„Den darf ich nicht annehmen“, sagt die Frau am Schalter, ohne aufzusehen. „Werfen Sie den Widerspruch vorne in den Briefkasten.“ Kurz nach der Öffnung des Jobcenters stehe ich am Schalter. In meiner Hand halte ich das Dokument, das über Miete und Lebensmittel der nächsten Monate entscheiden wird. Es ist der letzte Tag der Frist.
Ich fürchte, dass der Brief verschwinden könnte. Oder dass jemand behaupten wird, er sei nie angekommen. „Gibt es einen Stempel, eine Empfangsbestätigung, irgendeinen Beweis, für meinen Widerspruch?“, frage ich – es geht hier schließlich um meine Existenz. „Nein“, erwidert sie trocken, während ihr Blick am Monitor kleben bleibt.
Das Behördenmantra: Aufstieg ist möglich
Ich bin Sounddesigner, Anfang 30, und lebe derzeit in Norddeutschland. Meine Branche ist heiß umkämpft. Wer einmal im Bereich Film- oder Gamemusik arbeiten möchte, der braucht vor allem Kontakte und Vitamin B. Mein Handwerk besteht eigentlich darin, Schwingungen zu analysieren und jedem Geräusch seinen richtigen Platz im Mix zuzuweisen – hier im Jobcenter bin ich das Störsignal.
Draußen im Flur hängen Plakate über Aufstiegschancen. In diesem Büro, in dem ich wenig später sitze, wo die Zeit stehengeblieben scheint, habe ich das Gefühl, es will Leute unten halten. Ausdruckslos starrt auch diese Beraterin auf ihren Bildschirm und liest in meiner Akte. Ich sitze direkt vor ihr, aber sie scheint mich eher als lästiges Pop-up-Fenster in ihrer Software wahrzunehmen. Stur geht sie eine Liste vermeintlich fehlender Unterlagen durch, die längst in physischer Form vor ihr auf dem Tisch liegen.
Ich habe wirklich alles dabei, sichere ich ihr zu. Unbeirrt liest sie weiter. Vorsichtig beginne ich, Fragen zu einer Überbrückungslösung zu stellen. Sie blickt auf – endlich. Beantworten kann sie mir die Fragen aber nicht. Als ich ihr den Widerspruch reiche, wiederholt sie das Mantra: „Ich darf den nicht annehmen“.
Funktionieren wie ein Uhrwerk trotz Krise
Als meine Mutter starb, geriet mein Leben aus den Fugen. Der Apparat jedoch verlangte von mir, weiter zu funktionieren, so als sei nichts geschehen. Die Depression, wegen der ich vorher bereits in Behandlung war, wurde in dieser Zeit zu meinem größten bürokratischen Feind. Während das Amt lückenlose Mitwirkung verlangte, lähmte mich die Trauer so sehr, dass schon das Öffnen eines Briefes Unmengen an Überwindung kostete.
Ich schaffte es nicht, Grundbuchauszüge und Nachweise fristgerecht beizubringen; Dokumente verschwanden in Stapeln, für deren Bearbeitung mir die Kraft fehlte. Was das System als mangelnden Willen protokollierte, war in Wahrheit Erschöpfung und Trauer. Durch den Tod meiner Mutter erbte ich einen Bruchteil des Hauses, in dem mein Vater weiterhin lebt – so stand ich plötzlich ohne Bezüge da.
Die Beraterin im Jobcenter sagt mir, ich solle die fehlenden Unterlagen „einfach so“ nachreichen. Also ohne Widerspruch einzulegen wegen des fehlenden Geldes der letzten Monate. Denn ohne Widerspruch ginge es schneller. Ich hatte mich vorher in verschiedensten Stellen beraten lassen, um diesen Widerspruch so zu verfassen, dass man mir keinen Strick daraus drehen kann. Bin von einer Sozialberatung in die nächste gezogen, um wirklich sicher zu sein. Ich sei im Recht, wurde mir dort gesagt, das Geld stehe mir zu.
Unvorhersehbares ist nicht vorgesehen im Jobcenter
Von dem Vorschlag der Jobcenter-Mitarbeiterin bleibe ich fasziniert zurück: Wenn ich also auf mein Recht auf das fehlende Geld der letzten Monate verzichte, geht die Bearbeitung meiner Rechtlosigkeit zügiger voran. Ich vertraue diesem System nicht mehr. Draußen mache ich ein Foto von dem Moment, in dem ich den datierten Umschlag einwerfe. Ein Beweisfoto für den Fall, dass der Briefkasten über Nacht seinen Inhalt vergisst.
