Zum Tod von Alexander Kluge: Produzent hinaus allen Feldern

Sein letztes Wort erschien in der F.A.Z., und es ist bezeichnend, dass es dem Tod eines Generationskollegen galt: Jürgen Habermas. „Wir bräuchten ihn jetzt“ war am 16. März Alexander Kluges Reminiszenz an den drei Jahre älteren Philosophen überschrieben, und er führte dort aus: „Der Tod meines Freundes setzt mich in Verwirrung und erfüllt mich in Trauer.“ Jetzt, so erschreckend schnell danach, ist Kluge selbst gestorben. Und alles, was er über Habermas gesagt hat, gilt auch für ihn.

Alexander Kluge kam am 14. Februar 1932 in Halberstadt zur Welt, und die Bombardierung seiner Heimatstadt kurz vor Kriegsende, das der Dreizehnjährige miterleben musste, war Ausgangspunkt all seines Denkens und Schaffens. Auch darüber hat er kürzlich noch in der F.A.Z. geschrieben: in einem vorletzten Wort, das der Schilderung eines anderen Bombenschreckens galt, dem „Feuersturm“ von Hamburg, durch den Schriftsteller Hinrich von Haaren in dessen kürzlich erschienenem Roman „Wildnis“. Niemand außer Kluge wäre sonst so kompetent gewesen, sowohl über einen Philosophen wie Habermas als auch über ein literarisches Werk zu schreiben. Denn Kluge war ein Künstler und Denker von gleich großem Rang.

Sein Durchbruch kam mit dem Film „Abschied von gestern“

Wer ihn traf, der konnte einen geistsprühenden Mann bewundern, dessen Assoziationsvermögen ebenso gewaltig war wie sein kulturgeschichtliches Wissen. Man konnte ihn gar nicht stoppen im Gespräch, denn der Knabe von 1945 war zu einem Intellektuellen herangewachsen, der immer noch ums Überleben kämpfte: das Überleben der Kultur. Ihm hat Kluge all seine Schaffenskraft gewidmet und auf die ungewöhnlichste Weise beigestanden.

Berühmt wurde er als Filmemacher, und sein Spielfilm „Abschied von gestern“ aus dem Jahr 1966, der damals auf den Filmfestspielen von Venedig Furore und seinen Regisseur damit schlagartig bekannt machte, ist das schönste Beispiel des „Neuen deutschen Films“, wie er nach dem Oberhausener Manifest entstand (an dem Kluge natürlich federführend beteiligt war). In „Abschied von gestern“ spielte Kluges jüngere Schwester Alexandra die Hauptrolle – jene Frau, die der ältere Bruder in der Bombennacht von Halberstadt als Mädchen verloren und verzweifelt gesucht hatte. Zwei Jahrzehnte später machte er aus ihr das Gesicht einer jungen Generation in der Bundesrepublik, deren Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderung und Abrechnung mit dem Nationalsozialismus sich erst einmal zerschlagen hatte. Die deshalb ästhetische Forderungen an den Staat stellte.

Alexander Kluge steht 2025 bei der Begrüßung neuer Mitglieder in den Orden Pour le merite auf der Bühne.dpa

Kluge blieb in der Nachfolge von „Abschied von gestern“ (und ganz im Widerspruch zu dessen Titel) ein der Zukunft zugewandter Chronist der Gegenwart, der aber seine Bezugsgrößen – ästhetische wie intellektuelle – aus der Vergangenheit gewann. Weitere Filmerfolge folgten, deren Titel legendär sind: „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ aus dem Epochenjahr 1968 und „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ von 1974 – Letzterer in Co-Regie mit seinem Freund Edgar Reitz, der nun der letzte lebende Gigant dieser Generation ist. Meisterhaft Kluges Episodenbeitrag zum Kollektivfilm „Deutschland im Herbst“ von 1978 über den RAF-Terror und dessen gesellschaftliche Folgen, für den er auf der Beerdigung von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe drehte. Diese dokumentarische Montage gab das Muster ab für das, was er seit den späten Achtzigerjahren leisten sollte.

Der Fernsehmann, der RTL und Sat.1 zur Weißglut trieb

Vor allem im Fernsehen, konkret mit seiner Produktionsgesellschaft dctp, mit der er 1987, kurz nach der Zulassung des Privatfernsehens in der Bundesrepublik, eine feste Sendeschiene ergatterte, pikanterweise im Rahmen der Programme der Kommerzsender RTL, Sat.1 und Vox, die alle unter dem ächzten, was Kluge da zur zweitbesten Sendezeit (am etwas späteren Abend) bei ihnen veranstaltete. Das war Fernsehen, wie man es noch nie gesehen hatte, ohne Rücksicht auf Sehgewohnheiten oder Halbbildung, also auch ohne großes Publikum, jedoch mit umso größerem Anspruch und mit einer Bildschirmästhetik, die in ihrer Künstlichkeit das deutsche Äquivalent zur britischen „Monty Python“-Serie war. Allerdings stets hochernst.

Es war Kulturberichterstattung und -debatte auf ganz persönliche Art. Mittendrin als Produzent und auch Gesprächspartner: Alexander Kluge selbst, dessen gleichzeitig tastende und insistierende Stimme unvergesslich ist. Und der außerdem (und dann nicht selten auf der Basis seiner Fensehrecherchen) als Ausstellungsmacher und Buchautor brillierte, auch die jedoch Lebensthemen für ihn. Der Schriftsteller Kluge war von seinem Beginn in den Sechzigerjahren an Suhrkamp-Autor und blieb es bis zuletzt. Die Bekanntschaften über dieses Haus spielten wieder seinem Kulturjournalismus in die Hände. Und mit dem Soziologen Oskar Negt bildete er ein meinungsstarkes akademisch prägendes Duo der Achtziger- und Neunzigerjahre.

Die große Kunst der Kollektivarbeit für ein individuelles Werk

n seinen Monographien betrieb Kluge eine Mischform aus Fiktion und Sachtexten, die umso lesbarer ist, als sie erzählerisch grundiert war – auch da kam seine Beschäftigung mit Film dem Autor zugute. Die zweibändige „Chronik der Gefühle“ wurde 2000 zum großen Erfolg, und in den letzten fünfzehn Jahren seines publizistischen Wirkens verlegte er sich auch auf Buchkooperationen mit Künstlern: Gerhard Richter, Georg Baselitz, Anselm Kiefers, um nur einige zu nennen. Mit ihnen teilte er die Nachkriegsgenerationserfahrung.

Aber selbst in solcher Gesellschaft blieb Kluge ein Solitär. Ein Tausendsassa, dem alles federleicht von der Hand zu gehen schien. Wer ihn aber über seine Projekte hat berichten hören und nicht nur deren Resultate sah und las, der lernte einen Mann bewundern, der es auch verstand, ein Kollektiv an Mitarbeitern auf sich einzuschwören, so dass ein ganz individuell erscheinendes intellektuelles Produkt herauskam. Alexander Kluge, der gestern im Alter von vierundneunzig Jahren in seiner Wahlheimatstadt München gestorben ist, war der größte Produzent, den Deutschland je gehabt hat.

Source: faz.net