Chinareise von Robert Habeck: Energiewende made in China

Für die dreihundert Gäste aus aller Welt ist nur der teuerste Schnaps gut genug. Zwei Flaschen des chinesischen Staatsschnaps Kweichow Moutai, den schon Mao Zedong schätzte und der heute der wertvollste Alkoholkonzern der Welt ist, stehen auf jedem der dreißig kreisrunden Tische. Jede der Flaschen kostet einige hundert Euro. Die Kellner bringen während der Gala immer neue gebratene Enten, Fische und Tintenfische und finden auf der drehbaren Glasplatte in der Mitte des Tisches kaum noch Platz.

Auf der Bühne unterhalten Akrobaten, Bands und Tänzer das Publikum. Später machen die Vorstände von Sungrow, Chinas nach Börsenwert wertvollstem Solarkonzern, die Runde. Mit jedem Tisch, an dem sich wichtige Kunden des Konzerns versammelt haben, wird mindestens ein Gläschen getrunken. Je später der Abend, desto rötlicher die Köpfe.

China ist das unumstrittene Zentrum der globalen Solarindustrie. Fünf von sechs Photovoltaik-Paneelen werden im Reich der Mitte gebaut. Rund die Hälfte der neuen Solaranlagen weltweit dürften in diesem Jahr an die Stromnetze in der Volksrepublik angeschlossen werden. China allein hat im vergangenen Jahr so viele Photovoltaik-Anlagen in Betrieb genommen wie der Rest der Welt ein Jahr zuvor. Die Ranglisten der größten Unternehmen sehen aus wie Musikcharts, wenn Taylor Swift wieder zugeschlagen hat. Die vier größten Solarkonzerne der Welt sind allesamt chinesisch.

Der Ausbau der Eneuerbaren ist atemberaubend

Ist Robert Habeck, grüner Wirtschafts- und Klimaschutzminister des Landes, das die Energiewende erfunden hat, nun also in dem Land unterwegs, das diese verwirklicht? Wer auf die Erneuerbaren Energien in China schaut, muss zu diesem Schluss kommen. Der Ausbau von Solarenergie und Windkraft ist atemberaubend und Ausdruck chinesischer Ingenieurs- wie Organisationskunst.

In Westchina setzt die Volksrepublik den Traum um, den die deutsche Industrie einst mit Desertec träumte: Solaranlagen auf der Fläche ganzer Städte. Wüstenstrom, der über tausende Kilometer lange Leitungen in die Industriezentren gebracht wird – nur eben nicht in die an Rhein und Ruhr, sondern in die am Jangtse und andernorts an der chinesischen Ostküste.

Doch zwischen Nordostchina an der Grenze zu Sibirien und den Wüsten in Westchina ist viel Platz für Widersprüchlichkeiten. Denn einerseits stecken Solar- und Windindustrie nicht nur mitten im größten Boom der Geschichte, sondern gleichzeitig auch in einer tiefen Krise.

Die Ambitionen der Konzerne waren noch viel größer, sie bauten Fabriken, als gäbe es kein Morgen. Jetzt wissen sie nicht, wohin mit ihren ganzen Paneelen. Während Peking so tut, als gäbe es die Überkapazitäten nicht, setzt ein Solarkonzern nach dem andern in seinen Werken gerade die Produktion aus.

Grüne Geschichte mit schmutziger Seite

Und dann ist da noch die schmutzige Seite der Geschichte. Habeck trifft auf dem deutsch-chinesischen Klima- und Transformationsdialog, der vergangenes Jahr vereinbart wurde und dessen erste Sitzung am Freitag in Peking stattgefunden hat, auf den größten Klimasünder der Welt. Die Volksrepublik stößt laut Internationaler Energieagentur rund fünfmal so viel Kohlendioxid aus wie die gesamte Europäische Union, obwohl die Bevölkerung nur gut dreimal so groß ist. Selbst die USA kommen nur auf rund ein Drittel der chinesischen Klimagase.

China allein steht für mehr als ein Drittel der globalen Emissionen, doppelt so hoch wie der Anteil an der Weltbevölkerung. Die Emissionen je Person liegen rund zwei Drittel höher als in der EU. Selbst wenn man alle Klimasünden der Geschichte aufaddiert, ist China kurz davor, die EU zu überholen. Während Brüssel die Emissionen im vergangenen Jahrzehnt um ein Fünftel senkte, steigerte China seine um das Niveau der gesamten EU.

