Indien kann bei Bekleidung (hier eine Textilproduktion in Tirupur) strenge Ursprungsregeln erfüllen, da das Land über eine vollstufige textile Wertschöpfungskette verfügt.
Erst Mercosur, jetzt Indien: Die EU hat die Verhandlungen für ein weiteres großes Freihandelsabkommen abgeschlossen. Für die deutsche Modeindustrie ist Indien schon lange ein bedeutender Partner und wird auch als Absatzmarkt zunehmend interessanter. So geht es jetzt weiter.
Die EU und Indien haben die Verhandlungen über den Aufbau einer riesigen neuen Freihandelszone abgeschlossen. Das teilten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premierminister Narendra Modi in Neu-Delhi mit.
Markt mit fast zwei Milliarden Menschen
Das Abkommen wird zwar nicht so umfassend sein wie jenes, das die Europäische Union zuletzt mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay geschlossen hat. Angesichts der Größe des indischen Marktes ist es dennoch eines der größten, das bislang vereinbart wurde.
Eine neue Ära für den Handel
Großbritannien und Indien unterzeichnen Handelsabkommen
Großbritannien und Indien haben sich auf ein Freihandelsabkommen geeinigt, das das Volumen und die Tiefe des Handels zwischen beiden Ländern erhöhen soll. Das Abkommen ist für Großbritannien der bedeutendste Handelsvertrag seit dem Austritt aus der EU.
Indien ist noch vor China mit mehr als 1,45 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt. In der EU leben rund 450 Millionen Menschen. Gemeinsam repräsentieren beide Seiten nahezu ein Viertel des weltweiten BIP und der Weltbevölkerung. Nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie verbessere das Abkommen den Marktzugang zum indischen Markt, insbesondere für die exportorientierten Branchen der deutschen Wirtschaft – darunter Maschinenbau, Chemie/Pharmazie, Elektrotechnik, Luft- und Raumfahrt sowie die Fahrzeug- und Zulieferindustrie. Nach vollständiger Umsetzung würden Zölle auf rund 96,6% der EU-Ausfuhren nach Indien abgeschafft oder gesenkt.
Eine EU-Beamtin in Brüssel sagte, der Handel mit Indien mache bislang nur rund 2,5% des gesamten EU-Warenhandels aus – im Vergleich zu knapp 15% bei China. Trotz vergleichsweise hoher Zölle auf indischer Seite sei der Handel zwischen der EU und Indien in den letzten zehn Jahren bereits um fast 90% gewachsen.
Die Zollsenkungen sollen Einsparungen von rund 4 Mrd. Euro pro Jahr an Abgaben auf europäische Produkte ermöglichen. Nach EU-Angaben sind bereits heute mehr als 6000 europäische Unternehmen in Indien vertreten. Vom Wirtschaftsministerium heißt es weiter, das Abkommen ziele auch darauf ab, bestehende Handelshemmnisse zu reduzieren und Verfahren im bilateralen Handel zu erleichtern, um den Marktzugang für Unternehmen praktikabler zu gestalten. Dies sei vor allem auch für mittelständische Unternehmen ein wichtiger Fortschritt.
Brands Fashion und Sags Apparels setzen Zusammenarbeit fort
Nachhaltige Produktion: Zweite Green Factory geht in Indien in Betrieb
Vor vier Jahren haben Brands Fashion und Sags Apparels im indischen Tiruppur die erste sogenannte Green Factory nach strengen Nachhaltigkeitsstandards in einer bereits bestehenden Fabrik umgesetzt. Nun wurde die Green Factory 2.0 völlig neu erbaut und in Betrieb genommen. Sie will noch höhere Standards erfüllten.
Ähnlich sieht das die Handelsexpertin des DIW Berlin, Sonali Chowdhry. Sie sagt, das Abkommen baue auf den bilateralen Handelsbeziehungen zwischen der EU und Indien auf, die bereits mehr als 170.000 Käufer-Lieferanten-Beziehungen zwischen indischen und EU-Unternehmen umfassen. Ihrer Meinung nach verbessere der Handels-Deal auch den Marktzugang für indische Exporte wie Arzneimittel, IT-Dienstleistungen und Textilien. Gerade bei Bekleidung und Textilien sei Indien im Vergleich zu vielen anderen Freihandelspartnern im Vorteil, heißt es bei Gesamtmasche. Das Land könne auch strenge Ursprungsregeln erfüllen, da Indien traditionell über eine vollstufige textile Wertschöpfungskette verfüge.
