Bayern will tägliche Arbeitszeit von mehr als zehn Stunden ermöglichen

Zuerst einmal klingt der Vorstoß widersprüchlich: Längere Arbeitstage – für mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Das fordern Arbeitgeberverbände oder das Handwerk schon seit Jahren. Ihnen geht es dabei nicht um Mehrarbeit, sondern darum, dass sich Beschäftigte die Arbeit freier einteilen können.

Pünktlich zu den Beratungen der Arbeits- und Sozialminister der Länder von diesem Mittwoch im Saarland, verweist Bayern jetzt ebenfalls auf die starre gesetzlich geregelte Arbeitszeit – und will einen Arbeitstag von mehr als zehn Stunden einführen.

»Wir müssen die Arbeitszeitgesetze endlich an die Realität der Lebenswelten der Menschen anpassen«, sagte Arbeits- und Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) der »Rheinischen Post« . »Wir brauchen mehr Flexibilität, um Familie mit Beruf vereinbaren zu können – das steigert auch die Beschäftigungsquote.« Demzufolge sei ein erster wichtiger Schritt, für einzelne Arbeitstage in der Woche auf freiwilliger Basis und unter Beachtung des Arbeitnehmerschutzes Arbeitszeiten von mehr als zehn Stunden zu ermöglichen. Eine wöchentliche Arbeitszeit von 24 Stunden kann man so etwa flexibler auf zwei Tage verteilen.

Flexiblere Tage, nicht dauerhaft längere
Bislang schiebt der deutsche Gesetzgeber Arbeitszeiten von mehr als zehn Stunden einen Riegel vor: Acht Stunden am Tag ist die zulässige Höchstarbeitszeit, sie kann auf maximal zehn Stunden ausgedehnt werden, aber auch nur dann, wenn ein entsprechender Zeitausgleich gewährt wird. Zwischen Arbeitsende und Arbeitsbeginn müssen elf Stunden Ruhepause liegen.

Seit Jahren wird deshalb vom engen deutschen Arbeitszeit-Korsett gesprochen. Unternehmen, die Arbeitgeberverbände, der Zentralverband des Deutschen Handwerks, aber auch Parteien wie die FDP fordern deshalb, das Arbeitszeitgesetz zu lockern – und etwa statt der täglichen Arbeitszeit eine maximale Wochenarbeitszeit festzulegen. Auch Bayern hatte bereits 2019 angekündigt, mit einer Initiative im Bundesrat die gesetzlichen Arbeitszeitregeln flexibler gestalten zu wollen. Damals hieß es, viele Beschäftigte wünschten sich, die Arbeit der Familie zuliebe für ein paar Stunden unterbrechen zu können, am Abend die letzten beruflichen Arbeiten zu erledigen und am nächsten Tag wie üblich mit der Arbeit zu starten.

Dem Fachkräftemangel vorbeugen
Die aktuelle Forderung begründet die bayerische Arbeitsministerin Scharf auch mit dem Fachkräftemangel in Tourismus, Gastronomie und am Bau. Firmen müssten das Personal flexibler einsetzen können, um Angebote noch aufrechterhalten zu können. In der Vergangenheit stellten Expertinnen und Experten allerdings immer wieder fest : Dauernde Mehrarbeit schadet der Gesundheit.

Spigel