„Echtzeitalter“ von Tonio Schachinger: Die Welt von gestern

Ach je, die Schulzeit, diese Lebensepoche mit schwerer Akne, missglücktem Sex, blutrot korrigierten Englischklausuren und bleiernen Sinnfragen, diese Jahre, in denen das tiefste Unglück jederzeit in Euphorie umschlagen kann: Man findet die Liebe fürs Leben (die dann doch nur drei Wochen hält) und wähnt sich als die größte Künstlerin oder das größte Mathe-Genie der Welt – Grandiositätsgefühle, die leider auch nicht extralange anhalten. Man ist lebendig, keine Frage, vor allem aber, weil man so unausgeglichen ist. Für die Literatur ist die Schule seit je ein reizvoller Stoff: Die Herzen sind prall, die Ideale sind groß, nur passt die Wirklichkeit mit ihren Pflichten und Zwängen überhaupt nicht zum seelischen Überschwang. Im klassischen Bildungsroman lernt der Held, die anfangs so hochfliegenden Ansprüche irgendwann mit seiner Umwelt in Einklang zu bringen. Es bleibt ein Restfunken Melancholie, weil das Leben, nun ja, ein Meer aus Kompromissen ist. Die Einsicht in die Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten nennt man dann Reife.