In dem Haus am Castello Sforzesco in Mailand, in dem Umberto Eco bis zu seinem Tod lebte, hängt im Wohnzimmer ein gerahmtes Foto von ihm. Es zeigt Umberto Eco am Strand von Camoglie. Er blickt hinaus aufs Meer, trägt seinen Hut, den Gehstock. Man erkennt ihn, obwohl er mit dem Rücken zum Fotografen steht. Es ist September 2015, dem Licht nach zu urteilen, später Nachmittag. Umberto Eco wusste damals, dass er bald sterben wird. Dennoch war er wie jedes Jahr mit seiner Familie zu dem Literaturfestival in Ligurien gereist, das er gegründet hatte. Seine Frau Renate Ramge, seine Tochter Carlotta und Stefano, der Sohn, saßen im Publikum. Später traf man sich mit Freunden. Ein halbes Jahr später, am 19. Februar 2016, starb Umberto Eco mit 84 Jahren in Mailand.
In seinem Testament äußerte er den Wunsch, dass zehn Jahre lang keine Konferenz über ihn abgehalten werden sollte. Die Presse schrieb von einem „auferlegten Schweigen“, vielleicht, weil es nach Mönchstum und „Der Name der Rose“ klingt. Ecos Wunsch war aber nicht Ausdruck von Abgehobenheit. Er lehnte postume Verherrlichung ab, mochte weder emotionalen Überschwang noch reflexhafte Wiederholung von Gemeinplätzen. Unsterblichkeit erlange man durch Lesen. Das „soziale und kulturelle Gedächtnis“ brauche Zeit, „als Filter zu wirken, um nicht alles zu bewahren“, damit Raum für neue Sinnstiftungen entsteht. Die zehn Jahre sind nun um. Die akademische Welt hat Ecos Wunsch weitgehend befolgt, was aber nicht heißt, dass nicht ständig über Eco geschrieben und gesprochen wurde. Über seine Interpretationsansätze für die Gegenwart, über die Romane und besonders über seine Bibliothek.
Umzug wegen der vielen Bücher, der Boden wurde verstärkt
Bilder, Texte und Bücher waren Ecos tägliches Werkzeug zur Erweiterung des eigenen Denk- und Handlungshorizonts. Er baute seine Bibliothek permanent aus. Umberto Eco war aber auch ein Bibliophiler, der ein Buch auch wegen der Schönheit seines typographischen Satzes sammelte. Als er starb, hinterließ er seinen Bücherschatz und seine Papiere seinen Erben – zusammen mit der Freiheit, über deren Zukunft zu entscheiden.
„Es war von Anfang an die Absicht der Familie, die Bibliothek der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, sagt Carlotta Eco. Der Handlungsspielraum war aber begrenzt. Italiens Gesetz zum Schutz und Erhalt von Kulturgut sieht Auflagen für die Konservierung von Büchersammlungen und Archiven vor, die von Privatpersonen kaum zu erfüllen sind. Die Familie überließ die Sammlung von 1260 antiken Büchern, der Eco den Namen „Bibliotheca semiologica, curiosa, magica, lunatica, et pneumatica“ gab, dem italienischen Staat. Sie befindet sich seit 2022 in der Biblioteca Nazionale Braidense in Mailand. Umberto Ecos Arbeitsbibliothek mit 44.000 Bänden und seine persönlichen Unterlagen überschrieb sie als Schenkung der Universität Bologna mit der Auflage, die Büchersammlung öffentlich zugänglich zu machen. Sie kommt in einen eigenen Trakt der Universitätsbibliothek, der 2026 eröffnet werden soll. Die ersten 2500 Bände hat sie schon erhalten. In einigen Wochen werden die übrigen umziehen.
Für die Familie ist das ein großer Schritt. Jedes Buch, jede Notiz und Anordnung in den Regalen erzählt eine Geschichte über Umberto Eco, den Autor, den Semiotiker, den Ehemann, den Vater, den Großvater. Die Bände spiegeln seine intellektuelle Reise und deren wissenschaftliche Fortsetzung wider, die Sammlung war aber auch immer ein zentraler Teil des familiären Lebens. Sie hat sich in dessen DNA eingeschrieben. Umberto Eco und Renate Ramge lernten sich in den Räumen des Bompiani-Verlags kennen, für das die 1935 in Frankfurt geborene Kunsterzieherin als Grafikerin arbeitete. Sie heirateten 1962, während eines Buchmesse-Aufenthalts in Frankfurt. Stefano und Carlotta Eco wuchsen mit den Büchern auf, deren stetiger Zuwachs oft der Grund für die Zimmeraufteilung und für Umzüge war.
