Zum Tod welcher Künstlerin Henrike Naumann: Sie widmete sich dem Osten, im Vorhinein es cool war

Staatskunst war der schlichte Titel, den Henrike Naumann ihrer Lecture Performance am 18. September 2025 im Museum der bildenen Künste in Leipzig gegeben hatte. Sie sprach über Erinnerungskultur, Geschichtsbilder und ihre Rolle als Künstlerin des Deutschen Pavillons auf der kommenden Biennale di Venezia. Dass sie selbst aus einem Land kommt, das es nicht mehr gibt, erwähnt sie bereits in den ersten zwei Minuten ihres Vortrags.

1984 in Zwickau (DDR) geboren, erzählt sie von frühen Erinnerungen als Kind an Modenschauen an der Hochschule für angewandte Kunst in Schneeberg: „Begeistert saß ich Jahr für Jahr auf dem Boden in der ersten Reihe, berauscht von den Eindrücken. Wenn ich heute Performances inszeniere, denke ich oft daran zurück und versuche, dieses Gefühl und diese Erfahrung dem Publikum zu vermitteln.“

An diesem Abend in Leipzig habe ich Henrike zum letzten Mal gesehen. Es war für sie eine wilde Woche zwischen Rom, Venedig, Berlin und Leipzig gewesen. Sie steckte schon mitten in den Vorbereitungen für den Deutschen Pavillon auf der kommenden Biennale.

Als am 26. Mai 2025 öffentlich geworden war, dass Kuratorin Kathleen Reinhardt neben Sung Tieu auch Henrike Naumann als künstlerische Position für den Deutschen Pavillon 2026 ausgewählt hatte, tanzte ich vor Freude durchs Büro. Seit Jahren stand im Raum, dass der Pavillon noch nie von einer ostdeutschen Kuratorin und noch nie von einer ostdeutschen Künstlerin bespielt wurde. Nun sollten gleich drei ostdeutsche Frauen den Olymp der zeitgenössischen Kunst rocken.

Ihre Geburtsstadt Zwickau versah Henrike Naumann immer mit dem Zusatz „(DDR)“

Noch 2022 formuliert Henrike Naumann, dass ihr in ihrem beruflichen Werdegang immer wieder deutlich geworden sei, dass sie sich als Frau aus dem Osten der Republik „mehr anstrengen, härter arbeiten und kompromissloser durchhalten muss“. Dies habe sie und ihre Arbeit entscheidend geprägt. Sie gehört zudem zu den wenigen, die sich bereits zu einem Zeitpunkt dem Osten gewidmet haben, als es noch nicht hip, cool und Thema von Polit-Talkshows war.

Ich bin 1989 geboren – noch in der DDR. Wir sind beide Frauen aus dem Osten, haben beide unsere Jugend im Umland von Chemnitz erlebt. Lange war mir meine ostdeutsche Herkunft eher unangenehm, war ich stolz darauf, als gebürtige Leipzigerin kaum Dialekt zu sprechen und nicht sofort als Ossi gelesen zu werden.

Henrikes selbstbewusster Umgang mit ihrer Herkunft in der Kunstwelt war mir Vorbild und Motivation: Bis zuletzt bestand sie darauf, ihre Geburtsstadt Zwickau mit dem Zusatz „(DDR)“ zu versehen. Seit ich das zum ersten Mal auf ihrer Homepage sah, ergänze ich meine eigene Kurzbiografie um „wurde acht Monate vor der Maueröffnung in der DDR geboren“.

Selbstbewusst stand Naumann da zwischen Gerhard Schröder und Helmut Kohl

Wir sind uns leider nur ein paar Mal persönlich begegnet. Zu den Highlights zählt unser Besuch im Bundeskanzleramt. Auf Initiative des damaligen Ostbeauftragten Carsten Schneider hatte Gitte Zschoch, die Generalsekretärin des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, eine Gruppe geballter Ostkompetenz aus dem Kulturbereich zusammengestellt, um über Fragen der Förderung von Kunst und Künstler:innen zu sprechen.

