Zypern: Nirgends ist die EU dem Krieg im Nahen Osten so nah wie hinauf Zypern

Gerade einmal 240 Kilometer ist die zyprische Hauptstadt Nikosia von der libanesischen Hauptstadt Beirut entfernt – das entspricht in etwa der Strecke zwischen Berlin und Erfurt. Doch Zypern liegt nicht nur in der Nähe der Konfliktgebiete im Nahen Osten. Die bei Urlaubern beliebte Mittelmeerinsel wurde seit Beginn des Irankriegs auch selbst zum Ziel von Angriffen.

Was würde passieren, wenn Zypern deshalb den EU-Bündnisfall ausriefe? Warum gibt es eigentlich britisches Hoheitsgebiet auf der Insel? Und weshalb verläuft mitten durch Zypern eine Grenze? Die wichtigsten Fragen zur aktuellen Situation auf Zypern und zur Geschichte der Insel –

Wie ist die aktuelle Lage auf Zypern?

Im Zuge des Irankriegs hat sich auch die Sicherheitslage auf Zypern verändert. Die Insel ist seit den Siebzigerjahren faktisch geteilt in einen Nord- und einen Südteil. Im Süden liegen zwei britische Militärstützpunkte. Sie sind nur rund 230 beziehungsweise 250 Kilometer vom Süden des Libanon entfernt, von wo die mit dem Iran verbündete Hisbollah-Miliz agiert. Nirgends ist die EU dem Konflikt im Nahen Osten so nah wie hier.

Als Reaktion auf die israelischen und US-amerikanischen Angriffe auf den Iran kündigten das iranische Regime und die Streitkräfte Vergeltungsangriffe an. Diese gelten einerseits Israel sowie US-Stützpunkten in der Region. Andererseits richten sie sich gegen Länder, die aus Sicht der iranischen Führung mit den USA und Israel verbündet sind.

In der Nacht zum 2. März – weniger als zwei Tage nach Beginn des Krieges – wurde der britische Luftwaffenstützpunkt Akrotiri mit einer Drohne angegriffen. Er liegt in der Nähe von Limassol im Süden Zyperns. Durch den Angriff entstand geringer Schaden, es gab keine Verletzten. Bei der Drohne handelte es sich um eine vom Typ Shahed, nach iranischer Bauart, wie sie auch Russland im Krieg gegen die Ukraine einsetzt. Zwei weitere Drohnen, die in Richtung Zypern unterwegs waren, konnten abgefangen werden.

Infolge des Angriffs wurde der Flugverkehr über der Insel zeitweise eingestellt. Zudem hat Zypern eine Warn-App aktiviert, über die Bürger den nächstgelegenen von insgesamt rund 2.200 Schutzräumen finden können. Aktuell gilt die Situation in dem Land jedoch als relativ ruhig und sicher. Auch das Auswärtige Amt hat keine offizielle Reisewarnung für die Insel herausgegeben, obschon „weitere sicherheitsrelevante Vorfälle nicht ausgeschlossen werden“ könnten.

Ein Kampfflugzeug vom Typ Typhoon auf dem britischen Militärstützpunkt Akrotiri auf Zypern
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Ist die EU zur Verteidigung Zyperns verpflichtet?

Zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union gilt eine Beistandspflicht. In ihren Grundzügen ähnelt die entsprechende Klausel des EU-Vertrags dem Artikel fünf der Nato-Charta – dem sogenannten Bündnisfall, laut dem ein Angriff auf ein Nato-Land als ein Angriff auf das gesamte Verteidigungsbündnis gilt. Doch der EU-Vertrag geht nicht ganz so weit. In Artikel 42 des Vertrags über die Europäische Union heißt es in Absatz sieben:

Im Falle eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats schulden die anderen Mitgliedstaaten ihm alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung.

Vertrag über die Europäische Union

Allerdings ist diese Klausel mit Einschränkungen versehen. So muss der Bündnisfall erstens mit der Charta der Vereinten Nationen vereinbar sein. Zweitens sieht der EU-Vertrag für Nato-Mitgliedsländer die Hoheit für die Verteidigungspolitik bei der Nato, nicht bei der EU. Da Zypern zwar EU-, nicht jedoch Nato-Mitglied ist, ist die Einschränkung in diesem Fall irrelevant.

Besonders wichtig: Artikel 42 des EU-Vertrags legt nicht wörtlich fest, dass die EU-Partner eines angegriffenen Landes zur militärischen Unterstützung verpflichtet sind. Sie könnten sich demnach auch entscheiden, das angegriffene Land auf anderem Wege zu unterstützen.

In der Geschichte der EU wurde der Beistandsartikel bislang erst einmal aktiviert – nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015. Zypern hat sich bislang nicht auf den Beistandsfall berufen. Dennoch schickten die EU-Partner Unterstützung. So entsandte Griechenland mehrere F-16-Kampfjets und zwei Fregatten. Frankreich schickte eine Fregatte, Luftabwehr- und Anti-Drohnen-Systeme sowie einen Flugzeugträger. Auch Italien, Spanien sowie die Niederlande entsandten Schiffe nach Zypern. Das türkische Militär verlegte zudem sechs F-16-Kampfjets nach Nordzypern, um die dortige Bevölkerung zu schützen.

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Ist ganz Zypern in der EU oder nur der Süden?

Formell gehört ganz Zypern zur Europäischen Union. Die Republik Zypern entstand im August 1960 durch die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Großbritannien und umfasst die ganze Insel, wie sie auch auf der Flagge des Landes abgebildet ist. Im Mai 2004 trat der Staat der EU bei.

Die Flagge der Republik Zypern zeigt die gesamte Insel.

