Zur Leipziger Buchmesse: Die wichtigsten Romane des Frühjahrs

Gemeinde am Rand des Braunkohletageabbaus

Das fiktive Sanditz ist eine kleine Gemeinde am Rand des Braunkohletageabbaus, der zu DDR-Zeiten mit ihrer Umgebung zugleich das Herz weggebaggert worden ist.

Lukas Rietzschel: „Sanditz“dtv

Lukas Rietzschel macht diesen Ort zum Schauplatz seines gleichnamigen Buches, das sich offensiv in die Geschichte des Wenderomans einschreibt – aber zugleich auch von der jüngsten Zeitgeschichte während der Covid-Pandemie handelt.

Unser Rezensent Andreas Platthaus schreibt in seiner Rezension: „Dieser grundpolitische Roman ist auch ein höchst intimer.“ Er erkennt darin das bisherige erzählerische Meisterstück des 1994 geborenen Lukas Rietzschel.

Lukas Rietzschel: „Sanditz“. Roman. Dtv, München 2026. 480 S., geb., 26 Euro.

Klavierunterricht seit sie vier ist

Und noch ein bedeutender Roman dieses Frühjahrs führt in die Geschichte der DDR: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ hat Helene Bukowski ihren genannt, mit dem sie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“Claasen

Die Protagonistin heißt Christina und wird 1961 in Leipzig geboren. Als sie vier Jahre alt ist, beginnt ihr eigener Vater, sie am Klavier zu unterrichten. Ihr Talent ist groß, doch eine „Spezialschule“ für sie wird sich als heruntergekommenes Musikinternat in Sichtweite der Berliner Mauer herausstellen. Dort raunt man: „Üben, üben, üben, dann geht’s auch nach drüben.“

Aber für Christina kommt es ganz anders. Über diese auf realen Ereignissen beruhende Fiktion schreibt unser Rezensent Jan Brachmann: „Wie dieses Leben tatsächlich endete, bleibt ein Rätsel. Bukowski lässt dieses beunruhigende Rätsel regungslos stehen, ohne einen Thriller daraus machen zu wollen.“

Helene Bukowski, „Wer möchte nicht im Leben bleiben“. Claassen Verlag, Berlin 2026, 384 Seiten, 24 Euro.

In einem Käfig unter der Erde

Jacqueline Harpman, „Ich, die ich Männer nicht kannte“Klett-Cotta

Der nächste neue Roman ist eigentlich ein alter: Die belgische Autorin Jacqueline Harpman, die 2012 im Alter von 82 Jahren starb, schrieb „Ich, die ich Männer nicht kannte“, schon 1995.

Er handelt von 39 Frauen und einem Mädchen, die in einem Käfig unter der Erde eingesperrt sind. „Vieles an diesem Roman ist seltsam und unerklärlich“, schreibt Rezensentin Anna Vollmer. Ob es sich um ein feministisches Werk handelt, ist diskutabel.

Die rätselhafte, dystopische Erzählung nur als Kommentar zur heutigen Welt zu lesen, greife aber, so Vollmer, zu kurz.

Jacqueline Harpman: „Ich, die ich Männer nicht kannte“. Roman. Aus dem Französischen von Luca Homburg, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 224 Seiten, 24 Euro.

Hadern mit dem Bedeutungsverlust

Die Romane der Amerikanerin Elizabeth Strout spielen fast alle in Maine – so auch ihr neuester, „Erzähl mir alles“. Aus den Vorgängerromanen kennt man bereits zwei der Hauptfiguren: Olive Kitteridge, eine pensionierte Mathelehrerin, und Lucy Barton, eine New Yorker Schriftstellerin.

Elizabeth Strout. „Erzähl mir alles“Luchterhand

Im Hintergrund der Geschichte flackere die amerikanische Gegenwart auf, so unser Rezensent Tobias Rüther. Strouts fast durchweg weißes Personal, so Rüther, hadere mit Bedeutungsverlust bei gleichzeitigem Sendungsbewusstsein.

