Zukunft dieser Bonner Bühnen: Gretchens Frage ans Theater

Sanieren oder abreißen? Die Gretchenfrage der maroden deutschen Infrastruktur stellt sich auch für die Bühnen der ehemaligen Bundeshauptstadt. Noch vor einem Jahr, als das am Rheinufer gelegene Bonner Opernhaus sein sechzigjähriges Bestehen feierte, stellte die damalige Oberbürgermeisterin Katja Dörner von den Grünen eine baldige Instandsetzung des zuletzt 1992/93 umfassend sanierten Gebäudes in Aussicht. Nun soll es abgerissen werden. Das sieht zumindest das Votum der Stadtverwaltung vor, die jetzt fünf Planungsvarianten für die Zukunft der Bonner Bühnen vorgestellt hat. Denn nicht nur die Oper, auch das Bonner Schauspielhaus in Bad Godesberg ist sanierungsbedürftig.

Eine Stabsstelle wurde gegründet, danach eine Arbeitsgemeinschaft, zu der neben der Stabsstelle zwei Planungsbüros gehören, und jetzt, da fünf Varianten vorliegen, hat sich Bonns neuer Oberbürgermeister Guido Déus (CDU) für den Abriss des Opernhauses ausgesprochen. Das denkmalgeschützte Schauspielhaus in Bad Godesberg, der erste Theaterneubau im Deutschland der Nachkriegszeit, soll erhalten und einer anderen Nutzung zugeführt werden.

Der Unterschied zwischen den Varianten beträgt 300 Millionen Euro

Die erste der fünf Varianten sieht die Sanierung beider Häuser vor und würde samt einem Interimsbau geschätzte 665 Millionen Euro kosten. Variante B wäre noch einmal knapp siebzig Millionen teurer: Für einen Neubau der Oper am jetzigen Standort, die Sanierung des Schauspiels und das Interim werden 734 Millionen Euro veranschlagt. Würde das Opernhaus am alten Ort in Modulbauweise errichtet, wie es die dritte Variante vorsieht, beliefen sich die Gesamtkosten auf 464 Millionen. Varianten D und E sind noch günstiger, denn sie kämen ohne eine kostspielige Interimslösung aus. Für eine neue Oper in Modulbauweise auf dem Areal einer ehe­maligen Jutespinnerei an der Siegburger Straße im rechtsrheinischen Stadtbezirk Beuel und die Sanierung des Schauspiels werden 445 Millionen veranschlagt, der Neubau eines Zweispartenhauses in Modulbauweise am selben Ort soll für 426 Millionen realisiert werden können, die Abrisskosten des alten Opernhauses mit den vom Zero-Künstler Otto Piene gestalteten Lichtinstallationen in Zuschauerraum und Parkett­foyer eingerechnet.

Eine Entscheidung ist damit aber noch nicht gefallen. Die Varianten sind Teil einer Beschlussvorlage, die jetzt den zuständigen Ausschüssen zugeht. Ob eine Entscheidung noch vor der Sommerpause erfolgen kann, wie es Bonns Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger anstrebt, scheint fraglich. Denn zum einen ist das eindeutige Votum für den Abriss des von den Stuttgarter Architekten Klaus Gessler und Wilfried Beck-Erlang entworfenen, 1965 eingeweihten Opernhauses recht überraschend, zum anderen wirft die jetzt favorisierte Variante einige Fragen auf.

Das Schauspielhaus in Bonn-Bad Godesberg war der erste Theaterneubau der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit.Picture Alliance

Es soll bereits Interessenten aus der Freien Theaterszene geben, die das alte Schauspielhaus gern bespielen würden, aber vom Anmelden eines Interesses bis zum ausgearbeiteten Nutzungskonzept kann es ein weiter Weg sein. Zum anderen scheint noch völlig offen, was nach dem Abriss der Oper mit dem wertvollen Grundstück an der Kennedybrücke geschehen soll, wo die Oper an die Stelle der Kriegsruine eines barocken Stadt­palais, des Boeselager Hofes, trat. Eine Nutzung durch Investoren möchte man ausschließen. Der „Bonner General-Anzeiger“ zitiert den Oberbürgermeister mit der recht vagen Ankündigung, dort müsse „etwas im Sinne der Bürger entstehen“. Erst kürzlich ist nach knapp zehnjähriger Sanierung die ebenfalls am linksrheinischen Ufer gelegene, nur neun Minuten Fußweg vom Opernhaus entfernte Beethovenhalle wiedereröffnet worden (F.A.Z. vom 18. Dezember 2025). Das 1959 eingeweihte Konzerthaus sollte auch einmal abgerissen und durch ein Festspielhaus ersetzt werden.

Die Bonner Stadtgesellschaft dürfte vor einer heftigen Diskussion stehen, bei der es auch um liebgewordene Traditionen gehen wird. Keine geringe Rolle spielen die Vorgaben und Möglichkeiten des Stadtkämmerers. Um fünf Millionen Euro im Jahr möchte er den Kulturetat reduzieren. Dieses Ziel wäre nur mit dem Neubau des Zweispartenhauses in Beuel zu erreichen. Etwa 5,6 Millionen Euro im Jahr sollen hier bei Kosten für Betrieb, Logistik und Instandhaltung ein­gespart werden können. Bei den anderen Varianten wäre das Einsparungspotential nicht einmal halb so hoch. Die Stadtverwaltung hat es nun eilig: Zum einen sei der Spielbetrieb in der Oper nur noch für höchstens fünf Jahre gewährleistet, zum anderen schlage jedes Jahr Verzug mit mindestens zehn Millionen Euro zu Buche.

Source: faz.net