Zum Tod von José van Dam: Hut ab! Er war ein Genie

Gibt es sängerisches Genie? Wenn überhaupt einer, dann hat der Belgier José von Dam es besessen. Dem Ziel des französischen Gesangs, einst definiert als das „beau idéal“, ist er näher gekommen als jeder andere. Die Tugenden dieses Singens – Schönheit des Klangs, Prägnanz der Artikulation und Eloquenz der Aussprache – wusste er auch in der deutschen und italienischen Sprache zu offenbaren. Anders als die Handelsreisenden, die mit wenigen Star-Partien von Mozart und Wagner, Verdi und Puccini weltweit gastieren (und kassieren), hat er den ganzen Kreis seines Fachs ausgeschritten. „Nebenwerke“ hat er selbst für nur wenige Aufführungen studiert: ob Massenets „Don Quichotte“, Albéric Magnards „Guercœur, Olivier Messiaens „St. François d’Assise“ oder George Enescus „Œdipe“ – um nur fünf von drei Dutzend Partien zu nennen. Den Kreis des französischen, deutschen, italienischen Bassbaritonfachs hat er weiter ausgeschritten als jeder Fachkollege in den letzten sieben Jahrzehnten.

Nach dem Studium am Königlichen Konservatorium Brüssel hatte van Dam 1961 an der Pariser Oper sein Debüt gegeben. Weil selten und oft falsch eingesetzt, wechselt er an die Oper Genf. Das Bühnenhandwerk erarbeitete er sich dort mit Regisseuren wie Herbert Graf und Lotfi Mansouri. Lorin Maazel holte ihn 1967 an die Deutsche Oper Berlin. Dass Pilar Lorengar, Gundula Janowitz, Dietrich Fischer-Dieskau und Martti Talvela zu seinen Ensemble-Kollegen gehörten, begriff er als Herausforderung. An Vorbildern wie Jussi Björling und Fritz Wunderlich, Ezio Pinza und Cesare Siepi, Leonard Warren und Robert Merrill schulte er seine Klangvorstellungen. Imitation? Nein, die für die Profession unerlässliche Aneignung.

Hinsichtlich der Planung neuer Rollen wusste er, wie er betonte, genau abzuschätzen, was er seiner zwar klangreichen, von der Textur aber eher weichen Stimme zumuten konnte. Er hat ihr die Zeit gegeben, in dramatische Partien wie Wagners Holländer, Amfortas und Hans Sachs, Verdis Simon Boccanegra, Filippo oder Falstaff hineinzuwachsen; und er hat es verstanden, dabei seine stimmlichen Mittel nicht zu überfordern. Auch war ihm Neigung vieler Fachkollegen, durch die Mischung der Vokale A und O einen big sound herzustellen, fremd.

Ein schöner Lehrsatz für jüngere Kollegen: „Es ist durchaus nicht nötig, für ein großes Theater eine voluminöse Stimme zu haben. Wichtig ist deren Konzentration. Für den größtmöglichen Klang soll man mit dem kleinstmöglichen Atem singen. Sie wissen doch: Aus einem Gewehr mit einem Neun-Millimeter-Lauf wird eine Neun-Millimeter-Kugel 1000 Meter weit fliegen. Schießt man aus demselben Lauf eine Sechs-Millimeter-Kugel, fällt sie schon nach 100 Metern zu Boden. Man hat nicht den richtigen Druck, und die Luft entweicht ohne jede Wirkung. So ist es auch beim Singen.“

Herbert von Karajan holte ihn nach Salzburg, wo er 186 Aufführungen bestritten hat. Schon bald gehörte er zu den Favoriten des Dirigenten, unter dessen Leitung er in zwölf Gesamtaufnahmen gesungen hat. Die erste war Figaro in Mozarts Oper, eine gesanglich herausragende Darstellung. Details zum Überprüfen? Ob er in „Se vuol ballare“ das Glöckchen mit der halben Stimme – „Din, din“ – oder mit der vollen Stimme – „don don“ anschlägt, das von vielen gefürchtete F sitzt, so wie er den punktierten Achteln und Sechzehnteln in „Non più andrai“ feine Kontur zu geben weiß. Wie Figaro werden auch Leporello, der Holländer, Amfortas und Jochanaan als Referenzdarstellungen bewertet, ebenso wie sein Escamillo in der „Carmen“-Einspielung unter Sir Georg Solti.

Seine sensible Kunst der Klangschattierungen bewährt sich bei den diversen Rendezvous mit Teufelsfiguren wie in Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ oder in Charles Gounods „Faust“. Sie zeigt sich gerade im Verzicht auf jeden Mummenschanz – statt einer Grand-Guignol-Figur steht eine vielschichtige Klanggestalt. Noch faszinierender in Hector Berlioz’ Phantasmagorie „La Damnation de Faust“ unter Solti (1980) und Kent Nagano (1995). Als Méphistophélès ist er non pareil. Die Serenade gibt er mit einem irrlichternden Funkeln, das Flohlied mit sardonischem Witz, das Verführungslied „Voici des roses“ mit einer in Gift geträufelten Süße. Man mag bei dieser suggestion diabolique an die Rose von Edward Blake denken, die innen von einem Wurm zernagt ist.

Dass er für etliche seiner Partien über eine Zeit von mehr als drei Jahrzehnten in zwei, drei, selbst in vier Einspielungen gebraucht wurde, ist ein Alleinstellungsmerkmal. Der Liedersänger endlich gehörte, als Nachfolger von Pierre Bernac und Gérard Souzay, in die grande tradition. Am Dienstag ist der Ausnahmesänger José van Dam im Alter von 85 Jahren gestorben.

Source: faz.net