„Wir sind in den Neunzigerjahren in diese Wohnung gezogen, weil es in der alten keinen Platz mehr für Umbertos Bücher gab. Sie waren überall. Der Boden wurde verstärkt, damit er das Gewicht der Regale ohne Einsturzgefahr trägt“, sagt Renate Ramge. Seinen Enkeln zeigte Eco mit Vergnügen die Tiere, Monster und Kreaturen aus Werken von Aldrovandi und Kircher oder die prächtigen Seiten der Hypnerotomachia Poliphili, 1499 gedruckt von Aldo Manuzio. Selbst jetzt, obwohl ein Teil der Sammlung schon weg ist, sind die Bücher überall. Sie stapeln sich auf dem Klavier, dem Tisch. Dort steht auch die Vitrine, in der Eco besondere Bände ausstellte. „Wenn er einen neuen gekauft hatte, hat er uns gleich gerufen, um uns die schönen Bilder zu zeigen. Die Bücher waren seine Art, miteinander ins Gespräch zu kommen.“
Perfekte, aber völlig falsche Theorien
Bis hierhin wurden die Besucher in der Regel geführt. In das sogenannte Antikenzimmer am Anfang des langen Flurs, für das Carlotta Eco Schränke mit versteckten Schubladen für die Zettelkästen entwarf, nahm er nur enge Freunden wie Roberto Benigni, Valentino Bompiani, Michael Krüger oder den Komponisten Luciano Berio mit. Der Schriftsteller Nassim Nicholas Taleb war so begeistert, dass er die Sammlung in „Der schwarze Schwan“ zum Anlass für einen Exkurs über den Umgang mit Wissen nahm. Das Antikenzimmer, ohne Telefon, ohne Computer, war Ecos Zufluchtsort – stundenlang vertiefte er sich dort in die alten Bücher, war fasziniert von Theoretikern perfekter, aber völlig falscher Theorien. Das ist der rote Faden der Sammlung, die jetzt in Brera ist. Nach jeder Reise kam mindestens ein neuer Band hinzu. Eco fand sie bei den Bouquinisten entlang der Seine oder in Antiquariaten in London, Turin, Paris oder New York.
Bevor die Antikensammlung eine neue Heimat fand, drehte der Regisseur Davide Ferrario eine Dokumentation über die Bibliothek. Die Ecos wollten eine lebendige Erinnerung. Die letzte Filmszene zeigt, wie Ecos Enkelin Anita auf Rollschuhen durch die Regalreihen fährt.
Nach dem Tod ihres Vaters ließ Carlotta Eco ihre Tätigkeit als Architektin ruhen und beschäftigt sich seitdem täglich mit dem Bucherbe. Die Familie wollte genau wissen, was sie hat, bevor sie die Bücher gehen lässt. Sie erstellte Bestandsverzeichnisse; für jedes der 44.000 Werke einen Datensatz zu Provenienz und Marginalien. Eine immense Aufgabe, die persönliche Hingabe und Pragmatismus erforderte. Verwandte und enge Freunde halfen mit, auch wissenschaftliche Weggefährten wie Riccardo Fedriga, der lange mit Umberto Eco zusammenarbeitete.
Viele Bände enthalten Beilagen wie Briefe, Visitenkarten, Fotos, Zeitungsausschnitte und andere gedruckte Texte sowie Exlibris, Widmungen, handschriftliche Notizen und Zeichnungen. „Um sich Situationen vorzustellen, über die er schreiben konnte, hielt Umberto Eco manche Ideen mit Skizzen, Wortspielen und Karikaturen fest, damit sie ihm im Gedächtnis blieben“, sagt Riccardo Fedriga. Es gibt einen Fotografen in der Familie, er fertigte fotografische Bestandsaufnahmen der Bücher an, da eine virtuelle, durch Hyperlinks navigierbare Bibliothek entstehen soll. Die Fotos machen sichtbar, was Aby Warburg „Gesetz der guten Nachbarschaft“ genannt hat: die organische Verbindung zwischen einem Band oder Thema und dem nächsten. „Ich habe das Leben und die Arbeit meines Vaters durch die Auseinandersetzung mit der Sammlung viel besser kennen gelernt“, sagt Carlotta Eco.