Der Hauptgrund dafür ist die Kohle. China ist nicht nur die Taylor Swift der globalen Solarbranche, sondern auch der Kohleindustrie. 95 Prozent der Kohlekraftwerke, die vergangenes Jahr ihren Baubeginn hatten, stehen in China. Zwei Drittel der neuen Kraftwerke, die vergangenes Jahr ans Netz gingen, sind chinesisch. Mehr als die Hälfte des globalen Kohlekonsums geht auf Chinas Konto. Der Klimaschutz der Welt steht und fällt mit der Volksrepublik.

Es raucht: Kohlekraftwerk nahe Schanghai
Es raucht: Kohlekraftwerk nahe SchanghaiAFP

In Berlin gibt es die Hoffnung, durch den Dialog und die Klimapartnerschaft, die zwischen jeweils zwei Regionen in den beiden Ländern vereinbart wurde, auf die Volksrepublik einzuwirken, damit das Land seine Emissionen früher senkt. Bisher soll das vom Ende des Jahrzehnts an geschehen. Manche Beobachter hoffen, dass der Wendepunkt früher kommt, möglicherweise schon in diesem Jahr.

Das entscheidende Kalkül: Geopolitik

Doch so sehr Klima- und Umweltfragen auch in Chinas Parteimedien inzwischen Thema sind, so sehr das Land mit Hitzewellen und Flutkatastrophen die Folgen des Klimawandels spürt und so groß die Fortschritte sind, die das ganze Land im Umweltschutz gemacht hat – das entscheidende Kalkül scheint bis heute die Geopolitik zu sein. Während Deutschland in die Nordstream-2-Falle tappte, schiebt China eine zweite Pipeline, die aus Russland Gas bringen soll und viel klimaschädliche Kohle ersetzen könnte, auf die lange Bank.

China verlangt günstigere Preise und will gleichzeitig nicht zu viel Energie aus einer Quelle beziehen, so tief die Freundschaft zwischen Xi Jinping und Wladimir Putin auch sein mag. Und lange bevor FDP-Chef Christian Lindner Erneuerbare Energien als „Freiheitsenergien“ entdeckte, setzte China auf Sonne und Wind, um energiepolitische Abhängigkeiten zu reduzieren. Das stößt allerdings auch in China an Grenzen. Der Netzausbau hält nicht Schritt, bis heute ist das Stromnetz zwischen den Provinzen fragmentiert.

Doch überall im Land arbeiten Firmen an Lösungen. Während vor allem die Grünen Deutschland international in einer Vorreiterrolle sehen und hoffen, dass deutsche Technik zum Exportschlager wird, der die schwächelnde Wirtschaft wiederbelebt, investieren Chinas neue grüne Energiekonzerne großflächig und längst in industriellem Maßstab in neue Lösungen. Gerade erst hat Peking knapp eine Milliarde Euro für Forschung an Feststoffbatterien bereitgestellt.

Wachstum mit Wasserstoff?

Auf dem „Global Renewable Energy Summit“, so der bescheidene Titel der eingangs beschriebenen Kundenkonferenz von Sungrow, führt der Konzern die Gäste durch seine Fabriken. Unter den Besuchern sind auch etliche deutsche Großinstallateure sowie ein Vertreter des Unternehmens Sonnen aus dem Oberallgäu.

Sungrow ist einst mit Wechselrichtern für Photovoltaikanlagen groß geworden, hat aber längst expandiert. Fünfzehn Wasserstoffprojekte hat das Unternehmen in ganz China. In einem Werbefilm wird ein Schiff vorgestellt, das auf dem Jangtse mit Wasserstoff unterwegs ist. Eine weitere Testanalage steht unweit des nagelneuen Konzernsitzes in Chinas aufstrebender Technologiehochburg Hefei, zweieinhalb Stunden westlich von Schanghai.

Dort können Mitarbeiter die Projekte im ganzen Land aus einem Kontrollraum zentral überwachen und steuern. Nebenan sind in einer Halle, in der es noch nach Farbe riecht, dutzende weiße Batteriespeicher so groß wie Schiffscontainer aufgereiht. Auf gigantischen 360.000 Quadratmeter will Sungrow hier Batteriespeicher produzieren.

