Zu wenig Wohnraum – vergessene Seniorinnen und Senioren

Stand: 24.02.2026 • 18:06 Uhr

Vom Eigenheim ins Pflegeheim – viele Seniorinnen und Senioren wollen das vermeiden und suchen früh eine altersgerechte Wohnung. Doch der Mangel ist groß, wie Report Mainz-Recherchen zeigen. Es fehlen 2,3 Millionen Wohnungen, Tendenz steigend.

Von Aleksandra van de Pol und Heiner Hoffmann, SWR 

Familie Engel-Martensen wohnt seit 16 Jahren zur Miete in einem Haus bei Hildesheim in Niedersachsen: großer Garten, helles Wohnzimmer, schöne Aussicht. Wären da nicht die Treppen. Rolf Martensen, 75, hat Krebs, das Treppensteigen ist zur Tortur geworden. Seine Frau Barbara Engel ist auf den Stufen ausgerutscht und hat sich den Fuß gebrochen. Nun suchen die beiden nach einer altersgerechten Wohnung. „Ich möchte selbst entscheiden: Wo werde ich wohnen? Und möchte hier in dem Haus nicht mit dem Krankentransport herausgefahren werden“, sagt die 70-Jährige.

Doch die Suche gestaltet sich schwierig. Am liebsten wären die Rentner in ihrer niedersächsischen Heimat Bad Salzdetfurth geblieben, im Ort wurde auch eine altersgerechte Wohnanlage gebaut – doch seit vier Jahren stehen sie auf der Warteliste. Auch andere Anlagen waren ausgebucht oder zu teuer. Eine Erfahrung, die viele Seniorinnen und Senioren in Deutschland machen.

Bedarf steigt auf 3,7 Millionen bis 2035

Das Bundesbauministerium bestätigt auf Anfrage des ARD-Magazins Report Mainz: Es fehlen 2,3 Millionen altersgerechte Wohnungen.

Dabei werden in Zukunft laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft mehr Rentnerhaushalte ein barrierefreies Zuhause benötigen: Ihre Zahl wird sich danach bis 2035 von etwa drei Millionen auf 3,7 Millionen erhöhen.

Problem vor allem im ländlichen Raum

Romy Reimer berät als Geschäftsführerin des Vereins „Forum Gemeinschaftliches Wohnen“ bundesweit zum Thema altersgerechtes Wohnen. Sie kritisiert: „Da wurden Entwicklungen verschlafen und nicht die richtigen Weichen gestellt.“ Vor allem im ländlichen Raum dominierten Eigenheimsiedlungen, nur ein Bruchteil der Häuser sei barrierefrei, altersgerechte Alternativen gebe es zu wenige. Zudem seien in strukturschwachen Regionen Eigenheime immer weniger wert, sodass der Erlös aus dem Verkauf nicht ausreicht, um eine barrierefreie Wohnung zu finanzieren.

Das Bauministerium verweist auf Report-Mainz-Anfrage darauf, dass derzeit etwa 74.000 altersgerechte Wohnungen jährlich gebaut würden. So könne bis zum Jahr 2040 zumindest der Mehrbedarf durch die alternde Bevölkerung ausgeglichen werden. Die bereits bestehende Lücke von 2,3 Millionen Wohnungen werde „allerdings nicht geschlossen“. Und das Ministerium räumt ein: „Bundesweit entstehen die meisten altersgerechten Wohnungen im Neubau in Großstädten und städtischen Kreisen.“ Auf dem Land bleibt der Mangel also groß.

Keine Daten, Flickenteppich an Vorgaben

Auf Report-Mainz-Anfrage teilen fast alle Bundesländer mit, dass ihnen keine Zahlen zu Bestand und Bedarf an altersgerechten Wohnungen vorliegen. Auch die Bauordnungen der Länder unterscheiden sich deutlich.

Während in Nordrhein-Westfalen jede Wohnung in größeren Neubauten barrierefrei sein muss, ist in Schleswig-Holstein nur ein Geschoss verpflichtend.

Immobilienökonom Christian Oberst vom Institut der deutschen Wirtschaft kritisiert diesen Flickenteppich: „Wir haben sehr viele Vorschriften, und die Regularien sind auch in jedem Bundesland anders, sodass es schwierig ist, da eine Übersicht zu haben.“ Er fordert einen bundeseinheitlichen Mindeststandard für den Bau altersgerechter Wohnungen.

Neben dem Neubau spielt auch der altersgerechte Umbau bestehenden Wohnraums eine wichtige Rolle. Die Bundesregierung fördert solche Sanierungsmaßnahmen über Zuschüsse der Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Doch während dafür im Jahr 2024 noch 150 Millionen Euro veranschlagt wurden, gab es 2025 gar keine Mittel mehr; nach heftiger Kritik wurden im aktuellen Haushaltsjahr 50 Millionen Euro bereitgestellt. Die wohnungspolitische Sprecherin der Grünen, Hanna Steinmüller, kritisiert das: „Dieses Hin und Her führt dazu, dass man altersgerechte Wohnungen weiterhin mit der Lupe suchen muss.“

Der SPD-Wohnungspolitiker Hendrik Bollmann räumt im Interview mit Report Mainz ein: „Wir werden daran arbeiten müssen, dass wir solche Programme weiter ausbauen in den nächsten Jahren.“

Er verweist zudem auf die zentrale Rolle des sozialen Wohnungsbaus, hier seien bereits mehr als 60 Prozent der entstandenen Wohnungen barrierearm.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie heute um 21:45 Uhr im Ersten bei Report Mainz.

Source: tagesschau.de