Commerzbank: Jens Weidmann – ein Coup für die Commerzbank – WELT

Natürlich hat sich Jens Weidmann gewissenhaft auf den Tag vorbereitet, an dem er in den 47. Stock einziehen wird. Er hat eifrig Unterlagen studiert, mit seinen künftigen Kollegen Kontakt aufgenommen, sich mit dem Vorstand besprochen.

Und, ja, auch mit Axel Weber hat er sich ausgetauscht. Sein ehemaliger Professor und Amtsvorgänger bei der Bundesbank hat vor Jahren schließlich einen ähnlichen Karriereschwenk vollzogen wie er – vom Präsidentenbüro der deutschen Zentralbank an die Spitze des Kontrollgremiums einer Großbank.

Während Weber jedoch zur UBS nach Zürich abwanderte, zieht Weidmann nur ein paar Kilometer weiter Richtung Stadtmitte. Dass er dort den Aufsichtsratsvorsitz bei der Commerzbank übernimmt, gilt als echter Coup für das Frankfurter Institut. Wohl kaum eine Personalie ist in der deutschen Finanzbranche in den vergangenen Jahren derart positiv aufgenommen worden wie die Verpflichtung des früheren Bundesbankchefs.

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Entsprechend groß sind die Erwartungen. Damit sie sich erfüllen, muss Weidmann sicher durch das von den unerwartet schnell gestiegenen Zinsen aufgewühlte Umfeld navigieren. Bisher hat die Bank von der geldpolitischen Kehrtwende profitiert, mittelfristig aber drohen erhebliche Risiken.

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Für einen veränderten Kurs der EZB hatte Weidmann im Rat der Zentralbank lange vergebens gestritten. Mit seinem Wunsch nach einer Zinswende und dem Widerstand gegen die Anleihekaufprogramme folgte er der Tradition der Bundesbank, war aber kaum mehrheitsfähig.

Keinerlei Erfahrungen im Bankgeschäft

Dass er sich nicht dauerhaft im stabilitätsorientierten Schmollwinkel einrichten wollte, war ein Grund dafür, dass er Ende 2021 sechs Jahre vor Ablauf seiner Amtszeit den Dienst quittierte. Mit 53 Jahren war Weidmann auch noch jung genug, um sich Richtung Privatwirtschaft und Wissenschaft umzuorientieren.

Für das Berliner Finanzministerium war er damit ein optimaler Kandidat. Weidmann gilt als fachlich versiert und angenehm im Umgang, zudem ist er in Politik und Finanzwelt gut vernetzt. Dass er keinerlei Erfahrungen im Bankgeschäft besitzt, scheint da eher nebensächlich.

Der Commerzbank immerhin war Weidmann schon einmal nahegekommen – wenn auch ungewollt. Als der Bund das Institut nach der Lehman-Brothers-Pleite 2008 mit Milliarden stützte, verhandelte er als Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel den Einstieg des Staates mit.

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Stellenabbau und schlechtes Image

Dass der fast 15 Jahre später mit einem Anteil von gut 15 Prozent immer noch dessen größter Aktionär sein würde, hätte Weidmann damals wohl nicht gedacht. Doch die Dauerniedrigzinsen drückten die Erträge, das Management verfehlte regelmäßig seine Prognosen und zermürbte die Belegschaft obendrein mit immer neuen Sparprogrammen.

Als die Bank nach einer vom damaligen Großaktionär Cerberus angezettelten Revolte vor knapp drei Jahren einen neuen Aufsichtsratschef suchte, schien der Posten ähnlich gute Perspektiven zu bieten wie der des Pünktlichkeitsoptimierers bei der Deutschen Bahn – gar keine.

Mit Helmut Gottschalk fand sich schließlich ein bereits in den Ruhestand verabschiedeter Volksbankchef. Der Mann aus Schwaben ging in der neuen Rolle auf, selbst in ihm wohlgesinnten Kreisen heißt es jedoch, dass er es mit der Pingeligkeit mitunter übertrieben hat. Das Verhältnis zu Vorstandschef Manfred Knof jedenfalls gestaltete sich angesichts der Vielzahl von Interventionen nicht eben spannungsfrei.

