Zukunft welcher Filmfestspiele: Die Berlinale muss sich verwandeln

Es ist wieder passiert. Und es kann weiter passieren. Auch dieses Jahr haben die Gegner des israelischen Vorgehens im Gazastreifen die Berlinale für ihre Kampagne gekapert. Weil der Jurypräsident Wim Wenders auf die Frage eines Journalisten, wie sich das Festival zum „Genozid“ im Gaza verhalte, die Unabhängigkeit des Kinos von der Politik verteidigte, sagt die indische Schriftstellerin Arundhati Roy einen geplanten Auftritt ab. Und als die Berlinale-Intendantin Tricia Tut­tle ihre Jury mit einem Statement in Schutz nahm, reagierten mehr als achtzig Filmschaffende mit einem offenen Brief, der die angebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit auf dem Festival anprangerte.

So dreht sich das Empörungskarussell immer weiter. Die Filmfestspiele können wenig dagegen tun, denn ihre Selbstdarstellung als politisches, seit seinen Anfängen im Kalten Krieg für Demokratie und Freiheit einstehendes Festival gehört zu ihrem Markenkern. Ganz ungelegen kommt die öffentliche Aufregung wohl auch nicht, denn sie lenkt das Scheinwerferlicht der Medien auf ein Ereignis, das im Vergleich zur Konkurrenz an Glamour und Bedeutung eingebüßt hat. Die Frage ist, was davon übrig bleibt, wenn sich der Meinungsqualm verzogen hat.

Das Problem des Festivals liegt in der Spitze, nicht in der Breite

In den letzen Jahren ist die strukturelle Schwäche der Berlinale im Vergleich zu den beiden anderen Weltfilmfestivals immer stärker zutage getreten. In der medialen Wahrnehmung fallen die Filmfestspiele hinter Cannes und Venedig zurück. Dasselbe gilt für den Marktwert des Goldenen Bären und der anderen Auszeichnungen, die in Berlin verliehen werden. Bei den Oscars wie an den Kinokassen spielen Filme, die auf der Berlinale gelaufen und prämiert worden sind, so gut wie keine Rolle. Dabei zeigt das Festival mit seinen vielen Nebenreihen eine unschlagbar hohe Zahl an Beiträgen, in diesem Jahr an die dreihundert. Sein Pro­blem liegt nicht in der Breite. Es liegt in der Spitze.

Der Wettbewerb der Berlinale, ihr eigentliches Schaufenster, kann mit dem Angebot in Venedig und Cannes seit Langem nicht mehr mithalten. Auch das Aufgebot an Stars, die über den roten Teppich laufen, ist in Berlin deutlich schmaler als am Lido oder an der Croisette. Nun könnte man sagen, die Filmkunst sei auf derlei Oberflächenglanz nicht angewiesen. Aber im Kino gehören Starrummel und filmische Höhepunkte zusammen. Und mit der Kunst ist es in Berlin auch nicht eben weit her – nur etwa die Hälfte der Beiträge im Hauptprogramm erreicht das Niveau, das man bei einem so wichtigen Festival erwarten kann.

Die Strahlkraft des Potsdamer Platzes hat abgenommen

Manche der Faktoren, unter denen die Berlinale leidet, kann sie kaum beeinflussen. Berlin liegt nun einmal nicht unter Palmen am Strand, und der deutsche Winter ist keine gute Zeit für Fotoshootings im Freien. Aber auch die Aura eines Winterfestivals kann reizvoll sein. Allerdings hängt sie entscheidend von der Umgebung ab. Seit fünfundzwanzig Jahren wohnt die Berlinale im Musicaltheater am Potsdamer Platz zur Miete. In dieser Zeit hat die Strahlkraft des gesamten Viertels stark abgenommen, und auch der Bau von Renzo Piano hat seine besten Tage hinter sich. Die Filmfestspiele können hier auf Dauer nicht bleiben, und das bedeutet, dass der Kulturstaatsminister, der ihren Etat mit 12 Millionen Euro jährlich bezuschusst, sich etwas einfallen lassen muss.

Herr des Goldenen Bären: Wim Wenders, der diesjährige Jurypräsidentdpa

Gleichzeitig sucht die Bundesregierung seit Jahren nach einem Standort und der Finanzierung für einen Neubau, um die Deutsche Kinemathek, ihr Filmmuseum und ihr Archiv (zu dem der Nachlass von Marlene Dietrich gehört) unterzubringen, die aus dem Sony-Center gegenüber der jetzigen Festivalmeile ausziehen mussten. Man brauchte nur zwei und zwei zusammenzuzählen, um eine Lösung für beide Probleme zu finden. Der Bund könnte den Piano-Bau kaufen und entsprechend umrüsten, damit Festival, Museum und Kinemathek gemeinsam dort unterkommen können.

Oder er könnte, besser noch, ein völlig neues Gebäude in Auftrag geben, das als Archiv, Kinomuseum und Festivalpalast das ganze Jahr über in Betrieb wäre und den Ruf Berlins als Filmmetropole stärken würde. Freiflächen für ein solches Vorhaben gibt es selbst mitten in der Hauptstadt noch genug. Die Berlinale würde damit nur nachholen, was ihre Konkurrenten lange erreicht haben, denn Cannes und Venedig haben vom Staat schon in den Achtziger- und Neunzigerjahren neue Spielstätten bekommen. Wenn Wolfram Weimer auf der Suche nach einem Projekt ist, mit dem er seine kulturpolitische Durchschlagskraft be­weisen könnte: Hier ist es.

Bis dahin bleibt die Berlinale ein Festival im Übergang, ein Kultur-Event, das wie das wiedervereinigte Deutschland noch nicht richtig in der Gegenwart angekommen ist. Sie ist längst nicht so schlecht wie ihr Ruf, und das hauptstädtische Publikum liebt sie. Aber sie könnte noch viel mehr. Was zu beweisen wäre.

Source: faz.net