Grammy Awards 2023: Die Königin ist nicht zu sprechen

Die Königin ist nicht zu sprechen – Seite 1

Natürlich kann man mäkeln über die lebensanschauliche Gleichförmigkeit dieser viel zu langen Show, aber das nur auf hohem Niveau. Denn im
Saal bei der Grammy-Verleihung in Los Angeles sitzt der transatlantische
Popklerus so gut wie vollzählig. Ein
Schwenk, tausend Stars: Adele, Lizzo, Jay-Z, Coldplays Chris Martin, Harry Styles, Bad Bunny. Auf der Bühne treten außerdem viele
wichtige Figuren aus 50 Jahren Hip-Hop in einem zwölfminütigen Medley auf: von
Grandmaster Flash, LL Cool J und Method Man bis Queen Latifah, Missy Elliott
und Lil Uzi Vert. Der 82-jährige Smokey Robinson singt außerdem alte
Motown-Hits mit Stevie Wonder, beide zeigen sich in blendender Verfassung.

Wer solche Leute an einem Ort versammeln kann,
hat die Lizenz zum Tröten. Die Grammys
wirken wie ein großer Trompetenstoß jener Musikindustrie, in der vor allem das
oberste Prozent inzwischen wieder Grund zum Feiern hat. Und doch möchte man ausnahmsweise
einmal nicht Harry Styles sein. Der britische Sänger gewinnt nach fast vier Stunden in der Königskategorie der wichtigsten Preisgala des Pop. Das Album of the Year ist der Gral der Grammys, die in der Nacht zum
Montag zum 65. Mal über die Bühne gingen, nach pandemischen
Verschiebungsjahrgängen nun wieder in Los Angeles, der Heimat der ausrichtenden
Recording Academy. Doch als der Moderator Trevor Noah selbst den Umschlag
öffnet und einen 78-jährigen Superfan von Styles den Gewinnernamen aussprechen
lässt, scheint dem Saal der Atem zu stocken. Weil nicht Beyoncé den Preis
erhalten hat für ihr Album Renaissance, sondern Styles für Harry’s
House
.

Bodyguards schirmen Beyoncé von den Kameras ab, auch
Styles dringt nicht zu ihr durch für einen Handshake wie mit den anderen ihm
stimmlich und musikalisch überlegenen Konkurrentinnen Adele und Lizzo. Er sucht
Beyoncés Blick, einen Weg zu ihr, aber nope. Die Königin ist nicht zu
sprechen. Gnade ihm Gott, wenn ihre Fans nun wie unterzuckerte Bienenvölker Kurs
auf den Briten nehmen sollten. Der BeyHive, in Anlehnung an Beyoncé und beehive
für Bienenstock, versprach einen Shitstorm, sollte Beyoncé nicht die zentrale
Kategorie für sich entscheiden. Das war kein bloßes Twitter-Ding, auch
große Traditionsmedien solidarisierten sich im Vorfeld mit der Preisforderung. Ein
giftiger Stachel steckt deshalb im Sieg von Styles, der Künstler dürfte mindestens
ein paar Schwellungen abkriegen.

Diese extreme Fanempfindlichkeit wirkt zum einen grotesk,
weil es kein Recht auf Preise gibt. Noch grotesker: Beyoncé, die lange nicht
vor Ort erscheint und ihre Präsenz durch diese Abwesenheit erst recht
erhöht, bricht trotzdem einen Rekord, den bisher der 1997 verstorbene Dirigent
Georg Solti hielt. Mit 88 Nominierungen und 32 Grammys hat seit gestern Nacht
niemand auf der Welt so viele Grammy-Trophäen wie Beyoncé gewonnen, in deren
Familienkasse mit ihrem Ehemann, dem Rapper Jay-Z, rund anderthalb Milliarden
US-Dollar liegen. Eigentlich doch alles schick.

Zum anderen geht es in dieser Saga der gekränkten Fans und mutmaßlich
gekränkten Reichen – Beyoncé ließ sich ja abschirmen, man weiß nicht genau, wie
enttäuscht sie nun wirklich war – um den Verdacht von Rassismus. Zum vierten
Mal unterliegt Beyoncé nun schon in der Königinnenkategorie, zuletzt gegen
Adele 2017, die sich dafür offen schämte. Und es stimmt: Die Grammys haben ein
historisches Problem damit, Schwarze, generell nicht-weiße Künstlerinnen
angemessen zu würdigen. Seit ein paar Jahren tun sie viel, um dieses Problem
loszuwerden.

Die Bemühung zur Besserung – oder zu mehr Realismus –
war der diesjährigen Show ebenso gut anzumerken wie einem Pfarrer, der die
Bänke in seiner Gemeinde wieder vollzukriegen versucht. Denn die Grammys haben
viel Publikum verloren in den letzten Jahren. Die Halbzeitshow des Superbowls, bei
der dieses Jahr Rihanna auftreten wird, erreicht im linearen TV-Programm mit
100 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern zehnmal mehr Leute als die Grammys.

Die US-amerikanische Popmusik war stets anfällig für
grenzfreikirchliche Ästhetik, für die kollektive Ekstase im Dienst des Guten
und Richtigen. Das ist keine Erfindung der aktuellen Kulturkämpfe, die mehr
Sichtbarkeit für ehedem an den Rand Gedrängte fordern, etwa Schwarze, Queere
und Genderfluide. Aber die Intensität hat deutlich zugenommen: Wie oft es um Gott
geht in diesen vier Stunden, wie oft Chöre psalmieren, wie oft an das Gute in
den Menschen appelliert wird, an die weltverändernde Kraft von Popmusik: All das
hat etwas von einer Bibelgruppe, die davon überzeugt ist, ihre Konformität
handle eigentlich von Abweichung.