Henrike hat große Freude an diesem 90er-Jahre-Bau – es ist voll ihre Zeit. Schon im Foyer machen wir ein Gruppenfoto mit ihrer analogen Kamera. Spaß haben wir vor der Kanzlergalerie. Auf den eingescannten Fotos, die Henrike uns wenige Tage später schickt, steht sie selbstbewusst zwischen Schröder und Kohl.

In den 16 Jahren Ihrer Amtszeit habe ich täglich künstlerisch daran gearbeitet, Bilder und Sprache für die Fragen unserer Zeit zu finden

Henrike Naumann 2021 an Angela Merkel

Bereits am 22. Juli 2021 hatte Henrike der damals noch amtierenden Kanzlerin einen Brief geschrieben, in dem sie ihr offensiv anbietet, ihr Porträt für die Galerie anzufertigen. Die formierenden Jahre ihrer künstlerischen Laufbahn würden sich zeitlich mit Angela Merkels Kanzlerschaft decken:

„In den 16 Jahren Ihrer Amtszeit habe ich täglich künstlerisch daran gearbeitet, Bilder und Sprache für die Fragen unserer Zeit zu finden. Es wäre mir eine große Ehre, all das in einem Porträt zum Ausdruck zu bringen.“ Das Porträt für Angela Merkel lässt bis heute auf sich warten.

Am Beginn jeder neuen Arbeit stand für Henrike ein Konzeptpapier. 2024 veröffentlichte sie einen ganzen Ordner mit fast 100 „CONCEPTS“, darunter auch der Brief an Merkel. Die spiegelpolierte Box aus Edelstahl enthält viele nicht realisierte oder nie veröffentlichte Projektpapiere – nun gleicht sie ihrem Testament.

Kultur ist Mittel, die Realität der DDR zu verstehen

Kunst und Kultur sind für meine, aber insbesondere auch für kommende Generationen ein wichtiges Mittel, die Realität der DDR und die Folgen der Wiedervereinigung zu verstehen und kritisch mit dem heutigen Geschehen in Verbindung bringen zu können. Henrike konnte das wie keine zweite: In Chemnitz befindet sich bis heute ein Wandgemälde ihres Großvaters. Karl Heinz Jakob hatte es 1960 für den Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt geschaffen.

Die Mechanisierung der Landwirtschaft, 11 Meter lang, 3,80 hoch, 2002 mit einer Trockenbauwand verdeckt. 2024 performt Henrike das Bild bei der Eröffnung der Pochen Biennale in Chemnitz mit einer Linedance-Gruppe und Streetdancern. „Mein Lebensziel ist es, es eines Tages wieder freizulegen“, sagte sie, als sie die Gäste begrüßte, so berichtet der Spiegel. Diesen Wunsch werden sich nun andere zur Aufgabe machen.

Bei der eingangs erwähnten Lecture in Leipzig hatte sie vergangenen September noch formuliert: „Mit meiner Ernennung als Künstlerin des Deutschen Pavillons im kommenden Jahr muss ich mich allerdings ebenfalls darauf einstellen, von zukünftigen Generationen von Künstlerinnen und Historikerinnen als Staatskünstlerin erforscht zu werden.“

Die Ausstellung für die Biennale in Venedig wird nach ihrem viel zu frühen Tod am 14. Februar 2026 nun angeleitet von Henrikes künstlerischer Vision umgesetzt.

Sarah Alberti ist Autorin, Moderatorin und Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt auf Kunst im öffentlichen Raum, Erinnerungskultur und Kunst und Kultur der DDR

AngelaArbeitAuslandsbeziehungenBauBerlinBildBundeskanzleramtCarstenChemnitzDDRDER SPIEGELDiDreiFörderungFrauenGenerationenGerhardHeinzHelmutIfaJakobJugendJuliKarlKindKohlKulturKunstLandwirtschaftLangLangeLeipzigMarxMerkelMotivationPerformancesRomSarahSchneiderSchröderSelbstSpiegelSpracheTalkshowsTestamentTodVenedigWiedervereinigungWildeZeitZwickau
Comments (0)
Add Comment