Italiens Lieblingsnervensäge für beißende Kritik
Für Italien ist Umberto Eco die bedeutendste Kulturpersönlichkeit der Nachkriegsgeschichte. Er verkörperte den Archetyp des öffentlichen Intellektuellen, der Wissenschaft mit Populärkultur und Erzählkunst verband. Mit dem Erfolg von „Der Name der Rose“ (1980) zeigte er, dass Belletristik, Philosophie, mittelalterliche Geschichte und Semiotik miteinander verbunden und zu einem Massenphänomen werden können. Als Professor für Semiotik war er einer der Ersten, der die Auswirkungen der Massenkultur und der neuen Medien theoretisierte. Sein Essay „Fenomenologia di Mike Bongiorno” (Phänomenologie von Mike Bongiorno), der den beliebten italienischen Quizmaster als Prototyp des Durchschnittsmenschen analysierte, gilt als Klassiker der Fernsehkritik. In seiner Kolumne „La bustina di Minerva“ in der politischen Wochenzeitschrift „L’Espresso“ kommentierte Eco jahrzehntelang die italienische Gesellschaft und wurde, so das Magazin „Vice“, Italiens „Lieblingsnervensäge“. Wenn es um Eco geht, ist man in Italien sofort hellwach. Zu Lebzeiten achtete er streng darauf, die Privatsphäre der Familie zu schützen.
Zu seiner Trauerfeier im Schlosshof des Castello Sforzesco, auf das Ecos Blick aus dem Antikenzimmer ging, fanden sich Tausende Menschen ein. Sie standen bis nach draußen, auf den Vorplatz, erinnert sich Renate Ramge. „Ich fragte mich: Wie soll ich da durchkommen? Also habe ich mich mit Gewalt durch die Menschenmenge gedrängt und gesagt: ‚Entschuldigung, lassen Sie mich bitte durch.‘ Es gab natürlich eine große Unruhe. ‚Wir haben auch in der Schlange gestanden, also stellen Sie sich auch an‘, rief jemand. ‚Aber ich bin die Witwe‘, erwiderte ich. Um es kurz zu machen: Alle traten danach zur Seite.“
Dass die Familie 2023 die Fondazione Umberto Eco gründete, machte sie erst jetzt publik. Sie soll den Erhalt und die Erforschung des Bücherschatzes und dessen öffentlichen Zugang unterstützen und den Geist Umberto Ecos lebendig halten. Vieles, was er gesagt oder geschrieben hat, besitzt noch immer Aktualität. „Falsche Erzählmaschinen zu demontieren und ihre ideologischen Voraussetzungen aufzudecken, war für ihn fast eine moralische und berufliche Pflicht. Er nahm sie sehr ernst, weil er alle Risiken erkannte: Wenn etwas wahr ist, weil man daran glaubt, müssen die Hüter der Sprache besonders wachsam sein“, sagt Riccardo Fedriga. Die Homepage der Stiftung durchweht der Sinn Umberto Ecos für Ästhetik und feine Ironie, man kann virtuell in seine Bibliothek eintauchen und zu Werken recherchieren. Eine Weltkarte zeigt mit bunten Punkten, wo Eco lehrte, Ehrendoktorwürden bekam, Preise.
Mit Fotos von Objekten aus der Mailänder Wohnung öffnet sich auch ein Türspalt zur privaten Sphäre des Intellektuellen. „Es sind Gegenstände, die den physischen und mentalen Raum meines Vaters prägten“, sagt Carlotta Eco. Da sind beispielsweise die Figürchen der Peanuts aus dem Regal hinter Ecos Schreibtisch. Ein Mausklick, und es erscheinen Zitate aus seinen Bänden, die zeigen, wie er den Umgang mit Objekten wie ihnen in Text verwandelte. Noch steht die Stiftung an ihrem Anfang.
