Beim ersten Treffen von Trumps „Friedensrat“ heute soll über die Zukunft von Gaza gesprochen werden. Trump und sein Schwiegersohn Kushner entwerfen eine rosige Vision für das Gebiet – mit der Wirklichkeit hat das vorerst nichts zu tun.
Vor etwa einem Jahr steht US-Präsident Donald Trump mit Israels Premier Benjamin Netanjahu bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus den Journalisten Rede und Antwort. Trump wird dabei nach der Zukunft des Gazastreifens gefragt, und er entwirft ein ganz besonderes Szenario:
Ich finde das Potenzial des Gazastreifens unglaublich, und ich glaube, die ganze Welt wäre gerne dort. Ich will kein Besserwisser sein, aber es ist die Riviera des Nahen Ostens. Daraus könnte etwas Großartiges entstehen.
Die Realität: ein Flüchtlingszelt neben dem anderen
Der zerbombte Küstenstreifen als Riviera des Nahen Ostens – statt Kriegsgebiet eine Tourismusoase? Der Kontrast zwischen Realität und Trumps Szenario könnte nicht größer sein.
Ein Jahr nach dieser gewagten Vision, die manche als phantastisch, andere wiederum als utopisch bezeichnen, sind die Verhältnisse in dem Küstenstreifen alles andere als lebenswert. Im Westen von Gaza-Stadt reiht sich ein Flüchtlingszelt an das nächste.
Hunderttausende im Gazastreifen haben alles verloren. So wie die 50-jährige Umrami, die Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters ihre hoffnungslose Lage schildert.
Wir hier in Gaza sitzen in einem großen Käfig. Warum sind wir eingesperrt? Es ist mein Recht, als Mensch, als ältere Frau anders zu leben. Doch weder für meine Kinder noch für mich gibt es ein menschenwürdiges Leben.
Die Zukunft liegt außerhalb von Gaza
Vor allem junge Menschen im Gazastreifen sehen keinerlei Zukunft. Trumps Riviera-Visionen sind für sie nichts anderes als Luftschlösser eines Immobilienmagnaten, der auf dem Rücken der zerschundenen Bevölkerung seine Geschäfte machen will.
Die junge Studentin Hudaya erzählt der Nachrichtenagentur AFP, dass sie nur noch eines wolle: ihre Heimat verlassen. „Der Krieg hat alles zerstört, nicht nur unsere Häuser und Familien, sondern auch unsere Zukunft. Und in Gaza gibt es keine Zukunft.“
Wie Kushner den Gazastreifen sieht
Trumps Riviera-Vision mag bei den Menschen in Gaza keine Rolle spielen, da die Realität völlig anders aussieht. Vom Tisch ist das Ganze indes nicht, ganz im Gegenteil.
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos präsentierte Trumps Schwiegersohn Jared Kushner Trumps Riviera-Idee als einen Entwicklungsplan. Der sieht den Bau von 180 Wolkenkratzern, 100.000 Wohneinheiten sowie neue Infrastruktur mit Flughafen und Seehafen vor. Geschätzte Kosten: 25 bis 30 Milliarden US-Dollar.
Das neue Gaza – es könnte ein Ort mit viel Industrie sein, ein Ort, dem die Leute vertrauen, mit vielen Jobs, Vollbeschäftigung, voller Möglichkeiten für die Menschen dort. Aber wir brauchen zuerst Sicherheit und eine tragfähige Verwaltung. Im Nahen Osten bauen sie solche Städte für zwei oder drei Millionen Menschen in drei Jahren. Solche Sachen sind sehr langlebig, wenn wir sie hinbekommen.
Das ungelöste Problem mit der Hamas
Allerdings sieht der Entwicklungsplan die vollständige Entwaffnung der Hamas vor. Dass die Terrororganisation dabei mitmacht, ist eher unwahrscheinlich.
Im ARD-Interview betont Hamas-Sprecher Hasem Kassem: „Waffen sind legitim, weil wir sie zur Selbstverteidigung einsetzen. Diese Waffenfrage wird sicherlich mit der palästinensischen Armee oder der palästinensischen Polizei erörtert werden, sobald wir einen palästinensischen Staat errichtet haben.“
Und so bleibt Trumps Gaza-Riviera-Vision eine Schimäre mit vielen Unbekannten, ein Immobiliengroßprojekt, das die politischen und menschlichen Realitäten weitgehend außer Acht lässt.
Source: tagesschau.de