Das Unheilige ist das neue Heilige

Wieder einen Rekord geknackt: Beyoncé hat nun 32 Grammys gewonnen.

Das beste und doch auch traurigste Bild des Abends zu
dieser Selbsttäuschung einer ganzen Industrie liefert Madonna, die mit einer
kleinen schwarzen Peitsche in der Hand die Performance des queeren Soulstars
Sam Smith und der in der Nähe von Köln aufgewachsenen trans Popsängerin
Kim Petras ankündigt. In ihrer verrutschten Ansage schwadroniert Madonna von
der Provokation als höchstem Popgut, redet im Prinzip aber nur über sich
selbst und ein vergangenes Jahrhundert. Denn so verdient der Grammy für die Best Pop Duo/Group Performance von Smith und Petras ist – von Provokation mit
Toleranzhymnen kann in der gegenwärtigen Popindustrie keine Rede sein. Unholy,
wie Smiths Hit heißt, ist nach einfacher Traumlogik als Umkehrung von Holy
zu verstehen: Das vermeintlich Unheilige ist das neue Heilige. Das haben auch
die Grammys begriffen.

Wenn aber der puerto-ricanische Reggaetonsänger Bad
Bunny die Show eröffnet, geht es vorerst um kapitalistischen Realismus. In den
USA werden unter dem Betriff Latinos
viel
mehr Einwohner zusammengefasst als unter der Zuschreibung Schwarze. Bad
Bunny engagiert sich innerhalb seines machoanfälligen, rhythmisch forcierten
Genres lautstark für Genderfluide und trägt auch schon mal Frauenkleider. Bei
den Grammys tritt er aber in Dad-Jeans auf, im weißen T-Shirt und mit
einer umgedrehten Basecap: Vor allem Letztere gilt als Code einer gepanzerten Männerkultur, für
deren Entmantelung er gleichzeitig kämpft.

Bad Bunny ist nicht nur seit drei Jahren der meistgestreamte
Künstler der Welt, er setzt auch das komplexeste Zeichen des Abends. Ein
Zeichen, das in etwa sagt: Ich lasse mich nicht von euch festnageln, ich bin
Künstler und ich liebe auch, was ich kritisiere. Als er
den Preis für Best Musica Urbana erhält, spricht er fast nur
schnelles Spanisch, während der US-Sender CBS untertitelt: Speaking non-English. Trevor Noah kommentiert das schlau nach Bad Bunnys fantastischer
Galaeröffnung: Jetzt werde sogar Donald Trump
Spanisch lernen wollen. CBS braucht noch ein wenig länger.

Das Popgeschäft könnte derweil eine Phase der
Beruhigung gebrauchen, in der nicht jeder emanzipatorische Move gleich wie ein
neuer Gospel klingen muss, wie die nächste Predigt. Lizzo, Preisträgerin in der
Kategorie Record of the Year, bestärkt ihre Botschaft für Body Positivity mit einem Kirchenchor und meint, eigentlich seien alle Menschen
gut. Auch zur Ehrung für die vielen Popverstorbenen des vergangenen Jahres
tritt ein Chor auf. Und Trevor Noah wird nur einmal tranig, als selbst er von
Musik als Mittel zu Gemeinschaft und Einigkeit salbadert, dabei aber immerhin so
hölzern klingt, als hätte man ihn zum Kitsch gezwungen.

Als Beyoncé in der Hauptshow (die meisten Preise
werden schon vor der TV-Ausstrahlung vergeben) für ihr Album Renaissance
den Preis für das Best Electronic and Dance Album entgegennimmt,
dankt sie erst Gott, dann ihrer Familie und ihrem Mann, über den sie einmal ein
ganzes Album gemacht hat, weil er kurz fremdging, und dann der queeren Community.
Diese tendenziell widersprüchliche Aufzählung muss man auch den Besten wie Beyoncé zugestehen, selbst wenn
ihr aktuelles House-Album zu den schwächsten ihrer Karriere gehört, weil es
etwas rettet (House Music), das ihre Rettung nicht braucht und anderswo
aufregender zu hören ist, im Club nämlich. Die popistische, ja neofeudale
Ehrfurcht vor der Künstlerin hat ihren Höhepunkt in der gestrigen Nacht hoffentlich
überschritten. Gefühlt jede zweite Preisträgerin meint, sich vor Beyoncé
entschuldigen zu müssen, dass nicht sie den Preis bekommen hat. Das hat mehr
mit Personenkult und Moralismus zu tun als mit Empowerment.

Wenig überraschend schließt die Show mit einem letzten
Abendmahl. An einer langen, mit Essen beladenen Tafel sitzen unter freiem
Nachthimmel Jay-Z, Lil Wayne und andere. Sie performen eine achtminütige
Version des Songs God Did von DJ Khaled, Jay-Z selbst rappt über vier
Minuten. Es kann nun wahrlich niemand mehr sagen, die Grammys kümmerten sich zu
wenig um Hip-Hop, vorher hatte es ja auch schon das zwölfminütige All-Star-Medley
gegeben. Im Gegenteil, man muss sich fast Sorgen machen, ob in der religiösen
Performance nicht doch schon die Totenfeier mit angelegt ist. In den globalen
Charts erreicht Hip-Hop aktuell jedenfalls nicht mehr die gleiche Dominanz wie noch
vor wenigen Jahren. Von hier aus dennoch alles Gute.