Dass Habeck die Projekte kennt, ist unwahrscheinlich. Er ist das erste Mal in seiner Amtszeit nach China gereist. Ein Besuch bei einem der chinesischen Solar- oder Windriesen steht nicht auf dem vorab verbreiteten Reiseplan. Doch es vergeht zurzeit kaum eine Veranstaltung, auf der er nicht warnt, dass sowohl China als auch die USA massiv in grüne Technologien investierten, in Elektroautos, Wasserstoff und Solaranlagen. Er will deshalb mit zusätzlichen Subventionen Deutschlands Industrie stärken. Der Niedergang der deutschen Solarindustrie ist das abschreckende Beispiel, den es umzukehren gelte. „Das sind die Schlüsselindustrien der Zukunft. Davon sollte Europa nicht lassen“, sagte Habeck gerade erst wieder mit Blick auf die grünen Technologien.

Wenig Anlass für europäische Hoffnung

Eine Messe für Erneuerbare Energien in Schanghai gibt wenig Anlass für Hoffnung. Hunderte Unternehmen präsentieren hochmoderne, selbstentwickelte Speichersysteme, Wallboxen für Elektroautos und ihre Wasserstoffprojekte. Ausländische Akteure spielen keine Rolle, Deutschland ist fast nur mit den verschiedenen TÜV-Konzernen vertreten. Die Hallen sind nach Chinas Branchengrößen benannt, neben Sungrow etwa der weltgrößte Batteriehersteller CATL und etliche Solarmodulgiganten wie Longi oder JA Solar. „Die Hoffnungen, dass deutsche Klimaschutztechnik in der Breite zu einem neuen Exportschlager wird, ist schon seit längerem auf Sand gebaut“, sagt Jürgen Matthes, Leiter Internationale Märkte am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Karl Haeusgen, Präsident des Maschinenbauverbands VDMA, widerspricht und trommelt für seine Branche. „Es gibt viele Bereiche der Transformation, in denen europäische Unternehmen in einer guten Position sind“, sagt er. Als Beispiele nennt er Hochleistungs-Trafos für die Energiewende, Anlagen zum Anschluss von Offshore-Windanlagen oder Unterseekabel. All diese Produkte präsentieren auf der Messe aber auch chinesische Konzerne.

Haeusgen räumt ein: Den Gesamtmarkt im Maschinenbau dominiert China. „Das Land produziert so viele Maschinen wie die USA, Deutschland und Japan zusammen.“ Der Verbandschef warnt dennoch davor, in Deutschland zu stark auf die Technik aus China zu setzen und verweist auf Sicherheitsinteressen. „Wir sollten uns auch deshalb nicht unangemessen von Importen abhängig machen“, fordert er.

Mit im Regierungsflieger während Habecks Asienreise sitzt Henning Rath, der die Lieferketten von Enpal verantwortet. Das Unternehmen verkauft Systeme für die Energiewende wie Solaranlagen und Wärmepumpen. Seine Stromspeicher und Solarmodule bezieht Enpal derzeit ausnahmslos aus China, Partnerunternehmen ist JA Solar, nach den neuesten Ranglisten der zweitgrößte Solarmodulhersteller der Welt.

Dem mitgereisten Solar-Unternehmer geht es um „Symbiose“

Die Technik sei gut und günstig, heißt es von Enpal. In der EU hergestellte Solarzellen seien etwa drei Mal so teuer wie die der Chinesen. Die Preise für chinesische Module haben sich dank der rabiaten Konkurrenz gerade erst innerhalb weniger Monate halbiert und liegen nun nicht selten unterhalb der Produktionskosten.

Dennoch will Enpal jetzt zumindest in Bereichen wie den Solarmodulen, Wechselrichtern und Batterien Produktionslinien in Europa aufbauen. Rath spricht von „Leuchtturmprojekten“, die er auf der Reise in China anschieben will. Es gehe um eine „Symbiose zwischen unseren chinesischen Partnern und ihren EU-basierten Gegenstücken“.

Der Gedanke dahinter: Wer vor Ort produziert, ist weniger anfällig, wenn Politiker Importzölle für chinesische Ware erhöhen – wie schnell die kommen können, hat die EU mit den Autozöllen gerade erst unterstrichen. Auch die Logistikkosten, die durch die Piratenangriffe auf Frachtschiffe zuletzt deutlich gestiegen sind, könnten so sinken.

Rath lässt aber auch keinen Zweifel daran, wie gut China inzwischen technisch ist. Er rät, von der Volksrepublik zu lernen, technisch wie institutionell. „China hat durch Joint Ventures technologische Führungspositionen erreicht“, sagt er. „Dies ist auch das Geheimrezept, um die Fertigung in Europa wiederzubeleben.“ Auf dem Rückflug nach Berlin müsste er genug Zeit haben, Habeck das Rezept zuzustecken.