„Die frühen Jahre“: Plötzlich ist die Macht verloren

Am Anfang des Romans werden die Stasi-Akten im Haus der Großeltern verbrannt. Der Großvater, ein hochrangiger Geheimdienstler, hatte rechtzeitig genug geahnt, dass dieser Staat untergehen würde, und alles Belastende beiseitegeschafft. Es gibt einen Grad an Unterdrückung, der als Freiheit empfunden wird, sagte einmal der ostdeutsche Schriftsteller Heiner Müller, und mit diesem Satz ist die Bewusstseinslage dieser Funktionärsfamilie ziemlich gut zusammengefasst. Diese Familie liebte den untergegangenen Staat mit seiner Unfreiheit. Unfreiheit war ihr „Lebensprinzip“ und die „Bedingung der Normalität“. Im Westen konnte zwar im Prinzip jeder machen und haben, was er wollte. Aber doch nur um den Preis oberflächlicher Reizbefriedigung und damit der Zerstörung der Seelen. Im Westen war man durch Freiheit unfrei, in der schönen DDR dagegen durch die Unfreiheit frei. Diese Art des dialektischen Denkens hat den großen Vorzug, auch Verbrechen so drehen und wenden zu können, dass sie einem nicht nur plausibel, sondern humanistisch zwingend erscheinen. Weshalb es, das nur nebenbei, auch so sinnlos ist, mit gläubigen Sozialisten zu diskutieren – dialektisches Denken ist immer auch Immunabwehr.