So beginnen viele Tage in meiner Woche – mit Warten. Warten auf Beratung, warten auf Post, warten auf Geld. Auf Entscheidungen, denen ich völlig ausgeliefert bin. Schon früher scheiterte ich an der Unflexibilität des Behördenapparates. Als ich in einem Club arbeitete, bekam ich ein unregelmäßiges Einkommen. Das war schon zu viel für die stringente Logik des Amtes.
Unvorhersehbares ist nicht vorgesehen, und dass das Geld der Schichten allein nicht zum Überleben reichte, war ein mathematisches Rauschen, welches die Software herausfilterte. Den Job gab ich schließlich auf. Nicht, weil ich nicht arbeiten wollte, sondern weil ich mir den Luxus der Erwerbstätigkeit beim Jobcenter nicht leisten konnte.
Trauer und Scham
Nach dem Tod meiner Mutter kämpfte ich gegen die Unterstellung des Amtes, dass dieser fiktive Anteil an einem bewohnten Haus mich magisch ernähren würde. Ich versuchte den Beratern zu erklären, dass man Steine schlecht essen kann und dass mein Vater vermutlich wenig begeistert wäre, wenn ich anfinge, die Fensterrahmen zu verscherbeln, um mir davon Lebensmittel kaufen zu können.
Das Gesetz kennt den „Härtefall“, aber in der Schalterpraxis ist Trauer keine Währung, die akzeptiert wird. Während ich mich durch Paragrafen des Erbrechts wühlte, verschuldete ich mich bei Freunden und Familie, um meine Miete zu zahlen, und versank in Trauer und Scham. Wer nicht funktioniert, verliert sein Recht auf Existenzsicherung. Die Depression wird zur Verwaltungsnummer, die Trauer zum Formfehler.
Auch die Vermittlung scheint in ihrer eigenen Realität zu operieren. In meinem ersten Beratungsgespräch hing eine große USA-Flagge mit einem Monstertruck im Büro des Vermittlers. Ein Altar des Mottos „Jeder ist seines Glückes Schmied“, das mich sofort spüren ließ, dass ich hier fehl am Platz war. Auch mit meinen lackierten Fingernägeln.
Ein Programmierer, der nicht programmieren kann
Nach eindringlicher Erklärung, mein Studium im Bereich Sounddesign habe weder mit Produkt- noch mit Mediendesign zu tun, wurde ich kurzerhand in die Kategorie „IT“ einsortiert. Vermutlich wegen der Stecker und Kabel. Fortan erhielt ich fast ausschließlich Vermittlungsvorschläge für Programmier-Jobs. Mein Hinweis, dass ich mich zwar mit Audiosoftware auskenne, jedoch nicht mit Programmiersprachen, traf auf taube Ohren.
In der Akte bin ich bis heute ein Programmierer, der nicht programmieren kann. Aus Angst vor Sanktionen verbrachte ich Wochen damit, Softwarefirmen zu erklären, warum ich mich zwar bewarb, aber keinen Schimmer von dem hatte, was sie in ihrer Stellenausschreibung einforderten.
Nach monatelangen Kämpfen sind Miete und Lebensmittel nun wieder sicher. Die Bürokratie findet aber immer einen Weg, um einen erneut aus der Bahn zu werfen. So kostet mich die Zuneigung meiner Großmutter momentan fünfzig Euro im Monat. Was als einmaliges Geschenk gedacht war, wird in den Tabellen des Amtes kurzerhand zum regelmäßigen Einkommen umgedeutet. Ein Geldgeschenk ist in diesem Kosmos kein Akt der Liebe, sondern ein unzulässiger Eingriff in den staatlichen Kürzungsplan.
Ein erschöpfender Prozess
Währenddessen liegt mein Überprüfungsantrag zur Anerkennung meines Rechtes aus der Vergangenheit irgendwo in einem Stapel, der für die Ewigkeit gebaut ist. Seit Monaten habe ich nichts gehört. Ein Schweigen, das System zu haben scheint.
Zu Hause angekommen, schlage ich den Ordner auf. Ein mittlerweile monströser Berg aus Papier und gepresster Pappe und Metallschienen, der längst mehr über mich weiß als ich selbst. Das Foto vom Briefkasten lege ich obendrauf – mein Maskottchen gegen das Vergessen. Während ich den Hebel nach unten drücke, presse ich meine eigene Geschichte ein Stück in Form, damit sie in das genormte Raster passt.
Es ist ein erschöpfender Prozess. Meine Trauer wurde ein Härtefallparagraf, meine Oma eine unzulässige Geschenke-Zahlerin und mein Studium ein technischer Irrtum.
Ich hefte den heutigen Tag ab, schließe den Deckel und spüre der Stille nach, die dieses System übrig lässt. Nun heißt es wieder zu warten. Auf den nächsten Bescheid, der mir erklärt, wer ich laut Aktenlage zu sein habe. Mein Leben weggeheftet und einsortiert, bis von mir selbst nichts mehr übrigbleibt.