Eine Buchküche zum Kreieren neuer Gerichte
Es gibt Termine für Konferenzen, und im Oktober wird in der Nationalbibliothek Braidense eine Schau eröffnet, die sich der Entstehungsgeschichte von Ecos Roman „Die Insel des vorigen Tages“ widmet. Sie wird darlegen, mit welchen Büchern seiner Antikensammlung Eco bei dessen Entstehung arbeitete. Es wird eine Zeitreise durch Literatur, Geschichte, Wissenschaft und Südsee-Seefahrt, die in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Kulturwissenschaftler Jeffrey Schnapp, der Direktor des MetaLab in Harvard, als immersive Erfahrung präsentiert wird. Bei dem globalen 24-stündigen Streaming-Marathon, den die Stiftung zum 10. Todestag Umberto Ecos zusammen mit der Fondazione Bottega Finzioni veranstaltet, führte Schnapp ein Gespräch mit einem durch KI generierten Abbild des Intellektuellen.
Der Weg in die Bibliothek beginnt gleich neben dem Wohnzimmer mit Katalogen zu Architektur, Malerei, Bildhauerei, Kunsttheorie, Fotografie sowie Enzyklopädien. „Das ist eine Art Zwischenreich, da er sich eher meinen Interessen und jenen meiner Mutter widmet“, sagt Carotta Eco. Mit Büchern zu Ikonologie, visueller Semiologie, Kino und Musik ist der Übergang fließend. Opernlibretti der Scala stehen neben Programmheften und Erstausgaben von Musiklexika. Umberto Eco spielte Flöte, meistens im Antikenzimmer. Sein Notenständer steht dort noch, die Regale, in denen Werke von Athanasius Kircher, Giordano Bruno, Heinrich Khunrath und andere Bände aus dem 16. bis 19. Jahrhundert standen, füllen jetzt das Archiv der Stiftung. „Bei den Büchern der neuen Bibliothek ging es um Gebrauch, um Arbeit. Die alte Bibliothek war wie ein Gewürzschrank mit Kostbarkeiten aus aller Welt, die anregten und Ideen gaben. Die übrige Bibliothek war die Küche mit Geräten und Zutaten, um neue Gerichte zu kreieren“, sagt Carlotta Eco.
Ein langer Gang führt tiefer in die Bibliothek hinein. Es ist, als bewege man sich in das Innere eines Körpers, und so, als lebendigen Organismus, beschreibt Ecos Tochter die Bibliothek: „Wenn das Interesse meines Vaters an einem Thema nachließ, veränderte das auch die Ordnung der Bücher, weil Werke, die bis dahin leicht erreichbar sein sollten, nach weiter oben im Regal wanderten, um neuen Leidenschaften Platz zu machen.“ So sei es etwa mit den Comics gewesen. In jungen Jahren brachte Eco sich mit ihnen Englisch bei, ab den Sechzigerjahren wandte er semiotische Methoden an, um ihre Bedeutung zu analysieren. Jetzt stehen sie ganz oben im Regal, erreichbar nur mit einer Leiter. Das Herzstück, von dem aus die Verbindungen zu allen anderen Büchern ausgingen, sind die Feuilletons, Fortsetzungsromane aus dem 19. Jahrhundert – Eco hatte sie noch aus seiner Jugendzeit, später kaufte er die Originale. Ihre Struktur, das Erzählen in Abschnitten, diente ihm als Vorbild für das eigene Schreiben.
Was noch im Flur steht, horizontal und in Schichten sortiert: italienische Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, viele französische Autoren. Die Bücher sind eine Reise um die Welt. Den „tedeschi“, den Deutschen, wurden auch Elfriede Jelinek und Robert Musil zugeschlagen. Es gibt einiges von Ernst Jünger, zwei Titel von Kehlmann, von Hans Christoph Buch, Böll, Benn, mehrere Werke von Thomas Bernhard und Brecht, von Michael Ende, viel Kafka, Enzensberger, Thomas Mann. Der Gedichtband von Michael Krüger, „Di notte tra gli alberi“, erschienen 2002 bei Donzelli Poesia, hat auf Seite 192 ein Eselsohr. Dort steht das Gedicht „Gewitter“, „Temporale“: „Auch die Bücher regten sich / und entließen immer dieselben Wörter, / bis ihr Herz leer war. / Was für ein toller Lärm.“
Der Büchergang mündet in Umberto Ecos Büro. Ein Ledersofa, ein Schaukelstuhl, zwei schwarze Schreibtische, an der Decke Ventilatoren. Dort saß er, im Rücken Wörterbücher, Lexika, am Fenster ein Regal mit CDs: Trio Mediaeval, John Cage, Renato Carosone, Gianluigi Trovesi, Django & Errol. Eco hörte beim Arbeiten fast immer Musik.
