aber es funktioniert. Am besten sollte man niemals auf andere hören!
Gibt es einen Act, auf den Sie sich besonders freuen?
Das meiste Herzblut steckt natürlich in der Eröffnung, weil es unsere eigene Produktion ist und ich hoffe, dass es so umgesetzt wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber ich freue mich generell auf jeden persönlich. Ich freue mich auf Leon de Winter, den ich jetzt zum ersten Mal persönlich kennenlernen werde – ich habe alle seine Werke gelesen. Ich freue mich auch auf Christian Berkel, wir kennen uns bereits. Aber wie schon gesagt, auch auf Hadag Nachash, Yamma Teiman, und vor allem freue ich mich auf Roman Haller, einen Zeitzeugen und Überlebenden aus dem Film Irenas Geheimnis, der nach der Vorstellung seine Lebensgeschichte erzählen wird. Am meisten freue ich mich auf den letzten Tag, wenn ich sagen kann: Wow, alles hat funktioniert.
Sie sind sehr umtriebig im jüdischen Kulturleben, haben die Jewrovision initiiert, waren Gastronom und Schauspieler. Was ist noch von Ihnen zu erwarten?
Ich habe keine Ahnung. Wenn mir langweilig wird, ziehe ich weiter. Aber da bin ich Gott sei Dank noch nicht mit den Kulturtagen angelangt. Ich habe noch ein paar Dinge vor, die ich umsetzen möchte. Ich habe das Glück, dass man mich immer auf irgendetwas anspricht, ob ich Lust habe, Neues auszuprobieren. Und das mache ich dann meistens auch. Deshalb weiß ich nicht, wo die nächste Reise hingehen wird. Ich lasse mich überraschen. Das ist das Tolle am Leben, dass nicht nur ein Weg, sondern viele Wege zur Auswahl stehen.
Abraham „Avi“ Toubiana, 1977 geboren, wuchs in der Nähe von Düsseldorf auf. Er absolvierte eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, studierte Schauspiel in New York und betrieb ein koscheres Catering, bevor er Kulturmanager wurde. Die JKT Berlin leitet er seit 2022