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Mit Weidmann soll nun keine Laissez-faire-Kultur einziehen, als besserer Banker dürfte sich der neue Aufsichtsratschef aber kaum profilieren wollen. Die Lage sieht heute auch fundamental anders aus als 2021. Mit dem Abbau von 4000 Stellen ist die Restrukturierung weit fortgeschritten, vor allem dank der höheren Zinsen hat sich das Ergebnis sehr verbessert.

Seit Knofs Amtsantritt Anfang 2021 hat sich der Aktienkurs fast verdoppelt, was der Bank die Rückkehr in den seit ihrem Abstieg 2018 auf 40 Mitglieder erweiterten Dax bescherte. Unter Weidmann soll der Weg möglichst fortgesetzt werden. Strategische Wenden sind nicht vorgesehen.

Bei privaten Großaktionären kommt diese Aussicht gut an: „Wir unterstützen die Wahl von Herrn Weidmann“, sagt Vanda Rothacker von Union Investment. Andreas Thomae von der Deka spricht von einem „hochkarätigen Aufsichtsratschef“. Er habe bei der Bundesbank, der EZB und in der Politik viel Erfahrung gesammelt, die ihm bei der Commerzbank weiterhelfen werde.

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Mangelnde operative Kenntnisse als Banker seien kein Hindernis. „Er hat ein starkes Team im Aufsichtsrat um sich“, sagt Thomae. Zu diesem wird neben Weidmann künftig auch der in der Finanzbranche erfahrene und politisch bestens vernetzte Unternehmer Harald Christ zählen.

Auch bei den Arbeitnehmervertretern sind die Erwartungen groß: „Ich halte Jens Weidmann für eine ausgezeichnete Wahl“, sagt Stefan Wittmann, der für die Gewerkschaft Ver.di im Aufsichtsrat der Bank sitzt. Seine Vorgänger, allesamt spezialisierte Banker, hätten sich zu sehr in Details vertieft und dabei den Blick fürs Umfeld verloren.

Zudem hätten ihnen die für die Bank wichtigen politischen Kontakte gefehlt. Das will Wittmann nicht als Grundsatzkritik am noch amtierenden Amtsinhaber verstanden wissen. „Helmut Gottschalk war der richtige Mann zur richtigen Zeit“, sagt er.

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Wittmann hat Weidmann schon zweimal getroffen und ihn als „sehr interessiert und zugewandt“ erlebt. Das hat ihn in seiner Zuversicht bestärkt, dass dieser für die aus Sicht der Arbeitnehmer wichtigen Belange eintreten wird. Nach Jahren des Dauerumbaus brauche die Bank dringend eine längere Phase der Ruhe und Stabilität. Dazu gehört auch ein seit Jahren zentrales Anliegen: „Die Commerzbank muss selbstständig bleiben“, sagt Wittmann.

Das ist trotz immer mal wieder aufflammenden Interesses europäischer Wettbewerber auch der Plan in Berlin. Die heimische Volkswirtschaft, so die Überzeugung, benötigt neben der Deutschen Bank ein zweites großes Institut in privater Hand.

Vollständig privat muss es deshalb nicht sein, auch unter FDP-Führung hat ein rascher Ausstieg im Finanzministerium keine Priorität. Mit ihm würde der Bund derzeit einen Milliardenverlust realisieren.

Aktie ist niedrig bewertet

Und nach den Jahren des Niedergangs könnte es ja auch noch weiter aufwärtsgehen. Verglichen mit europäischen Wettbewerbern, ist die Commerzbank derzeit immer noch niedrig bewertet. Für das erste Quartal vermeldete sie jüngst einen abermaligen Ergebnisanstieg, und zumindest kurzfristig wird sie weiter von den höheren Zinsen profitieren.

Der Effekt dürfte sich jedoch schon bald abschwächen, wenn sie nach den Krediten auch die Konditionen für die Einlagen ihrer Kunden anhebt. Parallel dazu könnten mehr Forderungen an Firmen und Immobilienkäufer ausfallen.

Dass die Bank die von Knof für 2024 erklärten Ziele erreicht, ist also nicht ausgemacht. Was folgt? Obwohl sein Vertrag bis 2026 läuft, wird in Frankfurt spekuliert, dass sich der als Sanierer profilierte Knof vorzeitig verabschieden könnte. Es wäre wohl kein schlechter Zeitpunkt. „Der Höhepunkt ist dann überschritten“, sagt ein Banker. Für Weidmann geht es dann erst richtig los.

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Source: welt.de