Durch die Teilung Zyperns in einen Nord- und einen Südteil ergibt sich jedoch eine besondere Situation: Das EU-Recht gilt nicht auf der gesamten Insel. „In Gebieten, in denen die zyprische Regierung keine wirksame Kontrolle ausübt, ist das EU-Recht ausgesetzt“, schreibt die Europäische Union. Gemeint ist damit der türkisch kontrollierte Nordteil der Insel.

Dennoch sind auch Bürger des türkischen Teils der Insel EU-Bürger. Sie haben neben dem Pass der nur von der Türkei anerkannten Türkischen Republik Nordzypern auch das Recht auf einen zyprischen EU-Pass.

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Warum ist Zypern geteilt?

Wer die politische Situation auf Zypern verstehen will, muss in die Geschichte der Insel schauen und in die des türkisch-griechischen Verhältnisses. Griechenland stand lange unter osmanischer Herrschaft und wurde erst im 19. Jahrhundert durch einen Krieg unabhängig. Doch mit dem zunehmenden Verfall des osmanischen Reichs spitzten sich die Konflikte auf dem Balkan, in Griechenland und der Türkei zu.

Auf die Balkankriege Anfang des 20. Jahrhunderts folgte der große Bruch: der griechisch-türkische Krieg der Jahre 1919 bis 1922, der unter anderem einen Bevölkerungsaustausch zwischen beiden Ländern zur Folge hatte. Nach 1945 wurden beide Staaten Teil des westlichen Blocks und traten der Nato bei, doch zeitgleich spitzte sich der Konflikt um Zypern zu.

Auf Zypern lebten und leben griechische und türkische Zyprer. Während der Zeit Zyperns als britische Kronkolonie verfolgten sie mit Unterstützung des jeweiligen Festland-Staats eigene, nationale Unabhängigkeitsbestrebungen – teils mit dem Ziel, die Insel an das griechische oder türkische Festland anzuschließen, teils mit dem Ziel eines eigenen zyprischen Staats.

1960 wurde Zypern unabhängig. Wenige Jahre später richteten die Vereinten Nationen aufgrund der weiter eskalierenden Gewalt eine Friedensmission ein. Doch der Einfluss aus der Türkei und Griechenland nahm weiter zu und die Konfliktparteien auf Zypern radikalisierten sich. 1974 kam es zu einem von der griechischen Militärjunta unterstützten Putsch gegen den zyprischen Präsidenten, in dessen Folge das türkische Militär einmarschierte. Es kam zu heftigen Kämpfen, zu Vertreibungen und zur faktischen Teilung der Insel in einen türkisch dominierten Nord- und einen griechisch dominierten Südteil. Diese Teilung hält bis heute an – trotz diverser diplomatischer Initiativen, wie etwa unter dem früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan.

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Besteht Zypern aus einem Land oder aus zwei Ländern?

Völkerrechtlich gesehen ist Zypern ein Land – die Republik Zypern, die die gesamte Insel umfasst. Der Staat wird international breit anerkannt, nicht jedoch von der Türkei. Diese wiederum erkennt als einziges Land der Welt die 1983 im Nordteil der Insel gegründete sogenannte Türkische Republik Nordzypern an.

Der Nordteil gilt völkerrechtlich als von der Türkei besetzt. Über die Insel zieht sich eine auch als Grüne Linie bekannte Pufferzone, die von einer Friedensmission der Vereinten Nationen überwacht wird.

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Warum ist Zypern nicht in der Nato?

Die zyprische Regierung strebt einen Beitritt zum Nato‑Verteidigungsbündnis an. 2024 verkündete sie, in Abstimmung mit der US-Regierung einen detaillierten Plan ausgearbeitet zu haben, der in eine Nato-Mitgliedschaft des Inselstaats münden soll.

Auch nach den jüngsten Angriffen im März 2026 bekräftigte Präsident Nikos Christodoulidis die Bestrebungen. Man treffe bereits Vorbereitungen, um bei gegebener Zeit entsprechend handeln zu können. „Wenn es möglich wäre, würden wir sogar morgen einen Antrag einreichen“, sagte Christodoulidis dem griechischen Sender Skai.

Doch ein Nato-Beitritt Zyperns in naher Zukunft ist sehr unwahrscheinlich. Grund dafür ist der ungelöste Zypernkonflikt. Die Türkei besteht auf einer Zweistaatenlösung für die Insel. Eine Wiedervereinigung hält Präsident Recep Tayyip Erdoğan für ausgeschlossen. Zugleich ist die Türkei selbst Teil der Nato. Neue Mitglieder nimmt das Bündnis nur auf, wenn sich alle Nato-Staaten einstimmig dafür aussprechen. Eine Zustimmung der Türkei zum Nato-Beitritt eines Landes, das sie formell nicht anerkennt, gilt als ausgeschlossen.

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Welche Rolle spielt Großbritannien auf Zypern?

Neben Griechenland und der Türkei hat wohl kein anderes Land so starken Einfluss auf Zypern wie Großbritannien. Die Insel war ab 1878 unter britischer Verwaltung, wurde 1914 annektiert und war ab 1925 offiziell eine Kolonie der britischen Krone.

Nach der Unabhängigkeit wurde Großbritannien neben Griechenland und der Türkei eine der drei Garantiemächte des Inselstaats. Zugleich sicherte sich das Königreich einen Sonderstatus der beiden Militärbasen Akrotiri und Dekelia: Diese verblieben formell unter britischer Souveränität und gelten damit bis heute als britisches Überseegebiet. Auch an der UN-Friedensmission auf Zypern ist das britische Militär beteiligt.

Mit Material der Nachrichtenagenturen AFP und dpa

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