Die hübsche Aufmachung und Vermarktung mit Bildern von Strandpromenaden und Leuchttürmen passe allerdings gar nicht zum Inhalt von Strouts Büchern, so Rüther, denn: „Hier geht es um desolates Zeug.“

Elizabeth Strout, „Erzähl mir alles“. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Luchterhand Literaturverlag, München 2026, 400 Seiten, 25 Euro.

Wie denken die jungen Portugiesen?

Lídia Jorge: „Die Stunde der Nelken“Secession

Wie denken die Jungen über den großen historischen Augenblick der Alten?

Die 1946 geborene eine portugiesische Schriftstellerin Lídia Jorge lotet dies in ihrem neuen Roman „Die Stunde der Nelken“ aus, der die Ereignisse des politischen Umsturzes in Portugal 1974 teils als hintergründige Sozialkomödie erzählt, ohne aber die historischen Akteure mit Klarnamen zu benennen.

„Das Fesselnde an diesem Buch ist, dass es die Tatsachen des 25. April 1974 und seiner Folgen gar nicht braucht, um das Röntgenbild einer Gesellschaft zu liefern“, schreibt unser Rezensent Paul Ingendaay.

Lídia Jorge: „Die Stunde der Nelken“. Roman. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Nachwort von Michi Strausfeld. Secession Verlag für Literatur, Berlin 2026. 400 S., geb., 32 Euro.

Libanesen ohne Ruhe

Der libanesischen Diaspora gehören weit mehr Menschen an, als der kleine Libanon Einwohner zählt. Rabih Alameddine ist Teil dieser Diaspora, aber sein Roman „Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)“ spielt in Beirut.

Rabih Alameddine: „Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)“C.H. Beck

Der Libanon zeigt sich darin als Land, das seinen Bewohnern keine Ruhe gönnt, weil es ständig von Katastrophen heimgesucht wird. Zu ertragen sei das nur mit Humor, schreibt unsere Rezensentin Lena Bopp: „Alameddine bricht die Schwere der Er­eignisse mit einer sehr libanesisch anmutenden Mischung aus Sarkasmus und Slapstick.“

Auch hier geht es aber maßgeblich um Ereignisse aus dem Jahr 1975, als der Protagonist mitten im Bürgerkrieg ein sexuelles Initiationserlebnis hat.

Rabih Alameddine: „Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)“. Roman. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Verlag C.H. Beck, München 2026. 350 S., geb., 26 Euro.

Das Grauen im KZ Buchenwald

Auch Grégory Cingals neues Buch ist ein Roman, aber auch dieses gründet auf historischen Ereignissen: „Die letzten auf der Liste“ erzählt die abenteuerliche Geschichte dreier Männer, die das Grauen im KZ Buchenwald auf unwahrscheinliche Weise überlebten: Man gab ihnen die Identität von am Fleckfieber verstorbenen Mithäftlingen und verbrachte sie in Außenlager.

Grégory Cingal: „Die letzten auf der Liste“Kunstmann

Cingal nutze die Überlebensgeschichte als Ankerpunkt, schreibt unser Rezensent Niklas Bender, um die Ab­sur­dität der Verwaltung, die Grausamkeit der Arbeitseinsätze und die sehr un­terschiedlichen Haltungen von Tätern und Opfern deutlich zu machen.

Bender hat allerdings Bedenken angesichts des Erzähltons und fragt: „Warum dieses Unwahrscheinliche auch noch reißerisch erzählen?“

Grégory Cingal: „Die letzten auf der Liste“. Roman. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz. Verlag Antje Kunstmann, München 2026. 304 S., geb., 25 Euro.

Unsere Abhängigkeit

Der 1979 in Kansas geborene Ben Lerner kommt von der Lyrik her, und das merkt man auch seiner Prosa an.

Ben Lerner: „Transkription“Verlag

Sein neuer Roman „Transkription“ ist nicht lang, aber dafür hochverdichtet: Er beschreibt einen neunzigjährigen Künstler namens Thomas, der als Exilant an der amerikanischen Ostküste lebt, und seine Wirkung auf die Welt und seine Schüler.

