Zu teuer? Zu riskant? Deshalb braucht es „Artemis 2“

Vier Nasa-Astronauten fliegen weiter von der Erde weg als je ein Mensch zuvor. Trotzdem wird die Mondmission „Artemis 2“ kritisiert. Dabei ist sie ein wichtiger Test für den Westen – und bietet Hoffnung für die gesamte Menschheit.

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Zu teuer, zu viel Pathos, technisch nicht ausgereift, politisch nicht zu rechtfertigen – Kritik an „Artemis 2“ gibt es zuhauf. Mit der ersten bemannten Mondmission seit „Apollo 17“ vor 54 Jahren sind vier Astronauten mit der Orion-Kapsel zu einem rund zehntägigen Flug um den Mond gestartet. Sie fliegen weiter von der Erde weg als je ein Mensch zuvor.

Die Mission dient dazu, eine dauerhafte Präsenz auf dem Mond aufzubauen und die Grundlage für bemannte Mars-Missionen zu schaffen. Zwar haben auch angesehene Astronauten und Ingenieure die Sicherheitsvorkehrungen der Nasa kritisiert – doch Raumfahrt ist nicht der Kult der Perfektion, sondern die organisierte Fähigkeit, Zweifel, Defekte und Rückschläge in Zukunftsträume zu verwandeln.

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Schließlich ist Raumfahrt eine Geschichte von Plänen, bei denen Skepsis immer vernünftig klingt – bis sie von Erfolgen widerlegt wird. Zuerst heißt es: Das geht nicht. Dann: Das ist zu gefährlich. Dann: Selbst wenn es geht, bringt es nichts. Und wenn es schließlich doch gelingt, wird der Erfolg rückwirkend zur Selbstverständlichkeit erklärt.

Der Weg zum Mond in den 1960er-Jahren verlief holprig und war voller Pannen. Raketen explodierten, Sonden verfehlten Ziele, Systeme fielen aus; Bedenken erwiesen sich als berechtigt. Doch Astronauten trotzten den Risiken und landeten schließlich auf dem Mond. Ihr Foto vom Aufgang der Erde, das legendäre „Earthrise“-Bild, änderte den Blick der Menschheit auf den blauen Planeten.

Zudem gab es beim Landeanflug der „Apollo 11“-Mission massive Probleme, beispielsweise steuerte der Bordcomputer die Raumfähre zu einem Gelände, das Neil Armstrong für ungeeignet hielt. Er übernahm manuell, flog weiter und setzte mit einer äußerst knappen Treibstoffreserve auf – und betrat als erster Mensch den Mond. Die Nasa hat diese erste erfolgreiche Mondlandung später als Beinahe-Katastrophe beschrieben, bei der „nur für 30 Sekunden Treibstoff übrig“ war.

Erfolgreiches Scheitern

Die Nachfolgemission „Apollo 12“ wurde kurz nach dem Start von Blitzschlägen getroffen, massive Störungen waren die Folge. Dennoch erreichte die Crew den Mond und kehrte sicher zurück. „Apollo 13“ endete 1970 nach der Explosion eines Sauerstofftanks beinahe im Desaster, aber ihr gelang die Notlandung im Meer – ein zumindest erfolgreiches Scheitern.

Deshalb klingen die Einwände gegen „Artemis 2“ merkwürdig vertraut. Etwa die Behauptung, Roboter könnten das billiger als Astronauten. Oder, der Klassiker, auf der Erde gebe es dringlichere Probleme. Beides mag stimmen, aber die Geschichte der Mondfahrt lehrt, dass die Mischung aus moralischem Naserümpfen und technokratischer Kleinrechnung zu kurz greift.

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Was haben Mondmissionen gebracht? Neben Erkenntnisgewinnen über das nahe Weltall bewirkten sie technologische Schübe und trieben die Industrie zu Spitzenleistungen. Sie halten die Hoffnung auf nächste Entwicklungsschritte der Menschheit aufrecht. Eine Zukunft im All biete eine Perspektive für langfristiges Überleben, betonte schon der 1996 verstorbene Physiker Carl Sagan, einer der legendären Wissenschaftler Amerikas.

US-Präsident John F. Kennedy begründete das Mondfahrtprogramm mit der Herausforderung, „das Beste aus uns zu machen“. Denn Gesellschaften, die sich nur noch das Nächstliegende zutrauen, verlieren den Mut zum Fortschritt. Weshalb „Artemis 2“ auch ein Test ist, ob der Westen noch weiß, was Kennedy damals meinte – nämlich dass das gesamte Gemeinwesen an dieser Herausforderung wachsen werde.

Axel Bojanowski ist Chefreporter Wissenschaft bei WELT. In seinem Buch „33 erstaunliche Lichtblicke, die zeigen, warum die Welt viel besser ist, als wir denken“ (Westend-Verlag) erzählt er von den größten Fortschrittsgeschichten der Menschheit.

Source: welt.de

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