Goebbels dieser Manipulator und Speichellecker

Nach der Rede im Sportpalast wird im geselligen Nazi-Kreis ein Witz erzählt: „Hannibal, Cäsar und Napoleon im Himmel. Hannibal sagt: ‚Hätte ich damals in Italien Stukas gehabt …‘ Cäsar sagt: ‚Hätte ich damals in Germanien Panzer gehabt…‘ Da sagt Napoleon: ‚Und hätte ich den Goebbels gehabt, wüsste man bis heute noch nicht, dass ich die Schlacht bei Waterloo verloren habe …‘“ Der von Robert Stadlober gespielte Film-Goebbels in Joachim Langs Führer und Verführte lacht voll Eitelkeit selbst mit.

Goebbels steht im Zentrum von Langs Film, der eine Art Dokufiktion ist: Die Spielfilmhandlung zeigt ihn, seine Frau Magda (Franziska Weisz) und Hitler (Fritz Karl) in dramatischer Verwicklung von Ehekrise, Krieg und Propaganda-Notwendigkeiten. An ausgesuchten Stellen illustrieren reale Archivbilder das Geschehen vom „Anschluss“ Österreichs über Kriegsbeginn, Überfall auf die Sowjetunion, Stalingrad bis hin zu den letzten Stunden im Führerbunker.

Und zwischendurch bezeugen Holocaust-Überlebende wie Margot Friedländer und Charlotte Knobloch mit kurzen, prägnanten Schilderungen, was Verfolgung, Deportation und Vernichtungslager wirklich bedeuteten. Mit der Eingangssequenz gelingt Regisseur Lang ein kleiner Coup. Während die Leinwand noch schwarz bleibt, hört man eine Stimme über Panzer und Winterkrieg sprechen.

Sie klingt sonor, unaufgeregt, fast möchte man sagen sympathisch, ein österreichischer Einschlag ist nur leicht hörbar. „Kennen Sie diese Stimme?“, fragt eine weiße Schrift den Zuschauer, der die richtige Antwort natürlich erahnen kann. Mit dem eifernden, schreienden Hitler der öffentlichen Reden, die man aus anderen Dokumentationen kennt, scheint diese Stimme – von einer raren „geheimen“ Tonaufnahme – nichts gemein zu haben. Was Lang belegen will, wird im Lauf des Films noch mehrfach wiederholt: Die Nationalsozialisten waren Meister der öffentlichen Inszenierung, und ihr Obermeister war ein kleiner Mann namens Joseph Goebbels.

Irritierend sympathisch

Die These ist alles andere als neu. Aber wie Lang hier an manchen Stellen die erklärte Absicht mit dem gelungenen Ablauf zusammenschneidet, wirkt dann doch jedes Mal wieder höchst beklemmend. Das „spontane“ Anstimmen von Volksliedern bei Hitlers Empfang in Berlin wird genauso als Ergebnis eines inszenatorischen Kalküls entlarvt wie der taktische Versprecher in Goebbels’ Sportpalast-Rede, mit dem er das Wort „Ausrottung“ gleichsam subliminal unters Volk bringt. Die Spielfilm-Dialoge sind zum großen Teil aus historischen Quellen wie Tagebüchern, Protokollen und Briefen zusammengestellt. Das verleiht ihnen oft etwas Steifes und Schulmeisterliches, aber dieser Effekt ist eher willkommen, als dass er stört. Denn wie alle Filme, die aus Perspektive der Nazi-Führungsschicht erzählen, bringt auch Führer und Verführte den Zuschauer in die mulmige Situation, sich ständig überlegen zu müssen, wie weit man „mitfühlen“ möchte mit diesen Figuren.

Dass Stadlober seinen Goebbels wenig einheitlich mal als Karikatur eines manischen Manipulators und mal als ordinär schäbigen Ehemann und Speichellecker anlegt, wirkt deshalb genauso entlastend, wie dass er den Ton von Goebbels rheinischem Akzent nie richtig trifft: So unangenehm ist einem diese Figur, dass man froh ist, nicht auch noch das Schauspiel bewundern zu müssen.

Im Fall von Fritz Karls Hitler ist das leider anders: Karl verleiht Hitler etwas Düster-Seelenvolles und ja, „Sympathisches“, das nachhaltig irritiert und man gern entschieden von sich weisen würde. Besonders wenn er sich für die intensive Magda einsetzt, die sich bei ihm darüber beklagt, dass Joseph sie für die tschechische Schauspielerin Lída Baarová (Katia Fellin) verlassen möchte. Der Platz, den Lang dem Goebbels’schen Ehedrama einräumt, lässt allerdings fast vermuten, dass solche Irritationen gar nicht intendiert sind. Vielmehr verlässt sich der Film implizit allzu sehr auf die leichtfertige Gleichsetzung von „Fake News“ mit Nazi-Propaganda. Leider werden damit die „Verführten“ ihrerseits zu Opfern, obwohl Lang im Vorspann explizit das Gegenteil erklärt. Dass die aktive Mittäterschaft von so vielen Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus nicht allein durch Goebbels’sche Raffinessen zu erklären ist, kommt hier einmal mehr viel zu kurz.

Eingebetteter Medieninhalt

Führer und Verführte Joachim Lang Deutschland 2024, 135 Minuten