Einer davon ist der Erzähler, der Thomas ein letztes Mal für ein Interview besucht – nur geht kurz vorher das Aufnahmegerät kaputt. Lerner nutze dies zu einer Reflexion über „die zunehmende Abhängigkeit unserer Wahrnehmung, unserer Erinnerung und somit unserer Persönlichkeit von technischen Geräten“, schreibt Rezensent Jan Wiele – und erschaffe damit einen melancholisch-witzigen Liebeserinnerungsroman.

Ben Lerner: „Transkription“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 156 S., geb., 24 Euro.

Von Libanon nach Lissabon

Noch einmal nach Portugal, aber auf ganz andere Weise, führt Stefan Gärtners Roman „Hotel Drei Jahreszeiten“.

Stefan Gärtner: „Hotel Drei Jahreszeiten“Verlag

Der Satiriker, der seit Langem für „Titanic“ schreibt, lässt darin zwei Frauen und zwei Männer in einem alten Mercedes von Hannover nach Lissabon tuckern.

Um genau zu sein, handelt es sich um ein „in SUV-Zeiten rührend zierlich und recht eigentlich zivil wirkendes Auto, Reihe W 115“, so der Rezensent Edo Reents, der an dem Buch „eine gewisse wahlverwandtschaftliche Anordnung, inklusive chemischer Anziehungs- und Abstoßungsreaktionen“ erkennt,  „aber ohne innere Hochspannung oder Tragik“.

Hier herrsche eher ein humoristisch-re­signativer Geist nach Art von Jean Paul oder Wilhelm Raabe.

Stefan Gärtner: „Hotel Drei Jahreszeiten“. Roman. Literaturverlag Droschl, Graz 2026. 254 S., geb., 24 Euro.

Marx statt Therapie

Ein gar nicht mal so außergewöhnliches Problem hat die Hauptfigur in Dana von Suffrins neuem Roman „Toxibaby“: Der so bezeichnete Mann kann weder mit Geld umgehen noch Lohnarbeit ertragen.

Dana von Suffrin: „Toxibaby“Kiepenheuer & Witsch

Statt in Therapie zu gehen, zitiert Toxi lieber dauernd Marx, Lacan und Foucault. Wir erfahren das aus dem Mund der Ich-Erzählerin Herzchen Goldstein, deren Zusammenleben mit Toxi scheitert.

Herzchen hält Schuld für eine jüdische Krankheit, traut sich aber nicht, das ihrer Therapeutin zu sagen.

Der Roman „Toxibaby“ könnte „Popliteratur samt beziehungsunfähiger, gut gekleideter Prota­gonisten sein“, sagt unsere Rezensentin Anna Weiss –  entdeckt aber noch mehr darin, etwa die Geschichte einer Sucht und einen Angriff aufs Bildungsbürgertum.

Dana von Suffrin, „Toxibaby“. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 240 Seiten, 23 Euro.

Stadt der Zukunft

Mkrtitsch Armen: „Jerewan“Guggolz

Vor hundert Jahren wurde die armenische Hauptstadt grundlegend umgestaltet.

Mkrtitsch Armens verspielter und hochliterarischer Roman „Jerewan“ stammt aus dem Jahr 1931 und erzählt von einem jungen Architekten, der seine Heimat vernichten soll, um die Stadt der Zukunft zu bauen, für die neuen Menschen der Sowjetzeit.

Aber wie soll sie aussehen – funktional, praktisch und überall gleich oder bei aller Innovation traditionsbewusst und lokal verwurzelt? Um diesen Konflikt darzustellen, wählt Armen ein seit der Romantik bewährtes, hier aber verblüffend effektives Mittel, so unser Rezensent Tilman Spreckelsen: „Er umstellt seinen Helden mit Spiegelbildern seiner selbst, mit Doppelgängern in Namen, Erscheinungsbild und Funktion, um daran verschiedene Wege aufzuzeigen, sich zu den An­forderungen innerhalb der kommunistischen Umgestaltung zu verhalten.“

Mkrtitsch Armen: „Jerewan“. Roman. Aus dem Armenischen und mit einem Nachwort von Susanna Yeghoyan. Guggolz Verlag, Berlin 2026. 347 S., geb., 26 Euro.

Source: faz.net