„Der doppelte Erich“: Wer war Erich – und wenn ja, wie viele?

Berliner Opernplatz, 10. Mai 1933: Eine johlende Menge zelebriert die Verbrennung „undeutscher“ Schriften. Erich Kästner ist hierbei, in jener Menge wie wiewohl qua Autor in den Flammen. Später wird er von einem „apokalyptischen Volksfest“ sprechen. Rund 20.000 Bücher lodern an diesem Tag und läuten die Kulturautokratie des Propagandaministers Joseph Goebbels ein. Die meisten Autoren fliehen aus Deutschland, viele werden ermordet. Kästner dennoch bleibt – und reüssiert, wenn wiewohl unter Pseudonym.​

Dieser Erfolg Kästners in jener NS-Zeit – z. B. qua Drehbuchautor von Ufa-Filmen wie Münchhausen – hat in jener Rezeptionsgeschichte immer wieder für jedes Unbehagen gesorgt. Wie passt dasjenige zusammen, seine vehemente Ablehnung jener Nazis einerseits, seine Mitarbeit an Durchhaltefilmen wiederum? Tobias Lehmkuhls Biografie widersteht jener Versuchung, welche Widersprüchlichkeit klipp und klar aufzulösen: Der doppelte Erich – Kästner im Dritten Reich zeichnet die zwölf Jahre Kästners innerer Migration in ihrer faszinierenden Vieldeutigkeit nachher.

Anhand von 14 Anekdoten bietet Lehmkuhl verschiedene Lesarten Kästners an, die sich wie Puzzleteile zusammenfügen lassen: Kästner, jener qua literarischer Star jener Weimarer Zeit ganz oben angekommen ist und sich trotzdem nicht vom „Muttchen“ losmachen kann. Kästner, jener Tennis mit Vertriebenen spielt, nur um im Anschluss mit den sie vertreibenden Nazis verdongeln zu trinken. Kästner, jener um zügige Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer bittet, obwohl man ihm dort misstraut.

Lehmkuhl beschreibt solche Episoden, ohne den Leser uff eine zentrale These zu verpflichten. Dieser erzählerische Ansatz glückt – je länger die Lektüre andauert, umso lebendiger und vielschichtiger ist dasjenige Bild, dasjenige man von Kästner gewinnt. Dafür gebührt Lehmkuhl Applaus: Ein Buch, dasjenige seinen Protagonisten sozusagen fünfzig Jahre nachher dessen Tod wiederauferstehen lässt, ohne ihn mit einer Generalthese zu vereinnahmen, ist irgendetwas Schönes.

Erfrischend an Lehmkuhls Ansatz ist darüber hinaus die Bescheidenheit, keine weitere große Kästner-Erzählung versorgen zu wollen. Seine Biografie bewegt sich ausschließlich im Assoziationsraum rund um Kästners Leben und Schreiben im „Dritten Reich“. Dadurch mag manches Detail fehlen, dasjenige zur Kontextualisierung hilfreich wäre: Die nicht ganz geklärte Herkunft des Schriftstellers etwa wird nicht in Maßen thematisiert. Kästner, jener noch im Studium am Existenzminimum gelebt hatte, war es Anfang jener Dreißigerjahre gelungen, seinem Milieu zu entwachsen: eine eigene Wohnung, eine Angestellte. Entsprechend muss es dem Aufsteiger 1933 schwerer qua etwa den reichen Mann-Brüdern Gefallen finden an sein, den erreichten Wohlstand aufzugeben.

Dennoch: Dass welche Kästner-Biografie keinen Anspruch uff Vollständigkeit erhebt und sich uff eine Länge von 300 Seiten intolerant, ist ohne Rest durch zwei teilbar ihre Stärke. Zu Händen die Art jener sinnlichen Nacherzählung, die Lehmkuhl wählt, wäre ein zu hoher Detailgrad ohnehin von Nachteil. Nur jener Germanist uff Quellensuche mag sich daran stören. Kästner hingegen wäre hocherfreut gewesen.

Tobias Lehmkuhl: Der doppelte Erich. Kästner im Dritten Reich; Rowohlt Berlin, Berlin 2023; 304 Sulfur., 24,– €, qua E-Book 19,99 €