Antike Philosophie, die griechischen Klassikern, die gesamte Geschichte der Enzyklopädie, ein eigener Bereich zu Thomas von Aquin, über den Eco seine Abschlussarbeit schrieb, die Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts, der Psychoanalyse, der Soziologie und Anthropologie. Regale mit Büchern über Rhetorik, Sprachtheorie, Semiotik.
Am Rand ein „C“ für „Citazione“
Mit Zetteln ist markiert, wo jene Bücher standen, die jetzt schon in Bologna sind. Ihre Marginalien zeigen, wie Umberto Eco Wissen verarbeitete, hinterfragte oder mit eigenem verknüpfte. Zahlreiche Unterstreichungen nahm er in Hans Magnus Enzensbergers Essaysammlung „Einzelheiten“, die in Italien als „Questioni di dettaglio“ 1965 erschien, vor. Enzensberger untersucht darin die Mechanismen der Bewusstseinsindustrie. Eco interessierte offenbar besonders der Abschnitt über die Sprache des „Spiegel“, dort sind die meisten Markierungen sowie ein „C“ für „Citazione“ – er wollte die Stelle irgendwo zitieren. „Eco hielt die peripheren Aspekte, die Details, für aufschlussreicher für die Ticks der Sprache in ihrer Filter- und Kontrollfunktion gegenüber der Gesellschaft als den Mainstream: Schließlich war es Leibniz, der sagte, dass Gott im Detail steckt, und Eco liebte Leibniz sehr“, sagt Riccardo Fedriga.
Ein anderer Zettel verweist auf den erfolgten Umzug einer Ausgabe von „Der Name der Rose“ von 1980. Eco hatte sie mit handschriftlichen Korrekturen für die Neuauflage versehen. Auf Seite 12 sollte das Wort „consiglio“ durch „suggerimento“ ersetzt werden, „Empfehlung“ durch „Vorschlag“. Mehrere Zettel stecken auch dort, wo sich Bände mit persönlichen Widmungen von Autoren befanden. Cees Nooteboom hatte den Ecos sein Buch „Le Bouddha derrière la Palissade. Un voyage à Bangkok“ geschickt: „Pour Umberto e Renate Eco ce petit Bouddha, et merci pour le tien. Cees N, Paris 21.9.89“.
Stoff für mindestens eine Doktorarbeit dürften auch die vielen Marginalien in den Bänden Michel Foucaults hergeben. Im Büro hängt ein Foto mit den beiden Philosophen von einer Konferenz 1968 in Mailand, sie teilten sie einen Tisch. Foucaults 1967 in Italien erschienenes Buch „Die Ordnung der Dinge“ ist voller Unterstreichungen und hingekritzelten Kommentaren. Die Lektüre war auch eine Vorbereitung für Eco. Im November 1967 interviewte er Foucault zusammen mit dem Philosophen Enzo Melandri für die RAI. Es gibt Ausschnitte davon im Internet. Das auf Italienisch und Französisch geführt Gespräch ist sehr lebhaft. Foucault verkündete den „Tod des Menschen als modernes rationales Subjekt“, der junge Eco verteidigte dagegen dessen Fähigkeit als interpretierendes Subjekt. Eine Anekdote erzählt, Eco und Melandri hätten zuvor ein Bier darauf gewettet, ob Foucault den Begriff „Episteme“ griechisch oder französisch aussprechen würde. Melandri gewann; Foucault sprach es auf Französisch aus.
In wenigen Tagen werden Menschen mit Kisten kommen und alle Bücher einpacken. Die Regale werden leer zurückbleiben, wie ein Skelett. „Die Bibliothek war immer in Bewegung. Jetzt wird sie eine öffentliche für alle werden, und das ist schön“, sagt Renate Ramge. „Die Arbeit der vergangenen Jahre war auch eine Vorbereitung auf den Abschied“, sagt Carlotta Eco. „Wir können die Bücher jetzt gehen lassen.“
Source: faz.net