Auf seiner Australienreise hat sich Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) im Bundesstaat Queensland angeschaut, welche Kampfdrohnen der amerikanische Flugzeug- und Rüstungskonzern Boeing für die australische Luftwaffe entwickelt hat. Was dort seit acht Jahren entwickelt wird, mehr als 150 Testflüge absolviert hat und kürzlich das erste Mal einen erfolgreichen Raketenabschuss demonstrierte, hat Pistorius offenbar gefallen. Die Kampfdrohne MQ-28, auch „Ghost Bat“ genannt, sei ein ernst zu nehmender Wettbewerber, sagte der Verteidigungsminister am Freitag vergangener Woche. Und Deutschland werde „so bald wie möglich“ eine Entscheidung zum Kauf von Drohnen treffen.
Bis 2029 will die Bundeswehr hunderte unbemannte Kampfflugzeuge beschaffen und zwar in einer Größe, die bemannte Jets in ihrem Einsatz begleiten. Die Drohnen sind an die zehn Meter groß und haben eine Reichweite von mehr als 5000 Kilometern, wodurch sie sich stark von Kamikaze- oder kleinen Abfangdrohnen unterscheiden. Sie sollen im Einsatz aufklären, bei elektronischer Kriegsführung helfen und die bemannten Kampfjets unterstützen – als Ablenkung oder mit eigenen Waffensystemen.
Für den deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall ist das die nächste Perspektive für einen Milliardenauftrag. Denn der Dax-Konzern hat mit Boeing eine strategische Partnerschaft geschlossen, um die „Ghost Bat“-Kampfdrohnen der Bundeswehr anzubieten. Das teilte Rheinmetall am Dienstagmorgen mit.
Rheinmetall als „Systemmanager“
Dabei sieht sich Deutschlands größter Rüstungskonzern zunächst nicht als Hersteller, sondern als „Systemmanager“ für die MQ-28 Deutschland, wie es in einer Rheinmetall-Mitteilung hieß. „Als Systemintegrator stellen wir sicher, dass Integration, Betrieb und Weiterentwicklung aus einer Hand erfolgen und stärken gleichzeitig die industrielle Wertschöpfung in Form eines industriellen Hubs in Deutschland und Europa“, sagte der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende Armin Papperger.
Perspektivisch könnte die Technologie für die Drohne wohl auch nach Deutschland übertragen werden, damit sie auch hierzulande hergestellt werden könnte. Eine solche Vereinbarung zwischen Australien und Rheinmetall gibt es bereits, der Rüstungskonzern produziert in Brisbane Truppentransporter.
Die Vermarktung unbemannter Kampfdrohnen passt für Rheinmetall auch zu einer anderen Kooperation mit amerikanischen Unternehmen: So stellt der Konzern für die Rüstungsgiganten Lockheed Martin und Northrop Grumman im nordrhein-westfälischen Weeze sogenannte Rumpfmittelteile für das Kampfflugzeug F-35 her. Die Bundesregierung hat in einem Zehn-Milliarden-Euro-Paket drei Dutzend der Kampfflugzeuge bestellt, die von 2027 an die Tornados ersetzen sollen.
Drohnen als Begleiter von Kampfflugzeugen
Die Kriegsführung der Zukunft will bemannte Flugzeuge stärker mit autonomen Drohnen vernetzen, in den USA haben die Marines gerade Northrop Grumman und den Drohnenhersteller Kratos Defense & Security Solutions beauftragt, ein unbemanntes Kampfflugzeug zu bauen, das an der Seite der Marine-Jets fliegen soll. Basis dafür ist die Kratos XQ-58 Valkyrie. Auf dieses System setzt auch der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus.
Ebenfalls bis 2029 will Airbus der Bundeswehr Kampfdrohnen liefern, die im Fachbegriff Unmanned Collaborative Combat Aircraft (UCCA) heißen. „Unser Ziel ist es, glaubwürdige Kampffähigkeiten zum entscheidenden Zeitpunkt bereitzustellen und dabei wichtige souveräne Aspekte zu gewährleisten“, ließ sich Marco Gumbrecht von Airbus Defence & Space Mitte März zitieren. „Und wir sind zuversichtlich, dass wir dies zu einem sehr erschwinglichen Preis tun können – was ein entscheidender Faktor für UCCAs ist.”
Diese Jagdbomberdrohnen will Airbus freilich mit den eigenen Eurofighter-Kampfflugzeugen kombinieren. Zwei Valkyrie-Drohnen hat der Flugzeughersteller gekauft, um sie am eigenen Standort in der Nähe von Ingolstadt mit europäischer Software umzurüsten. Die Elektronik der heutigen Eurofighter ist nicht auf eine Begleitung von Drohnen ausgerichtet, weil das eigene Rechner benötigt. Daher will Airbus einen „Pod“ genannten Behälter unter dem Rumpf montieren, um den Eurofighter damit zu einem „Kommandoflugzeug“ zu machen.
Noch ist die Ausschreibung der Bundeswehr nicht veröffentlicht, doch gibt es einen dritten Interessenten, abermals aus Deutschland: Der Drohnenhersteller Helsing hat sich mit dem Sensorspezialisten Hensoldt zusammengetan, um ebenfalls größere Kampfjetdrohnen herzustellen und sie der Bundeswehr anzubieten. Im Herbst haben die Unternehmen eine Konzeptstudie vorgestellt, eine elf Meter lange Drohnen namens CA-1 Europa. Die soll im Jahr 2027 das erste Mal abheben, aber trotzdem schon 2029 einsatzbereit sein. Helsing, das bislang vor allem für kleinere Drohnen bekannt ist, hatte zuvor den Flugzeughersteller Grob übernommen.