Modeimporte steigen
Für die deutsche Modeindustrie ist Indien eines der wichtigsten Importländer für Bekleidung. Nach Angaben von German Fashion lag das Land im ersten Halbjahr 2025 mit wertmäßigen Einfuhren in Höhe von rund 821 Mio. Euro (plus 21%) auf Rang fünf. Zum Vergleich: Im Gesamtjahr 2024 landete Indien bei den Einfuhren nach Deutschland noch auf Platz sechs. Damals kam Bekleidung im Wert von 1,5 Mrd. Euro von Indien nach Deutschland. Spitzenreiter des Rankings für das erste Halbjahr 2025 ist Bangladesch. Von dort wurde in dem Zeitraum Bekleidung im Wert von 3,7 Mrd. Euro importiert. Platz zwei belegt China mit 3,2 Mrd. Euro, auf Rang drei folgt die Türkei mit 2,1 Mrd. Euro. Auf Rang vier findet sich Vietnam mit Einfuhren von 859 Mio. Euro.
Zeitpunkt der Unterzeichnung offen
Bis das Abkommen unterzeichnet werden kann, dürfte es noch einige Zeit dauern. Grund ist, dass der Vertragstext noch rechtlich überprüft und in alle Amtssprachen der EU übersetzt werden muss. Anschließend muss er zudem noch von den Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament gebilligt werden.
Ähnliche Proteste wie beim Mercosur-Abkommen sind nicht zu erwarten, da das Abkommen für hiesige Landwirte sensible Bereiche nicht einbeziehen soll. „Empfindliche europäische Agrarsektoren werden vollständig geschützt, da Produkte wie Rindfleisch, Geflügelfleisch, Reis und Zucker von der Liberalisierung im Rahmen des Abkommens ausgenommen sind“, teilte die EU-Kommission mit. Alle indischen Einfuhren müssten zudem weiterhin die strengen Gesundheits- und Lebensmittelsicherheitsvorschriften der EU einhalten. Mit der fünftgrößten Volkswirtschaft gab es schon von 2007 bis 2013 Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen. Damals scheiterten die Gespräche jedoch und wurden erst 2022 wieder aufgenommen. Das Interesse an einer Einigung erhöhte sich zuletzt auf beiden Seiten angesichts des Verhaltens von US-Präsident Donald Trump.
Signal an Trump
Als äußerst relevant wird das Abkommen zudem auch angesehen, weil die Handelsbeziehungen zu den USA wegen der Zollpolitik von US-Präsident Trump zuletzt unberechenbar geworden sind. Von der Leyen sagte bereits in der vergangenen Woche: „Wir entscheiden uns für fairen Handel statt für Zölle. Für Partnerschaft statt Isolation.“ Die EU wolle Nachhaltigkeit statt Ausbeutung und meine es ernst mit der Risikominderung und der Diversifizierung von Lieferketten.
Neue Freihandelszone
Das bedeutet das Mercosur-Abkommen für die Modebranche
Nach 25 Jahren Verhandlungen wurde am Samstag (17. Januar) das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten unterzeichnet. Das könnte auch Folgen für die Modebranche haben.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuletzt Mitte Januar stark für den Abschluss der Verhandlungen geworben. Mehr als 2000 deutsche Unternehmen seien heute schon in Indien aktiv, und immer mehr indische Unternehmen investierten auch in Deutschland, sagte er bei einem Treffen mit Modi. Mit einem bilateralen Handelsvolumen von fast 50 Mrd. US-Dollar in Waren und Dienstleistungen, einem Rekordhoch, sei Deutschland Indiens wichtigster Partner in der Europäischen Union.
Auf indische Produkte erheben die USA inzwischen Zölle in Höhe von 50%, einschließlich der 25% wegen Handelsgeschäften ihres Partners mit Russland. Indien, das gute Beziehungen zu Moskau wie zum Westen pflegt, bezieht einen Großteil seines Öls und Gases aus Russland, das wiederum die Einnahmen in den Angriffskrieg gegen die Ukraine steckt.